Offenbachs Fantasio in Genf

(K)eine Entdeckung

Das Grand Théâtre Genève versucht sich mit viel Engagement an der Wiederbelebung von Offenbachs Opera comique „Fantasio“ – das Problem ist das Stück

Von Laszlo Molnar

(Genf, 3. November 2017) Für eine Kooperation zwischen der Opéra Comique in Paris und dem Grand Théâtre du Genève wollte man etwas Extravagantes. Man nahm sich also eine weitgehend unbekannte Oper von Jaques Offenbach vor. „Fantasio“, eines von Offenbachs letzten Werken. Die Uraufführung 1872 in Paris Die dreiaktige Opera comique stand unter keinem guten Stern. Nach zehn Aufführungen verschwand sie von der Bühne. Dass Offenbach, er starb 1880, zu dieser Zeit noch lange nicht am Ende seiner künstlerischen Kräfte war, dafür steht die von ihm so genannte „romantische” Oper „Hoffmanns Erzählungen”. Deren Uraufführung erlebte der Komponist zwar nicht mehr, aber sie wurde die am zweithäufigsten gespielte französische Oper überhaupt – nach „Carmen”.

Das Unglück des „Fantasio” muss also in ihm selbst begründet liegen. Denn auch die französisch-schweizerische Kooperation, die dem „Fantasio” jetzt eine üppige, mit Effekten reich beschenkte Reanimation bescherte, konnte die nur schwache Bühnenwirksamkeit des Stückes nicht wett machen.

Das immer mal wieder aufflackernde Interesse am „Fantasio” mag daran liegen, dass er keine „Opéra bouffe” ist – das von Offenbach selbst kreierte und am häufigsten bediente Genre. Offenbach wollte sich damit auf das Gebiet einer „richtigen” Oper bewegen, wie er es 1872 dann mit „Roi Carotte” tat und mit „Hoffmanns Erzählungen”. Er nannte „Fantasio” deshalb auch eine „Opéra comique”. Leider war das weitere Schicksal der Partitur alles andere als komisch. Die Noten wurden zerstreut, landeten bei verschiedenen Besitzern und mussten mühevoll wieder zusammengetragen werden. Nach weiteren Funden des Musikwissenschaftlers und Offenbach-Experten Jean-Christophe Keck einstand schließlich eine Neuausgabe der Oper, die zum ersten Mal 2013 aufgeführt wurde. Darauf basieren auch die aktuellen Aufführungen in Paris und Genf.

Es ist verständlich, dass man an allen Werken des Schöpfers solch hinreißender Meisterwerke wie „Orpheus in der Unterwelt”, „Die schöne Helena”, „Die Großherzogin von Gerolstein”, „Pariser Leben” und natürlich „Hoffmanns Erzählungen” Interesse hat. Umso bedauerlicher, dass bei all dem großen Aufwand, der für die Wiederbelebung des „Fantasio” in Paris und in Genf vom jungen französischen Regisseur Thomas Jolly, dem Bühnenbildner Thibaut Fack und der Kostümbildnerin Sylvette Dequest getrieben wurde, das Stück nicht überzeugen kann.

Offenbach war hörbar nicht wirklich inspiriert von dem märchenhaften Stoff nach der Vorlage des Dramatikers Alfred de Musset.Es geht darin um die geplante Hochzeit der Tochter des Königs von Bayern mit dem Prinzen von Mantua. Damit will der bayerische König den drohenden Staatsbankrott und einen Krieg zwischen den beiden Ländern vermeiden. Fantasio ist ein junger, verschuldeter Student. Er will die Prinzessin für sich erobern und verkleidet sich als Narr, um in das Schloss zu gelangen. Dabei kommt ihm gelegen, dass soeben der alte Hofnarr verstorben ist. Dieser hatte sich der Gunst der Prinzessin erfreut, weil er sie bei jeder Gelegenheit zum Lachen bringen konnte. Dazu lässt Offenbach auch noch den Prinzen von Mantua mit seinem Adjutanten auftreten – ein durch und durch komisches Paar aus der hohen Satire-Schule seines Schöpfers. Unter den Gesangsnummern ist allerdings kein wirklicher „Hit”.

