La Forza del Destino in Lyon
Die Macht der Assoziationen
In Lyon setzt Ersan Mondtag in seiner Inszenierung von Giuseppe Verdis „La forza del destino“ auf die Macht der Bilder
Von Roberto Becker
(Lyon, 14. März 2025) Der Regisseur Ersan Mondtag setzt in seinen Operninszenierungen vor allem auf die Macht der Bilder. Er erfindet sich die Bühnenbilder stets selbst, mit denen er die Räume für Assoziationen öffnet, die wiederum auf dem Umweg einer eigenständigen Ästhetik auf die Stücke zurückwirken und im günstigsten Falle deren Relevanz belegen.
Verdis eher selten gespielte Oper „La forza del destino“ ist als Plot eine ziemliche Räuberpistole: Der adlige Vater hat was gegen die Partnerwahl seiner Tochter Leonora. Dass ihr Auserwählter ein exotischer Prinz ist, weiß keiner. Bei einer Rangelei löst sich aus Versehen ein Schuss und tötet den Vater. Wie in den einschlägigen europäischen Opernlibretti früherer Jahrhunderte – und in manchen Parallelgesellschaften heute – üblich, geht’s ab da nur noch um Rachemord, um die „Ehre“ des Namens wieder herzustellen. Davon lässt sich Leonoras Bruder Don Carlo nicht mal dadurch abbringen, dass ihm das Objekt seines Hasses das Leben rettet. Am Ende bleibt zwar auch er auf der Strecke, reißt aber seine Schwester noch mit in den Tod. Das Verhängnis, jene Macht des Schicksals, ist einfach stärker. Bei der kruden Story nach dem Libretto von Francesco Maria Piave würde man am liebsten dazwischengehen und die Beteiligten zum Reden und Einsehen zwingen. Was natürlich nicht geht, da das zelebrierte Verhängnis ja vor allem über die emotionale Wucht der Musik „bewegen“ soll. Verdi hat das Ganze außerdem mit einigen Chornummern aufgemöbelt, deren Kriegseuphorie (gerade wenn es gegen die Deutschen geht) beachtlich ist.
In seiner Inszenierung nimmt Ersan Mondtag den Weg über eine allgegenwärtige Ästhetik von Gewalt, um so den Kern des Werkes anzuvisieren. Ihm geht es letztlich um die Allgegenwart der Gewalt. Die zwingt dem individuellem Handeln eine Alternativlosigkeit auf, die bei Leonoras Bruder den Rachemord am Geliebte seiner Schwester zum Leitmotiv seines Lebens macht.
Im ersten Bild dominiert eine historische Säulen- und Gewölbearchitektur, die den Hintergrund für ein kollektives Befüllen von Granaten liefert. Zur historischen Architektur kommen surreal angehauchte Kostüme. Der Kopfschmuck erinnert an Insektenflügel. Im zweiten Bild beherrscht ein Totenhaus die Bühne, dessen Opulenz aus einer Ansammlung von religiösen Höllenphantasien resultiert. Die Säulen unterm Vorbau sind aus Totenschädeln geschichtet. Eine Prozession von verhüllten Menschen mit Spitzhüten erinnert an die Ketzerverbrennungen der Inquisition. Die Menschen wiederum wirken mit ihren Kostümen wie aus Bildern von Bosch oder Brueghel entsprungen. Historische Possierlichkeit trifft auf ziemlich gegenwärtige Militärs in blauen Uniformen mit Stiefelhosen und überzeichneten Schultern. Preziosilla trägt (zu dem surrealen Flügelkopfputz) ein ärmelloses Kleid mit Schlitz und heizt in dieser Aufmachung den einen wie den anderen mit ihrer Kriegsbegeisterung gehörig ein. Die dritte Variante dieses Mondtagschen – Gewaltpanoptikums ist ein Zwischen-Raum aus Kino und Lazarett. Wahrscheinlich im selben Gemäuer, in dem die Waffen produziert wurden, die zu der Belegung der Betten im Gewölbe darunter führten.
Das Schlussbild bildet dann eine Synthese. Die Fassade des Totenhauses ist stark beschädigt und ein Panzerwrack neben und eine halbes Dutzend von aufgespießten Köpfen davor schlagen sozusagen eine Brücke und stehen für den Wahnsinn aller Zeiten.
Das kann man alles sehr viel direkter in die Gegenwart oder nähere Vergangenheit projizieren – so wie es Tobias Kratzer oder Frank Castorf in ihren Inszenierungen auf unterschiedliche Weise gemacht haben. Aber das Ausweichen in eine surreale Assoziation, in die ganz verschiedenen Epochen hineinwirken, hat durchaus auch ihre Reiz. Allerdings bleibt da kaum Raum für eine tiefergehende, gar Empathie ermöglichende Figurenzeichnung.
Im Graben verordnet Daniele Rustioni dem Orchester der Oper Lyon dramatischen Schwung, ohne die Sängern zu überdecken. Aus dem Protagonistenensemble ragt vor allem Arlunbaatar Ganbaatar als stimmgewaltiger Finsterling Don Carlo heraus. Auch Riccardo Massi beeindruckt als Don Alvaro im Drauflosschmettern. Maria Barakova ist eine durchweg überzeugend spielende und vokal auftrumpfende Preziosilla. Hulkar Sabirova stellt sich den Herausforderungen der Leonora, auch wenn sie noch Spielraum hat, in diese Rolle hineinzuwachsen. Rafal Pawnuk als Marquis de Calatrava, Michele Pertusi als Père gardien, Paolo Bordogna als Frère Melitone, Francesco Pittari als Maitre Trabuco, Jenny Anne Flory als Curra so wie Hugo Santos in der Doppelrolle als L’Alcade und Le Chirurgien steuern ihren Teil zu einer im ganzen überzeugenden Ensembleleistung bei. Das gilt auch für den von Benedict Kearns und Guillaume Rault einstudierten Chor. Zustimmender Beifall für alle.





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