Pierre-Laurent Aimard präsentiert das Klavierwerk Schönbergs auf einer CD
Der Klang der Freiheit
Pierre-Laurent Aimard hat das Klavierwerk Schönbergs auf CD eingespielt
Von Robert Jungwirth
Arnold Schönbergs Klaviermusik repräsentiert zwei der folgenreichsten Entwicklungen der Musik des 20. Jahrhunderts: den Weg von der Spätromantik über die freie Tonalität zur Zwölftontechnik. Pierre-Laurent Aimard legt nun eine Gesamteinspielung vor, die diesen Weg in chronologischer Folge nachzeichnet – ohne das Klavierkonzert und ohne die ganz frühen, noch spätromantischen Stücke.
Es ist dies keine trockene, akademische Demonstration kompositorischer Entwicklungen, sondern eine höchst lebendige Begegnung mit einem Komponisten, der für Aimard von herausragender Bedeutung ist und bis heute nichts von seiner unmittelbaren Wirkungskraft verloren hat.
„Wir machen Musik, weil so viele Musiken uns so viel bringen“, sagt Aimard, „aber ich finde, es gibt nicht viele, die so natürlich und direkt sind, die sofort solche brennende Reichheit und Menschlichkeit zum Ausdruck bringen wie die von Schönberg.“
Mit den Drei Klavierstücken op. 11 von 1909 beginnt die Reise. Schönberg steht hier an einer Schwelle: Die spätromantische Klangwelt ist noch spürbar, doch ihre tonalen Koordinaten beginnen sich aufzulösen. Einzelne Motive treten hervor, verdichten sich, brechen ab; Kontraste von Dynamik, Artikulation und Klangfarbe ersetzen zunehmend die Sicherheit traditioneller Harmonik. Aimard begegnet dieser Musik mit großer Spannung, ohne sie künstlich zu dramatisieren.
Aimard versteht op. 11 als „ein Statement, ein Leuchtturm“ des mitteleuropäischen Expressionismus. Tatsächlich klingt Schönberg hier weniger nach einer abstrakten musikalischen Revolution als nach einer Welt, in der vertraute Gewissheiten plötzlich brüchig werden. Das Wienerische, das Aimard mit Freud und Kokoschka verbindet, ist dabei nicht bloß kulturgeschichtliche Staffage. Es steckt in der Nervosität, der Verdichtung, ja der Psychologie, wenn man so will und der geradezu körperlichen Unruhe dieser Musik.
Noch radikaler erscheinen die Sechs kleinen Klavierstücke op. 19 von 1911. Die Musik ist auf kleinste Gesten konzentriert; manches Stück dauert kaum eine Minute. Jeder Ton hat hier sein eigenes Gewicht. Aimard lässt diesen Miniaturen den nötigen Raum, ohne sie zu vergrößern. Besonders das letzte Stück, geschrieben nach dem Tod Gustav Mahlers, gewinnt in seiner Interpretation eine erschütternde Lakonie. „Wie ein Set von Haikus“ seien diese Stücke, sagt Aimard, und tatsächlich liegt ihre Wirkung gerade in der Konzentration: nichts ist überflüssig, nichts wird erklärt oder gar verklärt.
Mit den Fünf Klavierstücken op. 23 aus den Jahren 1920-23 gelangt Schönberg in eine weitere Übergangszone. Schönberg sucht nach einer neuen Ordnung des musikalischen Materials. In op. 23 sind bereits jene Verfahren angelegt, die wenig später in der Zwölftontechnik systematische Gestalt gewinnen. Aimard macht diesen Wandel nicht durch demonstrative Analyse hörbar, sondern durch eine bestechende Balance von Konstruktion und Ausdruck. Die Musik bleibt beweglich, gelegentlich spröde, immer aber gespannt.
Den entscheidenden Schritt markiert die Suite für Klavier op. 25. Zwischen 1921 und 1923 entstanden, gehört sie zu den ersten großen Werken der Zwölftontechnik. Schönberg ordnet die zwölf Töne in einer Reihe, ohne dadurch die Musik ihrer historischen Erinnerung zu berauben. Im Gegenteil: Präludium, Gavotte, Musette, Menuett und Gigue rufen die Formen des Barock auf – und werden zugleich durch Schönbergs neue Tonsprache verwandelt.
Aimard hört darin auch einen „fast sarkastischen Humor“. Das ist ein wichtiger Hinweis, denn wer Schönberg allein als strengen Systematiker begreift, verpasst einen wesentlichen Teil seiner Musik. In der Suite op. 25 kann die Konstruktion geradezu tänzerisch werden, die Virtuosität funkelt, und hinter der strengen Ordnung blitzt immer wieder Ironie auf. Aimard spielt diese Ambivalenz mit großer Beweglichkeit aus. Seine Interpretation besitzt rhythmischen Biss, ohne je mechanisch zu werden.
Die beiden Klavierstücke op. 33 schließlich, 1929 und 1931 entstanden, zeigen einen Schönberg, bei dem die einst revolutionäre Methode beinahe selbstverständlich geworden ist. Die Zwölftonkomposition wirkt hier nicht wie ein System, das sich gegen den Hörer richtet. Im Gegenteil: Die Stücke sind von bemerkenswerter Prägnanz, formal klar und reich an feinsten dynamischen und artikulatorischen Abstufungen. Bezeichnungen wie „cantabile“, „dolce“, „ruhig“ oder „scherzando“ erinnern daran, dass Schönberg trotz aller Neuerung keineswegs jede Verbindung zur Ausdruckssprache des 19. Jahrhunderts kappte.
Gerade hier zeigt sich die Qualität von Aimards Zugang. Er sucht nicht den vermeintlich „modernen“ Schönberg gegen den romantischen Schönberg auszuspielen. Ihn interessiert die Kontinuität innerhalb des Umbruchs: der Komponist, der mit jeder neuen Sprache auch neue Möglichkeiten des Ausdrucks entdeckt. Seine Interpretation verbindet analytische Klarheit mit einem ausgeprägten Sinn für Gestik und Klangfarbe.
So entsteht über die CD hinweg tatsächlich eine Geschichte: nicht die lineare Geschichte eines Komponisten, der eine Technik nach der anderen erfindet, sondern die Geschichte eines unablässigen Suchens. Schönberg erscheint bei Aimard als leidenschaftlicher Experimentator, als Konstrukteur und als hochsensibler Klangdenker. „Jede Note brennt und strahlt und bedeutet und spricht“, sagt der Pianist.
Aimards Schönberg ist nicht akademisch entrückt. Er ist präzise, energisch und von einer bemerkenswerten Unmittelbarkeit im Ausdruck. Deshalb kann diese Aufnahme sicher auch Hörern einen Zugang eröffnen, die Schönbergs Musik bislang eher mit Vorsicht begegnet sind. Die CD beim Label Alpha macht aus der Entwicklungsgeschichte der modernen Klaviermusik kein trockenes Lehrstück, sondern ein Hörereignis: eine Reise durch Klangwelten, in denen Ordnung und Freiheit, Konstruktion und Ausdruck immer wieder neu austariert werden.




Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlassen Sie uns Ihren Kommentar!