Figaro in Florentiner Palazzo

Graf Almaviva als Filmproduzent

Das New Generation Festival in Florenz ist Nachwuchsförderung und elitäres Amüsement

Von Thomas Migge

(Florenz, August 2019) Wie wichtig sind die Pausen für das Gelingen einer Opernaufführung bei einem Sommerfestival unter freiem Himmel? Eine nebensächliche Frage? Bestimmt nicht, wenn man sich das zum Teil bizarre Tummeln elegant gekleideter Herrschaften während der Pausen am britischen Festivalort Glyndebourne anschaut.

Auch in Italien versucht man das mit einem Festival, bei dem Musik und lange Pausen zusammentreffen und, ähnlich wie in Glyndebourne, den Society-Bedürfnissen der Organisatoren und ihren Freunden entgegenkommen. Die Veranstalter sind freilich Briten.
Ende August fand in Florenz zum dritten Mal das New Generation Festival statt. Im Privatpark des Palazzo Corsini al Prato. Ein Palast und ein großer Garten mitten in Florenz. Vor der Gartenfassade des Palastes wurde eine Bühne aufgebaut und amphitheatermäßig erhoben sind die Sitzreihen. Ein historischer Opernort, denn hier wurde 1680 Iacopo Melanis Oper „La Vedova“ zum ersten Mal aufgeführt.
Die britischen Gründer des New Generation Festivals haben sich hohe Ziele gesteckt – mit der Schirmherrschaft des Prince of Wales und des Duke of Kent. Noblesse oblige auch bei den Kleidungsvorschriften. „Black tie“ war angesagt, also Smoking für die Herren. Damen hatten, wenn möglich, lang zu tragen.

Vor den Konzerten und der einzigen Oper, die zwei Mal aufgeführt wurde, gab es Prosecco und Häppchen, und in der etwas mehr als einstündigen Pause im zauberhaft beleuchteten Park der Familie Corsini wurde an verschiedenen Ort gegessen und getrunken. Hübsch aussehende Buden waren aufgebaut worden, wo man Schlange stand und sich toskanische Leckereien erwarb. Gegessen wurde an langen Tischen. Nur die Sponsoren und die, die die ganz hohen Eintrittspreise locker machten, wurden in einem geschlossenen Saal exklusiv beköstigt.

Und die Musik?

Regisseurin Victoria Stevens bot einen Mozart-„Figaro“ mit klug-witzigen #MeToo-Anspielungen. Die Handlung war auf einem Filmset in den 1920er/1030er Jahren angesiedelt, und Conte Almaviva war eine Art Weinstein, der glaubte, es sich mit allen Frauen erlauben zu können. Die Idee funktionierte, die Sänger und das Orchester waren nicht übel. Aber Regisseurin Stevens war der Versuchung erlegen, zu viele Ideen und Gags in ihre Regie zu integrieren. Das ermüdete und lenkte von der eigentlichen Handlung ein wenig ab. Irritierend, vor allem für jene Zuhörer, die kein Italienisch verstehen, war das Fehlen von Obertiteln auch in englischer Sprache – zumal das Gros des Publikums Bewohner des Chiantishire und Reisende aus Great Britain waren. Und so war es auch verständlich, dass niemand schmunzelte oder lachte, wenn Lorenzo da Ponte sprachlich sehr witzig wird.

Es sangen keine Stars, sondern ausgewählte Nachwuchsstimmen internationaler Opernstudios. Viele davon kamen aus Deutschland. Während des Festivals findet auch ganz konkret Nachwuchsförderung statt. Ziel ist es, ein eigenes Opernstudio aufzubauen. Auch mit Hilfe von Erkenntnissen aus der Sportpsychologie, denn der pädagogische Leiter der Nachwuchsförderung, der Deutsche und heute in England lehrende Ralph Strehle, ist ein ex-Football-Spieler, und nicht zu Unrecht davon überzeugt, dass Sport und Musik viel gemeinsam haben.

Während die symphonischen Konzerte eher seicht daherkamen, ohne interpretativ zu überzeugen, waren die Sänger des „Figaro“ überraschend gut. Allen voran Anna El-Kashem als Susanna, die eine der besten Stimmen des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper in München ist. Und auch Daniel Miroslaw als Figaro verfügt über eine beachtliche Stimme, die ihn sicherlich noch weit bringen werden. Die gesamte Besetzung überzeugte stimmlich und darstellerisch.

Es spielte das 2013 gegründete Orchestra Senzaspine. Senzaspine ist eine Organisation, die Musikern unter 35 Jahren, die bisher keine feste Anstellung gefunden haben, die konkrete Möglichkeit gibt, bei Opern- und symphonischen Projekten mitzumachen Der Instrumentalnachwuchs bewies schon mehrfach seine musikalische Qualität. So auch in Florenz. Unter der Leitung des flotten Dirigats des Pappano-Assistenten Jonathan Santgata klang dieser „Figaro“ zwar wenig kraftvoll, aber leicht und fein, und perfekt für eine heitere Freilichtaufführung.

Der Gesamteindruck dieses kurzen Sommerfestivals, das, auch wenn man dort so tut, natürlich nicht mit Glyndebourne verglichen werden kann, ist überraschend gut. Die Location fasziniert und ist sehr reizvoll. Die Oper war spritzig und kurzweilig und stimmlich ein Genuss und die Pause, ja die war integraler Bestandteil des sehr amüsanten spettacolo all’italiana!

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