Offenbach gibt sich in dieser „richtigen” Oper betont romantisch, vermeidet das Schmissige und Sarkastische und versucht, die Emotionen zu betonen. Am Ende steht ein Happy Ending, die Länder schließen Frieden, der Prinz reist ohne Hochzeit ab und Fantasio wird zum Dank für seine Friedensstiftung in den Adelsstand erhoben. Bis auf die Auftritte des Prinzen mit seinem Adlatus läuft hier alles romantisch balsamiert auf das schöne Ende zu. Keine Ecken und Kanten, keine Überraschungen, keine herzerfrischende Zuspitzung.

In einem Interview hatte Regisseur Jolly, 36jähriger Jungstar unter Frankreichs Regisseuren, betont, dass er das Spielerische und das „Fantastische“ im „Fantasio” zeigen möchte. Das ist ihm in seiner aktionsgeladenen Inszenierung gewiss gelungen. Außer den Szenen der geheimen Zuneigung zwischen Prinzessin und dem Titelhelden ist immer Action auf der Bühne. Der schon vom Komponisten viel beschäftigte Chor ist permanent in Bewegung, rennt auf und ab, jauchzt und kreischt als stünde die französische Revolution vor der Tür. Fantasio erscheint so, als sei er willkürlich zum Helden ernannt worden. Ein ungemein buntes Treiben, das aber keinen tieferen Grund preisgibt. Das Unbestimmte der Aufführung liegt aber nicht allein an der Regie: Die Handlung spinnt einfach einen viel zu dünnen Faden, um daran etwas Tragfähiges aufhängen zu können.

Einzig beim Prinzen von Mantua und seinem Adjutanten Marinoni war Offenbach voll auf seiner Höhe. Das inspirierte auch Jolly, dem in Genf mit dem Bariton Pierre Doyen als Prinz und dem Tenor Loïc Félix die richtigen Komödianten-Sänger zur Verfügung stehen. Da fühlt man sich an die großen Solo-Momente in der „Schönen Helena“ oder in der „Großherzogin“ erinnert, da packt Offenbachs satirischer Biss gegen die Aristokratie und Kriegstreiber voll zu. Jolly ließ die beiden auf leerer Bühne gewähren und ihr Spiel „tollpatschiger Herr gegen aufgeweckten Untergebenen“ treiben. Die schönsten Momente der Aufführung!

Ohne jeden Zweifel hat man hier größte Sorgfalt walten lassen. Der stimmlich ausgezeichnete Chor ist perfekt einstudiert und choreographiert, die szenischen Aktionen wirken wie aus einem Guss. Die Solisten sind nicht nur stimmlich bestens disponiert, sie produzieren auch die Dialogszenen mit der Verve, wie man sie von einer französischen „Comique“ erwartet. Auch sind sie wunderbare Sänger-Akteure, die sich die Ideen des Regisseurs ganz zu eigen gemacht haben: die Mezzosopranistin Katija Dragojevic als Fantasio, Boris Grappe als König von Bayern, Melody Louledjian (Sopran) als Prinzessin Elisabeth, der erwähnte Prinz mit seinem Adlatus und etliche kleinere Partien, mit denen Offenbach Leben in die Bude bringen wollte. Sehr gefiel auch der duftige, leichte Klang des Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung des jungen ungarischen Dirigenten Gergely Madaras. Madaras hatte das gut im Griff, die Verbindung von temperamentvollem Spiel und feinem Klang. Das ist eine ganz wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Offenbach.

Wenn sein „Fantasio“ in der Koproduktion, die noch nach Montpellier, Rouen und Zagreb gehen wird, sich schwach auf der Brust zeigt, dann liegt es, wie erwähnt, am Stück selbst. Nicht jede Entdeckung aus der Musikgeschichte ist auch wirklich eine „Entdeckung“.

Weitere Aufführungen in Genf: 10.,11.,16.,18.,19. Und 20. November
www.geneveopera.ch

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