Schoner und Meister geben ihre Pläne für die Saison 2018/19 an der Staatsoper Stuttgart bekannt

Am 17. April 2018 gaben der designierte Intendant der Staatsoper Stuttgart Viktor Schoner und der designierte Generalmusikdirektor Cornelius Meister im Rahmen einer Programmvorschau zentrale Projekte der Saison 2018/19 bekannt. Das neue Leitungsteam, zu dem ab der kommenden Spielzeit neben Viktor Schoner und Cornelius Meister auch Chefdramaturg Ingo Gerlach, Castingdirektor Boris Ignatov, die Direktorin Künstlerische Produktion Simone Theilacker, der Direktor Kommunikation Johannes Lachermeier sowie der Direktor strategische Kommunikation Thomas Koch angehören, stellt Fragen statt Antworten an den Beginn dieser neuen Intendanz an der Staatsoper: Ausgehend von Lohengrins verstörend absolutem Frageverbot über seine Herkunft sollen mit den Neuproduktionen Fragen gestellt werden – philosophische, naive, persönliche. „Es ist der Versuch, die komplexen Zusammenhänge unserer Gegenwart mit der wunderbaren Kunstform Oper zu erforschen; der Versuch einer Differenzierung – auch als Reaktion auf vereinfachende Antworten“, so Viktor Schoner. Die bisher bekannt gegebenen acht Opernpremieren, davon ein Gastspiel, schlagen den Bogen von der Frühklassik bis ins Jahr 2018, von Christoph Willibald Gluck bis zu einer Mozart-Überschreibung, die in diesem Jahr uraufgeführt wurde. Daneben stehen 17 Opern des Repertoires auf dem Spielplan.

„Unser Opern- und Konzertprogramm ist in bester gemeinschaftlicher Arbeit entstanden. Es bringt eine ganze Reihe unserer zentralen Anliegen zum Ausdruck. Wir wissen um die Stuttgarter Tradition, ehren sie und werden sie ins Heute führen“, so Cornelius Meister zur ersten gemeinsamen Saison mit Viktor Schoner. Ganz im Sinne dieser Stuttgarter Tradition dirigiert Cornelius Meister in der ersten Spielzeit sowohl Richard Strauss‘ Ariadne auf Naxos, die 1912 im Kleinen Haus zur Uraufführung kam, als auch Richard Wagners Lohengrin, mit dem im selben Jahr das neu erbaute Große Haus eingeweiht wurde. Eine Neuproduktion dieses Werks wird nun die Intendanz von Viktor Schoner eröffnen.

Im Zentrum von Richard Wagners Lohengrin, der am Samstag, 29. September 2018 Premiere feiert, steht die „verbotene Frage“: „Woher kommst du?“ Cornelius Meister gibt bei dieser Eröffnungspremiere seinen Einstand als neuer Generalmusikdirektor. Der ungarische Regisseur Árpád Schilling verantwortet die Inszenierung. „Ich freue mich sehr, dass wir für unseren Auftakt in Stuttgart Árpád Schilling gewinnen konnten. Als scharfer Analytiker der menschlichen Zusammenhänge auf quasi leerer Bühne wurde er in den Nullerjahren auf den wichtigen Festivals eines euphorischen Nachwende-Europas als ein Theatermacher im Geiste von Peter Brook gefeiert. Im heutigen Ungarn findet er sich schließlich als Akteur im gar nicht mehr euphorischen Europa wieder“, so Viktor Schoner. Schilling arbeitete bereits am Theater Basel sowie mehrfach am Wiener Burgtheater und der Bayerischen Staatsoper. Raimund Orfeo Voigt entwirft bei dieser Neuproduktion den Raum. „Voigts offensiv dekorverweigernde Bühne, wie wir sie in Lohengrin vorfinden werden, ist für uns alle ein Raum des Neubeginns“, so Viktor Schoner.

Umrahmt wird die Eröffnungspremiere von zwei Produktionen aus dem Repertoire der Staatsoper Stuttgart: Carl Maria von Webers Freischütz in der legendären Inszenierung von Achim Freyer steht am Freitag, 28. September 2018, dem Vortag der Lohengrin-Premiere, auf dem Programm. Am Sonntag, 30. September 2018, kehrt Georg Friedrich Händels Ariodante in der Regie von Jossi Wieler und Sergio Morabito auf die Bühne der Staatsoper Stuttgart zurück. „Das Eröffnungswochenende mit der ersten Saison-Premiere ist also auch eine Feier des Stuttgarter Repertoire-Gedankens: Es begegnen sich der fast 40 Jahre alte Freischütz und eine der aus meiner Sicht wichtigsten Inszenierungen von Jossi Wieler und Sergio Morabito“, so Viktor Schoner. Im 1. Sinfoniekonzert unter der Leitung von Cornelius Meister am 7. und 8. Oktober 2018 steht neben Werken von Haydn und Mahler zu Beginn John Cages 4’33“ auf dem Programm. „Die Stille ist Teil der Musik; aus der Stille entsteht der Klang. Daher beginnen wir die Spielzeit mit John Cages 4’33“ im 1. Sinfoniekonzert und mit dem einsamen C des Freischütz in der Oper,“ so der designierte Generalmusikdirektor.
Am Vorabend zu Allerheiligen, am 31. Oktober 2018, stellen Alain Platel und Fabrizio Cassol mit der zweiten Saison-Premiere Requiem pour L. die Frage: „Wohin gehst du?“ Die musikalische Überschreibung von Mozarts Requiem wurde im Januar 2018 bei den Berliner Festspielen uraufgeführt. 14 Musikerinnen und Musiker aus Afrika und Europa befragen an diesem Musiktheaterabend Mozarts Fragment gebliebenes letztes Opus aus einer globalen Perspektive.

