Le Prophète in Toulouse

Foto: Patrice Nin

Religiöser Fundamentalist des 16. Jahrhunderts

Die Oper in Toulouse brachte in einer spannenden Inszenierung Meyerbeers „Le Prophéte“ heraus. Am Pult stand Claus Peter Flor.

Von Thomas Migge

(Toulouse, Ende Juni 2017) Seine Zeitgenossen nannten ihnen den „deutschen Rossini“, denn Jakob Liebmann Meyer Beer, geboren 1791 in der Mark Brandenburg, ließ sich von seinem nur ein Jahr älteren italienischen Zeitgenossen musikalisch sehr inspirieren. Unter dem Namen Giacomo Meyerbeer wurde der deutsche Jude einer der erfolgreichsten Opernkomponisten des 19. Jh. In Frankreich gilt er als Meister der Grand Opéra. Dort wurde Meyerbeer so sehr verehrt, dass Richard Wagner, aus Karriereneid, einen bitterbösen Essay „Das Judenthum in der Musik“ verfasste, 1850 war das.

Dass Meyerbeer, auch wenn seine Musik typisch Grand Opéra ist, also typisch eklektisch und zuweilen gefällig wirkt, auch heute noch überzeugen kann, beweist eine Neuinszenierung seiner Oper „Le Prophète“ in Toulouse. Dieses 1849 an der Pariser Oper uraufgeführte Werk, war zu Meyerbeers Lebzeiten ein großer Erfolg. Heute wird es selten, viel zu selten aufgeführt.
Die Oper ist heute sicherlich aktueller als zu Meyerbeers Zeiten. Insofern ist die Entscheidung der Nationaloper von Toulouse für dieses Werk ein mutiger Schritt. Die Handlung erzählt in 5 bewegten Akten die dramatische Geschichte religiöser Fundamentalisten in der 1. Hälfte des 16. Jh’s. Es ist die Geschichte um das Täuferreich in Münster und den zum Täuferkönig gekrönten Jan van Leiden. Eine historisch belegte Geschichte, die von Meyerbeers Librettisten Eugène Scribe und Emile Deschamps spannend umgeschrieben wurde. So sind die meisten Protagonisten der Opern erfunden.

Mit den für die Grand Opéra typischen Balletteinlagen und einer teilweise ungemein packenden Musik, die heutige Hörer nicht selten an Soundtracks von Hollywoodfilmen erinnert, wird die spannende Geschichte von Jan van Leiden, seiner Mutter Fidès, von Berthe, der Braut des Täuferkönigs, von drei Wiedertäufern und des Comte d’Oberthal erzählt.
Doch wie setzt man heute eine solche Handlung in Szene? Der italienische Opernregisseur Stefano Vizioli, seit kurzem auch Intendant des Opernhauses von Pisa, entschied sich nicht, wie man hätte vermuten können, für eine Handlung, die im Heute spielt, in einer Zeit also, die durch und durch von religiösem Fundamentalismus geprägt ist. Dass diese Neuinszenierung in Frankreich zustande kam, einem Land, das seit Jahren von fundamentalistischen Übergriffen gekennzeichnet ist, auch in Toulouse, ist umso bemerkenswerter.

Vizioli ging geschickt und intelligent vor. Er ließ die Handlung in Meyerbeers Zeit spielen. Damit schuf er eine kritische Distanz zur aktuellen Fundamentalismusdebatte. Und er setzte sich nicht der Kritik aus, den Islam anklagen zu wollen.
Vizioli ging es mit seiner Regie (und den Kostümen von Alessandro Ciammarughi) um eine Aktualisierung, ohne aber einen ganz bestimmten Fundamentalismus anprangern zu wollen. Hier sollte ganz generell religiöser Fundamentalismus an den Pranger gestellt werden. Mit einer spannenden Regie und mit Bühnenbildern, die vor allem am ungemein theatralischen Ende der Oper, als das Schloss von Münster in Flammen aufgeht, überzeugen. Eine gelungene Inszenierung einer Oper, die man öfter, vor allem in unserer heutigen Zeit, aufführen sollte.
Das Nationalorchester von Toulouse dirigierte der Deutsche Claus Peter Flor, der im vergangenen Juni zum neuen Musikdirektor des Mailänder Orchestra Sinfonica Giuseppe Verdi ernannt worden war. Flor ist ein Meister der französischen Oper. Das bewies er erneut in Toulouse.

Die Sängerbesetzung hätte für eine Grand Opèra nicht besser sein können. Vor allem überzeugte der amerikanische Heldentenor John Osborn mit seiner kräftigen aber auch gefühlvollen Stimme. Ein perfekter Täuferkönig. Kate Aldrich, ein Mezzosopran ebenfalls aus den USA, interpretierte eine entschiedene Fidès, die Mutter von Jean de Leyde, und die Sopranistin Sofia Fomina war eine gefühlvolle und stimmlich kraftvolle Berthe, die Verlobte des Täuferkönigs.

Werbung

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.