Wagners Tannhäuser als Open-Air-Oper in Dießen am Ammersee
Ein Hauch von Glyndebourne bei Carl Orff
Auf dem Gelände des Carl-Orff-Museums in Dießen am Ammersee wurde jetzt eine Aufführung von Wagners „Tannhäuser“ als Garten-Oper gewuchtet
Von Susanne Lettenbauer
(Dießen, 11. Juli 2026) Ohne den Einfluss von Richard Wagner hätte Carl Orff nie Musik studiert. Wagners „Fliegender Holländer“ prägte den jungen Orff maßgeblich, bevor er Jahre später einen ganz eigenen Weg ging, von seinem Haus im oberbayerischen Dießen aus. Sein Werk wird in dem früheren Wohnhaus von der Carl-Orff-Stiftung gepflegt. Die Stiftungsleitung hat seit Eröffnung des neuen Museums viel vor auf dem weitläufigen Gelände mit Blick auf die Alpen. Und wagt sich in diesem Jahr gemeinsam mit dem Richard Wagner Verband Ammersee an ihre erste Großveranstaltung – eine Wagner-Oper. „Tannhäuser“ im Garten von Carl Orff.

Die Pilger kehren heim zum Ammersee Foto: Nila Thiel
Als die brütend heiße Sonne im 3. Akt des „Tannhäuser“ endlich hinter dem Arbeitszimmer von Carl Orff in der Dämmerung versinkt, scheint der Abendstern kurz über dem Ammersee aufzublinken. Passend zur berühmten Arie des Wolfram von Eschenbach. Der Sängerkrieg rund um den eitlen, überheblichen Tannhäuser ist da bereits vorbei. Die Pilger sind aus Rom zurück. Tannhäuser schleppt sich in abgerissener Kleidung zurück auf die Gartenbühne. Vergebung nirgends.
Hinter den Zuschauerreihen zirpen die Grillen im Park, die Alpen glühen in der Ferne.
Eine Wagner-Oper unter freiem Himmel hoch über dem Ammersee im neuen Carl-Orff-Museum zu veranstalten, klingt nach einem launigen Event, einer wagemutigen Idee. Eine improvisierte Inszenierung rund um den Orffschen Gartenteich. Dazu ein Orchester mit zwei dutzend Musikerinnen und Musiker, eng gedrängt im historischen Pergoladurchgang. Doch genau da wird es interessant: Die Sängerinnen und Sänger sind allesamt Profis. Die Musikerinnen und Musiker kommen aus ganz Deutschland: vom Philharmonischen Orchester Gießen, dem Saarländischen Staatsorchester, den Augsburger Philharmonikern, dazu Stipendiaten und Studenten deutscher Musikhochschulen. Und das hört man, soweit es die open-air-Akustik zulässt. Und die ist zwischen dem Arbeits- und Wohnhaus erstaunlich gut. Abgeschirmt durch den Pergoladurchgang hinten, die aufsteigenden Zuschauerränge vorn und die Hauswände fangen sich die Stimmen der Sängerinnen und Sänger. Microports unnötig. Wie hoch der Anspruch der Veranstalterin Arabella Hellmann vom Richard-Wagner Verband Ammersee ist, zeigt sich nicht nur beim Orchester und den Sängerinnen und Sängern, sondern auch beim Dirigenten Rainer Armbrust, seit 2002 musikalischer Assistent bei den Bayreuther Festspielen, lange Kapellmeister am Mainfranken Theater Würzburg.
Vor vier Jahren 2022 sorgte der lokale Wagner-Verband erstmals für Erstaunen. Mit einfachsten Mitteln, zwei Klavieren, ein paar Booten und selbstgeschneiderten Kostümen stieg damals der „Fliegende Holländer“ am Ammersee an Land, Wagners eingängigste Oper vor der Seekulisse ein gelungenes Spektakel. Nun also „Tannhäuser“. Mit nahezu derselben Sängerbesetzung, Regie ebenfalls Georg Rootering, seit Dezember kommissarischer Intendant des Mainfranken Theaters Würzburg, das er bereits vor 20 Jahren geleitet hatte. Allen voran auf der Gartenbühne Stefan Vinke in der Hauptrolle, lange Bestandteil des Bayreuther Sängerensembles. Seine „Garten-Opern“ während der Corona-Zeit im heimischen Hargesheim in Rheinland-Pfalz gelten als legendär.

Orchester unter der Leitung von Rainer Armbrust Foto: Nila Thiel
Sabine Vinke, dessen Frau, wirkte als Tannhäusers Gschpusi Elisabeth. Auch der holländische Bariton Wiard Witholt als Wolfram von Eschenbach sang sich mit Staatstheaterformat durch die Aufführung und lief im 3. Akt dann endgültig zu Hochform auf. Wie alle Sängerinnen und Sänger sich im Laufe der fünf Stunden (drei Stunden Aufführung) steigerten – der untergehenden Sonne und der nachlassenden Hitze sei Dank. Der Auftritt des Hermann, Landgraf von Thüringen, gesungen von Andreas Hörl, geschah vom Balkon des Orffschen Arbeitszimmers aus. Die Chöre erklangen aus dem Erdgeschosszimmer. Orff hätte seine helle Freude daran gehabt.
Und er hätte sicher auch und gerade den Laien-Chor bestaunt: Den Sängerinnen und Sängern des Yuriko-Chors aus Landsberg, überwiegend junge Männer aus der Region, ergänzt durch Stipendiaten und Gäste, merkte man zwar die Anspannung an. Auch die Überwindung, quietschbunte, pinke Anzüge als Pilgerchor zu tragen, der zur Überraschung des Publikums auch die Treppen und Durchgänge des „Zuschauerraums“ zum Auftritt nutzen. Doch das alles mit einer Gesangsfreude, die Hoffnung gibt, dass Singen für junge Menschen doch noch in Deutschland wichtig sein könnte. Bei dem jungen Chorleiter und Gymnasiallehrer Lukas Althaus kein Wunder, hat er doch gleich vier Chöre unter sich, auch an Schulen, wo das keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
Bayreuth-Besucher und Glyndebourne-Kenner müssen anerkennen: Das Orff-Museum, Orffs lange für die Öffentlichkeit verschlossenes Anwesen bietet die Location für ein Opern-Sommerfestival. Ein paar Tische und Stühle für das Pausenpicknick werden sich auch noch auftreiben lassen.
Wagner hätte das in dieser Leidenschaft und Authentizität bestimmt gefallen.
Nächste Aufführungen 17. Juli und 19. Juli, 16 Uhr





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