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    Ein neues Orff-Museum in Dießen

    Reportagen - Berichte

    Auf einen Kuchen bei Carl Orff

    Zur Eröffnung des neuen Carl-Orff-Museums in Dießen am Ammersee

    Von Susanne Lettenbauer

    Von 1955 bis zu seinem Tod 1982 lebte Carl Orff in Dießen am Ammersee. Auf dem vier Hektar großen Anwesen mit dem Wohnhaus und dem Arbeitshaus mit Blick auf den Ammersee und die Zugspitze schuf er sein Spätwerk. Viel ist davon heute außerhalb von Forschungsinstitutionen wie dem Orff-Institut in Salzburg oder dem Orff-Zentrum in München nicht mehr bekannt. Die Carl-Orff-Stiftung hat deshalb mit Unterstützung zahlreicher Sponsoren und Mäzene viel Geld in die Hand genommen, um das Wohnhaus von Carl Orff in Dießen für Publikum zugänglich zu machen. Im Beisein von Bayerns Kunstminister Markus Blume wurde es nun als Museum eröffnet.

    (Dießen, 30. Oktober 2025) Der Blick hat es in sich: Auf der einen Seite die Alpenkette mit der Zugspitze, auf der anderen mit Blick über den Ammersee die Kirche von Andechs, wo Carl Orff begraben liegt.
    Am Ziegelstadl Nr. 1 in Dießen saß der Komponist der Carmina Burana seit 1955 über seinem Spätwerk, leitete von hier aus das Orff-Institut Salzburg. In dem Arbeitshaus neben dem Wohnhaus überarbeitete er sein pädagogisches Schulwerk. Oedipus der Tyrann, Prometheus und De temporum fine comoedia wurden hier zwischen langen Bücherregalen komponiert.
    Nahezu nichts wurde verändert, nachdem Carl Orff nach langer Krankheit im März 1982 in München starb. Dreißig Jahre nach Orffs Tod lebte seine vierte Ehefrau Liselotte noch im Haus, wachte akribisch über sein Erbe.

    Der Flügel steht noch immer da, wo ihn Orff hingestellt hatte. Neben dem Kachelofen das Sofa, wo Herbert von Karajan und andere Künstlerinnen und Künstler seiner Zeit neuen Kompositionen zuhörten. Und das dem Mittagsschlaf diente.
    An der Wand daneben das Klavier der Mutter, das der junge Carl Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Hammer traktierte. Pädagogisch sinnvoll wurde er dafür mit einer Trommel „bestraft“, der Grundstein für sein späteres Schulwerk, will man der Anekdote glauben, die im neuen Museum in der Dauerausstellung erzählt wird.
    Bevor man das Arbeitszimmer, das Herzstück des neuen COMU, also Carl-Orff-Museums, betreten kann, wird all das erzählt in dem an die historischen Gebäude angebauten Neubau des Münchner Architektenbüros Meck. Wie vom Denkmalschutzamt gefordert, hebt sich der Betonbau in seiner schlichten Form und einem markanten Tonnendach deutlich ab von den Originalhäusern. Auch im Inneren dominiert grauer Betonlook, durch runde Vitrinen und wasserblaue Beschriftungen entschärft.

    In einfacher, chronologischer Reihenfolge hat der Dießener Ausstellungsmacher Tobias von Wolffersdorff die Lebensdaten angeordnet. Zuvor für das Wolfratshauser Ortsmuseum engagiert, hat Wolfersdorff für das Dießener COMU gleich am Eingang der Dauerausstellung einen biografischen Zeitstrahl gebaut. Angefangen von den elterlichen Ausflügen ins Münchner Umland, die ersten Erlebnisse am Ammersee, die Förderung durch den Großvater und dann der optisch dargestellte Bruch durch die Kriegserfahrungen im Ersten Weltkrieg. Die Laufbahn als Komponist war durchaus nicht so gradlinig wie es Laien vermuten könnten. Dem Welterfolg durch die „Carmina Burana“ 1937 waren Jahre der Zweifel vorausgegangen. Im neuen Museum wird dieser Werdegang in kurzen, knappen Texten abgehandelt und in Beziehung gestellt zu Lebensdaten anderer Komponisten und Weltereignisse.

    Ausstellungsgestalter Wolfersdorff hat in einem nächsten Raum das Arbeitszimmer nachbauen lassen, um Kindern ein haptisches Erlebnis an Orffs Schreibtisch zu ermöglichen, an der Kopie des Flügels, am nachgebauten Bücherregal und auf dem Sofa. Eine spielerische Entdeckungstour in die Gedankenwelt von Carl Orff.

