Mazzolis Oper The galopping cure beim Edinburgh Festival uraufgeführt
Heilende Pferde
Das Edinburgh International Festival hat die neue Oper „The galopping cure“ der amerikanischen Komponistin Mizzy Mazzoli uraufgeführt, in der es um den jüngsten realen Opioid-Skandal in den USA geht. Hunderttausende Patienten starben in den vergangenen 20 Jahren an überdosierten Schmerzmitteln. Mazzoli selbst verlor mehrere Familienmitglieder. Ein aktuelles politisches Drama und ein ungewöhnlicher Opernstoff. Und eine noch ungewöhnlichere Inszenierung.
Von Susanne Lettenbauer
(Edinburgh, 9. August 2026) Sucht, was ist das? Die Suche nach Anerkennung, nach Zuneigung, nach Vergessen, nach Reichtum, Unabhängigkeit, nach Schönheit und Gesundheit. Und sei es durch Medikamente und Drogen.
Die Bevölkerung der heruntergekommenen amerikanischen Kleinstadt in Lizzy Mazzolis neuer Oper leidet unter Hoffnungslosigkeit. Metallgitter und kalte Lichter sorgen für Depressionen. Ein grauer Alltag. Wie Zombies stolpert der Chor über die Bühne, fordert sofortige Hilfe, am besten auf Rezept. Stellvertretend für die Masse humpelt die alte Ivanka an Krücken durch die Szene, wunderbar krätzig gesungen von Susan Bullock.
„Der Arzt hilft immer.“ Dieses Mantra schwebt zweieinhalb Stunden lang über der Bühne. Schmerzmittel gegen Depressionen. Eine einfache Lösung. Der Mensch, der die Verantwortung für seine Gesundheit einfach abgibt an die „Götter in weiß“. Wie die Ärztin des Ortes Theresa Hart, gesungen von der argentinischen Mezzosopranistin Daniela Mack. Sie soll die Lösung bereithalten, steht massiv unter Druck und verspricht den Menschen vorschnell Heilung durch Medizin.
Die amerikanische Komponistin Mizzy Mazzoli thematisiert mit „Galopping cure“ den Opioid-Skandal in den USA, bei der 2 Cousinen 2008 und ein guter Bekannter von ihr und Librettist Royce Vavrek 2016 starben, angefixt durch das Schmerzmittel OxyContin. Über eine halbe Million Menschen fielen einer Überdosis zum Opfer. Ärzte wurden bestochen. Patientinnen und Patienten falsch behandelt und in die Sucht getrieben. Sie musste diese Oper schreiben, sagt Komponistin Mizzy Mazzoli, aber nicht nur über den Tablettenmissbrauch, sondern über Sucht im allgemeinen:
„Das Faszinierende an der Opioidkrise ist doch, dass man in einem Kreislauf gefangen ist, bei dem man irgendwann nicht mehr weiß, wie man herauskommt. Sei es nun der Kreislauf der Sucht, sei es das Gefangensein in einer Art kapitalistischem System oder sei man Opfer einer Art unternehmerischer Gier. Im Fall der Pharmaunternehmen ist es wirklich eine außer Kontrolle geratene unternehmerische Gier. Und diese Erfahrung mit den Todesfällen hat uns neugierig gemacht, herauszufinden, wie es überhaupt so weit kommen konnte“.
Die Lösung kommt in Form eines Pferdekarussells. Ein smarter, texanisch gekleideter Gigolo, gesungen von dem in Stuttgart geborenen Justin Austin, bringt es in die Stadt. Der erste kostenlose Ritt soll Heilung bringen. Und es wirkt. Das Pferdekarusell und – als willkommene Marktlücke für die klamme Stadt entdeckte, weiße Steckenpferde machen die Menschen glücklich. Hysterisch glücklich. Alles endet in einem Schlachten shakespearscher Dimensionen: Die Menschen verkaufen ihre Körperteile, um ihre Sucht zu befriedigen, bevor sie sterben.
Regisseur Tom Morris vom Londoner National Theater stellt statt eines Karussells weiße, lebensgroße, Pferde auf die Bühne. Lässt sie durch die Luft schweben, hievt die zeternde, alte Ivanka in den Sattel. Die sofort alle Schmerzen vergisst. Verlockend. Pferde weiß wie – Schnee. Eine schaurige Metapher für die Pharmaindustrie, die Ärzteschaft. Und Drogen. Dealer oder Ärzte – beide verfolgen dasselbe Ziel: Menschen zufrieden zu stellen, singt der Rattenfänger Lucky Mack.
Was bis zur Pause magisch wirkt, dreht sich im zweiten Teil ins Groteske. Eine blutige Rocky Horror Picture Show beginnt. Die Menschen werden ausgeschlachtet, wortwörtlich. Für die doch wichtige Kernaussage des Werkes völlig überflüssig. Zu drastisch. Deftige Kapitalismuskritik ja, aber extrem bizarr, wie ein Sweeney Todd-Film. Skurril auch zwei Hundedarsteller, die zwischen den Szenen immer wieder über die Bühne wieseln und das Geschehen amüsiert interpretieren. Und eine Herde singender Schafe – sehr schwarzer britischer Humor.
Für Komponistin Mazolli, 45, ab der kommende Saison Composer in Residence des NDR-Symphonieorchesters (geplant ist neben zahlreichen Vokal- und Instrumentalwerken die Uraufführung eines Klavierkonzertes im Februar 2027), ist es die vierte Oper. In „The galopping cure“ unterlegt den Abend mit Musicalzitaten von Gershwin und Bernstein, Benjamin Britten gehört offensichtlich zu ihren Vorbildern. Im Ganzen erinnert „The galopping Cure“ mehr an ein Musical als an eine zeitgenössische Oper. Also Broadwaytauglich? Was den Dreh in die Tragikkomödie erklären würde. Die Musik konterkariert das Geschehen auf der Bühne, auch mit elektronischen Trommeln, spitzt es satirisch zu. Ein groteskes Drama, irritierend abgerutscht in schmissige Rhythmen. Handwerklich brilliant komponiert, aber wenig Überraschendes. Als nächstes kommt die Oper nach Umea/Schweden und an die San Francisco Opera.



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