Alberto Ginastera

So klingt Buenos Aires

Alberto Ginasteras 100. Geburtstag im Jahr 2016 fand nicht viel Nachhall in Europa. Volker Tarnow hat eine fulminante Monographie über den argentinischen Alban Berg geschrieben, von der man nun einen starken Anschub für dessen große Musik erhoffen möchte.
Von Bernd Feuchtner
(April 2017) Die Geschichte Amerikas ist die Geschichte der Grausamkeit und Gier christlicher Eroberer. Von den Einwohnern der „Neuen Welt“ ließen sie ebenso wenig übrig wie von deren Kultur. Amerikanische Kultur ist deshalb die Kultur von Eroberern. Volker Tarnows Buch über den argentinischen Komponisten Alberto Ginastera beginnt daher mit einem Panorama des Verlusts. Das Interesse der Kolonisten etwa an der Musik der nordamerikanischen Indianer und der lateinamerikanischen Völker war gleich Null, und das Wissen ihrer Nachkommen ist bescheiden. Als sie allmählich selbst Künstler hervorbrachten, konnte es nicht ausbleiben, dass diese auch neugierig wurden auf das Wenige, das von der indigenen Kultur übrig geblieben war. Wer dort aufwuchs, nahm diese Eindrücke als Teil seiner Lebenswelt wahr und begann auch damit, sie in seine Kunst zu integrieren. Ginastera, geboren am 11. April 1916, war der erste namhafte argentinische Komponist, der nicht im Ausland, vorzugsweise in Paris, studiert hatte, sich vor allem als Argentinier fühlte und argentinische Musik schreiben wollte. Die Klänge der Hauptstadt Buenos Aires und der Pampa hallen in seiner Musik ebenso wider wie Elemente der Musik der Ureinwohner.
Wäre er dabei geblieben, müsste es diese Monographie nicht geben. Zusammen mit dem Brasilianer Heitor Villa-Lobos und dem Mexikaner Carlos Chávez gelang es Ginastera jedoch, aus der europäischen Kunstmusik und lateinamerikanischen Traditionen ein elaboriertes Hybrid zu entwickeln, das auch neue Formen ausbildete. Wo Villa-Lobos seine „Choros“ schrieb, da schuf Ginastera seine „Pampeanas“. Tarnow leuchtet die Spuren der Vorgänger nicht weniger detailreich aus als die rhythmischen, melodischen und harmonischen Schätze der indigenen Musik, die für Ginastera folgenreich wurden. Das ergibt ein faszinierendes Fresko hunderter vorüberjagender Eindrücke, die der Leser anhand von 400 Quellennachweisen nach Belieben und Interesse vertiefen kann. Da die al-fresco-Manier durch flotte Ausdrucksweise aufgelockert wird, nimmt man dem Autor die Überfülle ab.
Immer wieder werden einzelne Werke aufgegriffen, um an ihnen die Besonderheiten von Ginasteras Musik zu zeigen. Als Leitstern erkannte der Komponist mit der Zeit Alban Berg, wozu sicher auch die Bekanntschaft mit Erich Kleiber betrug, der den Wozzeck und die Lulu-Suite in Berlin uraufgeführt hatte. Wie Fritz Busch war Kleiber vor den Nazis nach Argentinien ausgewichen; beide taten viel für die Entwicklung der lateinamerikanischen Musik und förderten Ginastera entschieden. Weniger hilfreich waren für den Komponisten und seine Kollegen jedoch die verschiedenen profaschistischen Militärregimes, die sie ein ums andere Mal aus ihren Jobs herauswarfen. Ginastera leistete viel Aufbauarbeit im Musikleben seines Landes, was teilweise seinen nicht sehr umfangreichen Werkkatalog erklärt, aber auch einen bürgerlich-behaglichen Lebensstil garantierte. Warum es zu Konflikten mit dem argentinischen Mussolini Peron führte, wird auch deutlich erhellt.
