Die Berliner Lautten Compagney trifft afrikanische Musiker*innen
Barock meets Afrika
Die Berliner Lautten Compagney musizierte im Rahmen der Konzertreihe Musical Belongings im Humboldt Forum mit Musiker*innen aus Nigeria
Von Matthias Nöther
(Berlin, 2. Mai 2025) Die großen und kleinen, mal paarweise oder im Quartett angeordneten, mal solistischen Trommeln besitzen Namen wie Jembe, Conga, Àpàlà und noch einige mehr. Die drei Musiker Sesan Adekunle, Gbade Olagunju und Neyo Omele spielen sie mal in wiederkehrenden Patterns mit der Hand, mal mit einer Art Schürhaken. Je nach Gebrauch können die Trommeln mit heller Stimme sprechen oder hintergründig murmeln.
Die Instrumente sind ein Bestandteil der Yoruba-Kultur. Dieser Ethnie gehören, mit Mittelpunkt in Nigeria, weltweit 105 Millionen Menschen an. Vermutlich degradierten diese Instrumente trotz ihres kommunikativen Gebrauchswerts nie zum reinen Gebrauchsgegenstand. Sie blieben immer Musikinstrument.
Das reiche musikalische Geschehen auf der Bühne des Saals 2 im Humboldt-Forum hat die Berliner Lautten Compagney unter ihrem langjährigen Leiter Wolfgang Katschner initiiert. Ihr Projekt „Talking Drums Nigeria“ ist Teil des Programms der Bundesregierung „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“. In diesem Rahmen fragt die Lautten Compagney neugierig nach Schnittmengen zwischen europäischer Musik des 18. Jahrhunderts, westafrikanischen Spielpraktiken und einer Menge von Musikstilen dazwischen.
Die Trommeln setzen irgendwo mitten in diesem ereignisreichen Konzert wieder ein, zu den komplizierten Rhythmen hört man die drei Männer einen Sprechchor in einem wiederum völlig anderen Rhythmus anstimmen. Dann spielt die Lauttenkompagney mit ihren angestammten Streich- und Zupfinstrumenten, Bläsern und historischem Schlagwerk eine Folge von Harmonien, die immer wieder zum Ausgangs-Akkord zurückkehrt, sich wiederholt und auf diese Art beruhigend und bedächtig kreist – eine musikalische Standard-Situation des mittleren 18. Jahrhunderts, schlagend in seiner einfachen Schönheit.
Die Gruppe „ARA, Queen of Drums and Afroculture & Band“ verkauft ihre Kunst gemeinhin auf populäre Art – als musikalische Spielart exotischen afrikanischen Matriarchats, als „Afroculture“ in weiterem Sinn. Aber auch in eine so gründlich kuratierte Veranstaltung wie diese fügt sie sich ein: Die drei Männer mit ihren Trommeln und als Background-Chor an der Seite, die Sängerin und Trommlerin in der Mitte der Bühne im prunkvollen, muschel-bestückten Gewand.
Musikgeschichte besteht für diese Protagonisten auch aus Geschichten. So erzählt die Sängerin Aralola Olamuyiwa zur Musik melodramatisch, wie in Yoruba-Gemeinschaften behinderte Neugeborene in älterer Zeit im Wald ausgesetzt wurden – eine Praxis, die irgendwann auf Geheiß eines Stammeskönigs geächtet wurde.
Vor dem Hintergrund des Pachelbel-Kanons und ihrer percussionierenden Kollegen vollzieht die Sängerin aber musikalisch in diesem Moment etwas ganz anderes: Es klingt ein bisschen wie schwarzer Philadelphia Sound der Siebziger, für deutsche Ohren eventuell auch mal nach Marianne Rosenberg. Der Schlagwerker der Lautten Compagney grinst zu den Lautenisten herüber. Dann hebt noch die deutsche Barocksängerin Julienne Mbodjé an. Mbodjé ist von der Lautten Compagney offenbar sehr bewusst ausgesucht worden. Wohl nicht zuerst, weil sie kamerunische Wurzeln besitzt. Sondern weil sie mit ihrer Altstimme sowohl den großen affektgeladenen Operngesang beherrscht als auch, in tieferer Lage, tragfähig in ein sprechgesang- und popaffines Idiom wechseln kann.
Um welche Nummer in dem reichen dreiteiligen Programm („Origins“, „Hybrids“ und „Fusions“) es sich in diesem musikalischen Augenblick nun genau handelt, ist nicht mehr richtig nachzuvollziehen. Irgendwo gegen Ende will die Lautten Compagney sogar die „Clapping Music“ des US-Minimalisten Steve Reich amalgamiert haben. Das alles inspiriert das Publikum zum kreativen Hören, auch wenn die Schichten kaum noch auseinanderzuhalten sind.
Ein Angelpunkt etwa ist der Komponist Ignatius Sancho – der erste von einem europäischen Verlag gedruckte schwarze Komponist. Er kam auf einem Sklavenschiff zur Welt, verbrachte aber, als Horn-Virtuose, den größten Teil seines Lebens in England. Seine Musik bewegt sich auf der Schwelle vom Barock ins Klassische, vereinigt höfischen Tanz und Horn-Fanfaren.
Es ist ein Hinweis, das Ganze nicht pauschal unter „Weltmusik“ im herkömmlichen Sinn einzuordnen. Das alles funktioniert nur, weil die Künstlerinnen und Künstler dieses Programm historisch zunächst so differenziert und trennscharf eingeführt haben – erst so lernt man, die überzeitlichen Gemeinsamkeiten des Musizierens zwischen Westafrika und Mitteleuropa zu erkennen und zu schätzen.





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