In einigen Jahren wird die Staatsoper Stuttgart während der geplanten Sanierung in eine Interimsspielstätte umziehen. Das ehemalige Paketpostamt in der Ehmannstraße am Rosensteinpark wird derzeit als möglicher Standort geprüft. Einen ersten Praxistext gibt es bereits im Herbst dieses Jahres am Freitag, 2. November 2018, wenn der Frage „Was versteckst du?“ nachgegangen wird: Der belgische Raum- und Installationskünstler Hans Op de Beeck inszeniert Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg als groß angelegte Rauminstallation und atmosphärisches Gesamtkunstwerk. Es dirigiert Titus Engel.
Am Sonntag, 2. Dezember 2018, dem 1. Advent, feiert Sergej Prokofjews Die Liebe zu drei Orangen in deutscher Sprache als Familienproduktion Premiere im Opernhaus: Axel Ranisch, der als Independent-Filmemacher, Tatort-, Löwenzahn-, Theater- und Opernregisseur arbeitet und gerade seinen ersten Roman veröffentlicht hat, wird das Werk als skurril-farbenfrohe Märchenoper in Szene setzen und damit die Frage stellen „Worüber lachst du?“ Alejo Pérez, zuletzt bei Cherubinis Medea am Pult des Staatsorchesters, dirigiert die Vorstellungsserie.

Zwei Werke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägen die Premieren im Frühjahr 2019: Generalmusikdirektor Cornelius Meister leitet am Sonntag, 17. März 2019, die Neuproduktion von Hans Werner Henzes Der Prinz von Homburg nach Heinrich von Kleists gleichnamigem Drama über Disziplin, Gehorsam und Träumerei. Der aus Stuttgart stammende Regisseur Stephan Kimmig nähert sich diesem Stoff mit der Frage „Wovon träumst du?“ Er inszeniert nach zahlreichen Arbeiten im Schauspiel Stuttgart (zuletzt Faust I) nun zum ersten Mal am Nachbarhaus.
Die im Zeitalter von Fake News, der vermeintlichen medialen Falschinformation, zentrale Frage „Wem glaubst du?“ steht im Zentrum der Premiere von John Adams‘ Nixon in China am Sonntag, 7. April 2019. Regisseur Marco Štorman, der 2008 mit Sigurd, der Drachentöter sein Operndebüt an der Jungen Oper Stuttgart gab und hier später Die Ballade von Garuma sowie stop listening, start screaming inszenierte, führt damit erstmals im Großen Haus Regie. In seiner Inszenierung beleuchtet er aus der historischen Distanz von gut 30 Jahren unsere eigene unmittelbare Geschichte. Die Musikalische Leitung hat bei dieser Oper aus dem Jahr 1987 André de Ridder. „Nixon in China ist nicht nur ein viel zu selten gespieltes musiktheatralisches Meisterwerk, sondern für Stuttgart und Baden-Württemberg auch dankbare Projektionsfläche unseres damaligen und heutigen Verhältnisses zu den USA und China. Zugleich erinnert es an die in den 1980er-Jahren hier begeistert aufgenommene Philip-Glass-Trilogie, in der die Minimal-Music vom Publikum euphorisch gefeiert wurde“, so der designierte Chefdramaturg Ingo Gerlach.

Die inzwischen in Paris zum Kult avancierte Produktion von Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Tauride in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski aus dem Jahr 2006 geht der Frage „Wem vergibst du?“ nach. Sie feiert am Sonntag, 28. April 2019, als Übernahme von der Opéra national de Paris Premiere. Damit wird zum ersten Mal eine Opernarbeit des polnischen Regisseurs und seiner Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak in Stuttgart zu sehen sein. Sein Deutschland-Debüt gab Warlikowski Ende der 1990er Jahre mit zwei Shakespeare-Produktionen am Schauspiel Stuttgart. Bei Glucks Iphigénie en Tauride dirigiert Stefano Montanari und steht damit erstmals am Pult des Staatsorchesters Stuttgart.