An einem Werk wie der Cantata para América mágica für dramatischen Mezzosopran und ein Orchester von 53 Schlaginstrumente wird nicht nur die Kompositionsweise Ginasteras erklärt, sondern Tarnow wehrt auch politische Vereinnahmungen durch ideologische Kolonialismuskritik ab: „Dagegen behauptet sich die Cantata para América mágica als autonomes und zukunftweisendes Kunstwerk, weil sie die Autonomie, die Unantastbarkeit antiker Kulturdokumente thematisiert, weil sie die unaufhebbare Grenze zwischen jenem Einst und unserem Heute nicht konservativ-nostalgisch oder politisch-ideologisch negiert Diesem Zweck dient die Verfremdung durch moderne Stilmittel.“ Neben der feinen Durcharbeitung der Musik betont Tarnow die Gewaltsamkeit und Sinnlichkeit von Ginasteras Musik – er war eben tatsächlich nicht Hindemith nahe, sondern eher Varèse. Eine Musik, die nicht transzendiert, die sich mit l’art pour l’art bescheidet, war Ginastera ein Gräuel. Dies war es wohl vor allem, die auch europäischen und nordamerikanischen Musikern seine besonderen Qualitäten früh erkennen ließ. Mit Folklorismus hat Ginastera nichts zu tun.
Heute ist Ginastera in europäischen Konzertsälen kein häufiger Gast. Warum nicht mal sein traumhaftes Klavierkonzert statt Brahms’ Zweitem? Warum nicht seine instrumentale Vertonung des Maya-Schöpfungsmythos Popol Vuh? Das Buch bringt so viele Beweise der hohen Qualität und Besonderheit von Ginasteras Musik (er integrierte sogar Mikrotonalität und Zwölftonmusik souverän in seinen Stil), dass der Leser Lust auf ihr Erklingen und Wut auf die Trägheit der Konzertdramaturgen bekommt. Aber auch auf die der Opernintendanten: in dem detaillierten Werksverzeichnis des Buches finden sich auch drei bemerkenswerte Opern. Don Rodrigo (1963/64) erzählt eine verbreitete Liebesgeschichte aus der Zeit der Kämpfe zwischen Westgoten und Arabern, Bomarzo (1966/67) lässt den Schöpfer des berühmten Monster-Gartens südlich von Rom über seine Obsessionen nachdenken und Beatrix Cenci (1971) schildert das Schicksal eines vom Vater missbrauchten Mädchens.
Wie im Wozzeck besitzt jedes Bild von Don Rodrigo eine autonome musikalische Form und eine Zwölftonreihe bildet das frei gehandhabte Gerüst der leidenschaftlichen Oper, als deren tragischer Titelheld Plácido Domingo auf der Bühne der New York City Opera bei deren Eröffnung 1966 stand. Gewiss, das Werk ist dicht und ständig unter Hochspannung, doch nicht dichter und erregter als Aribert Reimanns Lear, mit dem man es durchaus vergleichen kann. Ginasteras zweite Oper Bomarzo wurde 1967 vom Junta-General Onganía persönlich verboten, weil der Saubermann Sex, Gewalt und Halluzination nicht auf der Bühne dulden wollte – wie Ginastera betonte, hätte er dann allerdings 98 Prozent des Opernrepertoires verbieten müssen. Die erfolgreiche Uraufführung fand dann in Washington statt. Herzog Orsini, der die steinernen Ungeheuer in seinem Garten schaffen ließ, ist ein Geistesverwandter des Alviano Salvago, dessen Orgien den Ausgangspunkt von Franz Schrekers Die Gezeichneten bilden. Die Erinnerungen des Herzogs in seiner Todesstunde liefern die Bilder der Oper. Ebenfalls in Washington wurde 1973 seine dritte Oper nach Shelleys romantischer Tragödie Beatrice Cenci uraufgeführt.
Ginastera war 1971 zu seiner zweiten Frau nach Genf gezogen, wo er am 25. Juni 1983  starb. So kurz die Liste seiner 55 Opera auch scheinen mag, seine Werke sind dicht und vielgestaltig. Tarnows Buch hätte man noch einen tabellarischen Lebenslauf und eine Literaturliste gewünscht, was sich ja vielleicht bei der zweiten Auflage ergänzen lässt. Die Knappheit des Buchs ist seine Tugend, denn es entlässt den Leser mit dem dringenden Wunsch nach einem Mehr, das er in den Werken des Komponisten finden wird.
[zur nächsten Buch-Rezension]


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