    Mit der raumgreifenden halbrunden Vitrine in der Mitte der gut 300 Quadratmeter Ausstellungsfläche wird überdeutlich: Im Mittelpunkt des Museums stehen nicht die Bühnenwerke, nicht die Carmina Burana, die Griechen oder die bayerischen Opern. Die Museumsleitung unter Judith Janowski, zeitgleich Stiftungsvorständin der Orff-Stiftung, hat sich für das pädagogische Schulwerk als Schwerpunkt der Dauerausstellung entschieden. Triangeln, Xylophone, Trommeln und andere Rhythmusinstrumente aus dem Fundus sind ausgestellt. Ein Raum ist für Musik-Workshops mit Kindern und Jugendlichen reserviert. Die Besucherinnen und Besucher sollen im COMU eintauchen in die Welt des Pädagogen Carl Orff, des Theatermachers und Komponisten.
    Man habe sich bemüht, „auf vielen Ebenen dem Besucher die Möglichkeit zu geben, Orff auf vielen Ebenen näher zu kommen“, sagt Museumsleiterin Judith Janowski. Familien mit Kindern wie auch ausgewiesene Orffianer sollen auf ihre Kosten kommen.

    „Es gibt nicht den Orff, der für die Bühnen schreibt und einen anderen, der so ein bisschen Kinderprogramm macht“, meint Ausstellungsmacher Wolfersdorff. „Das ist bei ihm alles durch und durch durchdrungen.“ Buchstäblich stehe deshalb im Ausstellungsraum ziemlich genau in der Mitte eine Mitmachstation, bei der die Besucher elementar musizieren können und zwar „nicht über ein Display, wo sie draufdrücken oder ein Interface, sondern durch Gestensteuerung“, erklärt er. Dort entstehen Klänge mittels sogenanntem Motiontracking. Ein Prototyp der KI-Abteilung der Musikhochschule Nürnberg.

    Im Gebäude neben dem Arbeitshaus, dem früheren Wohnhaus mit Empfangszimmer, Schlafgemächern und Küchenraum, dürfen kleine anekdotische Spielereien nicht fehlen: Der Original-Esstisch auf dem typisch blauen Teppich, die Originalsitzbank. Ein Buch zu den Gemälden an den Wänden, wer genau aus der Familie Orff dort verewigt wurde.
    Archivalien und Originalpartituren werden hingegen auch künftig nur im Münchner Orff-Zentrum einsehbar sein, dem Forschungs- und Dokumentationszentrum am Englischen Garten, sagt Stiftungsvorstand Janowski. Rund um die spielerisch aufgebaute Komponierstation im nachgebauten Arbeitszimmer können aber Notenkopien angefasst werden.

    Auf einen open-air Auftritt im weitläufigen Garten des Museums hofft auch Dirigent und Musiker Mark Mast. Der Komponist der „Carmina Burana“ sei aktueller denn je, ist der Chef der Bayerischen Philharmonie überzeugt. Das Schulwerk, in anderen Ländern in den Musikunterricht integriert, müsse auch in Deutschland einen neuen Stellenwert bekommen. Carl Orff könne mit seinen Percussionskompositionen heute problemlos in elektronische Musik und Technomusik integriert werden. Die Bayerische Philharmonie hat sich der Pflege und Neuinterpretation der Orff-Werke verschrieben und tourte im Herbst mit dem Programm Orff meets Techno durch den Freistaat.

    „Er ist der bedeutendste Komponist, den Bayern je hervorgebracht hat. Sein Werk kann und muss neu entdeckt werden“, ist Mast überzeugt. „Sowohl das Musiktheaterschaffen muss mehr auf die Bühnen, als auch sein Schulwerk braucht eine Renaissance. Auf der ganzen Welt ist das Schulwerk von Carl Orff Gesetz, in Deutschland wird es vernachlässigt, da müssen wir was tun, gerade in Zeiten, wo die Bildungspolitik den Musikunterricht immer weiter an den Rand drängt.“

    Eine niedrigschwellige Ausstellung für die ganze Familie. Ein Haus, das offen sein soll für vieles. So kann im Museum auch geheiratet werden. Im Caféstübchen, der ehemaligen Küche, werden Kuchen aus dem Rezeptbuch von Liselotte Orff angeboten.
    Nach zweijähriger Bauzeit und Investitionen von rund 11 Millionen Euro ist das Museum ab Sonntag, dem 2. November für Publikum zugänglich.

    1. November 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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