Am Ende des Premierenreigens dieser Spielzeit steht mit Arrigo Boitos Mefistofele am Sonntag, 16. Juni 2019, die Frage: „Was verlangst du?“ Die Neuproduktion mit der italienischen Sicht auf den deutschen Faust-Mythos inszeniert Àlex Ollé, Mitglied des katalanischen Theater-Kollektivs La Fura dels Baus. Daniele Callegari übernimmt die Musikalische Leitung. Mefistofele ist eine Koproduktion mit der Opéra de Lyon und dem Teatro dell’Opera di Roma.
Die Saison 2018/19 schließt mit drei außergewöhnlichen Produktionen aus dem Stuttgarter Opernrepertoire der vergangenen 20 Jahre: Calixto Bieitos Interpretation von Wagners Der fliegende Holländer, Kirill Serebrennikovs Sicht auf Richard Strauss‘ Salome und schließlich Bellinis Norma in der Regie von Jossi Wieler und Sergio Morabito aus dem Jahre 2002.

In der Sinfoniekonzertreihe 2018/19 wird Cornelius Meister drei der sieben Programme leiten: „Die Beschäftigung mit der Aufführungspraxis verschiedener Stile und Epochen und die klangliche Weiterentwicklung des Staatsorchesters liegen mir besonders am Herzen. Deshalb wird Joseph Haydns frühe Sinfonie Le matin ebenso zu hören sein wie Richard Strauss‘ Symphonische Dichtung Ein Heldenleben, Béla Bartóks Konzert für Orchester und Antonin Dvořáks selten gespielte Symphonische Dichtung Das goldene Spinnrad.“ Gustav Mahlers Sinfonien, beginnend mit seiner Siebten im 1. Sinfoniekonzert, wird das Staatsorchester Stuttgart auch in den Folgejahren kontinuierlich pflegen. Ein neues Orchesterwerk von Márton Illés wird Cornelius Meister im letzten Sinfoniekonzert der Saison zur Uraufführung bringen. Der ungarische Komponist wird durch die Saison 2018/19 als „composer in focus“ dem Publikum auch im Rahmen weiterer Konzert- und Gesprächsformate vorgestellt.

Darüber hinaus gibt es bei den Sinfoniekonzerten neben spannenden Dirigentendebüts auch Wiederbegegnungen mit einigen dem Stuttgarter Publikum bekannten Gastdirigenten: So kehren Dennis Russell Davies, Marek Janowski und Daniele Rustioni nach Stuttgart zurück. Alle verbindet mit dem Staatsorchester eine enge Partnerschaft. Außerdem debütiert die russische Dirigenten-Legende Vladimir Fedoseyev in einem Sinfoniekonzert beim Staatsorchester Stuttgart. „Wer bereits das Glück hatte zu erleben, wie Vladimir Fedoseyev Tschaikowskis 6. Sinfonie gestaltet, den wird seine Interpretation nicht mehr losgelassen haben. Nun werden wir Stuttgarter zum ersten Mal in diesen Genuss kommen. Ein Glücksfall!“, so Cornelius Meister. Ebenso wird der junge iranische Dirigent Hossein Pishkar beim Staatsorchester debütieren. Er gewann im Jahr 2017 den Deutschen Dirigentenpreis und zählt zu den spannendsten Musikern der jungen Generation.
Innerhalb der Konzertsparte gilt das besondere Augenmerk Cornelius Meisters und des Staatsorchesters Stuttgart neben den Sinfoniekonzerten ebenso dem Neujahrskonzert, den Kammerkonzerten sowie den Lunch- und Sitzkissenkonzerten: „Das kammermusikalische Auf-einander-Hören ist das A und O des Musizierens“, so Cornelius Meister. Als Pianist wird der neue Generalmusikdirektor auch im Rahmen eines Kammerkonzerts mit Musikern des Staatsorchesters auftreten.
Zum ersten Mal gibt es in der Saison 2018/19 zusätzlich zu den etablierten Reihen zwei neue Konzertformate im Opernhaus: ein Filmkonzert sowie ein großes Familienkonzert. „Seit Jahren pflege ich ein anspruchsvolles Hobby: das Dirigieren zum Stummfilm. Mit großer Freude werde ich dies am 24. März 2019 mit Charlie Chaplins Modern Times fortsetzen“, so Cornelius Meister. „Das ganze Opernhaus bei einem Konzert voll besetzt mit Familien und Schulklassen: Dieser Traum von mir soll am 13. Mai 2019 mit Paul Dukas‘ Zauberlehrling und Moderator Ralph Caspers, Liebling aller Kinder, in Erfüllung gehen.“ Ralph Caspers ist unter anderem bekannt durch seine Moderationen der Sendung mit der Maus sowie des Wissensmagazins Wissen macht Ah!

 

 

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.