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    Carmen an der Volksoper Wien

    Opern- und Konzertkritiken

    Auf der Bühne hinter den Kulissen

    An der Volksoper Wien inszeniert Intendantin Lotte de Beer zur Eröffnung der Saison Bizets „Carmen“

    Von Joachim Lange

    (Wien, im September 2024) Bei der zweiten Vorstellung der neuen „Carmen“ an der Volksoper in Wien wiederholten sich die Proteste für das Regieteam, die die Wiener Presse natürlich protokollierte, nicht. Eine kurze technische Störung in der Wiener Stromversorgung tagsüber hatte dafür gesorgt, dass bis zum Abend die Übertitelanlage noch nicht wieder auf der Höhe war. Nun kann man bei einer so präsenten Oper wie Georges Bizets Repertoiredauerbrenner davon ausgehen, dass der französische Gesang, die deutschen Sprechtexte, die darstellerische Überzeugungskraft der Protagonisten und natürlich die Musik ausreichen, damit niemand im Saal den Faden verliert. Und jeder weiß, warum Carmen am Ende stirbt.

    Aber obwohl sie Don José hier auf offener Bühne mit unzähligen Messerstichen traktiert und Carmen reglos liegen bleibt, ist gar nicht sicher, ob sie auf allen Ebenen, die dieser Abend entfesselt, wirklich das Opfer dieses berühmten historischen Opernfemizids geworden ist. Der Mord findet da nämlich nicht nur im übertragenen Sinne auf offener Bühne statt, sondern obendrein auf einer angedeuteten Bühne auf der Bühne. Dieses Portal mit Podest befindet sich bei Christof Hetzer (Bühne) und Jorine van Beck (Kostüme) vor den opulenten drei Rängen eines Theaters mit je drei vollbesetzten Doppellogen. Das Personal, das sich dort drängelt, gleicht dem Publikum im Saal. Es besteht am Ende geradezu auf dem Mord, dem es dann auch noch heftig zujubelt.

    Lotte de Beer hatte bis dahin versucht eine Melange zwischen dem spanischen Klischee der Rezeptionsgeschichte und dem Freiheitspathos zu finden, das die Attraktivität der Carmenfigur ohnehin schon ausmacht. Sie hat ihrer Carmen daher die zusätzliche Aufgabe übertragen, im offensiven Paktieren mit dem Publikum das, was sie spielt, als Theater kenntlich zu machen, es auszufüllen, vorzuführen und damit zu hinterfragen. Das macht den Reiz der Produktion aus, hält aber auch etliche Stolperstellen bereit, weil die Geschichte und der Kommentar dazu gelegentlich kollidieren.

    Die Regisseurin kann aber darauf bauen, dass Katie Ledoux bewusst nicht dem optischen Klischee einer Carmen entspricht, mit ihrer stimmlichen Leuchtkraft und darstellerischen Vitalität gleichwohl eine auf ihre Weise charismatische Carmen vorführt. Ohne modisch folkloristische Rückgriffe ist sie mehr eine Verkörperung all dessen, was man heute an feministischem Selbstbewusstsein in dieser Figur sehen könnte. Sie wahrt diese Souveränität so lange, bis sie sich auf den Macho Escamillo einlässt. In einem belehrenden Spiel auf der Bühne schnürt er Carmen erst in ein Mieder und steckt sie dann in ein Kleid samt Schürze, das aus ihr eine brave Hausfrau machen soll.

    Bei Lotte de Beer ist diese Carmen nicht nur so wie immer, sondern auch in einem demonstrativen, vorgeführten Sinne genau die Opernfigur, die jeder zu kennen meint. Zu dieser Figur gehört das Rebellische, Verführerische genauso wie ihr Scheitern an der patriarchalischen, stets zur Gewalt bereiten Männerwelt. Vom entsprechenden Theaterpublikum wird folgerichtig auch das entsprechende Ende verlangt und bejubelt. Als Carmen sich unter den Zuschauern in Sicherheit bringen will, wird sie von den Logeninhabern zurückgewiesen.

    Die Grundhaltung der Regie wird schon deutlich, wenn Carmen das erste Mal mit dem Publikum Blickkontakt aufnimmt und irgendwann die bemalten Pappkulissen des Opernkitsch-Spaniens einfach umdreht, so dass sie zum abstrakten schwarzen Hintergrund werden.

    Im Graben sorgt Musikdirektor Ben Glassberg am Pult des Volksopernorchesters für den nötigen musikalischen Drive und die emotionale Wucht. Das überzeugt durchweg.

    Das Protagonistenensemble wird von der sinnlich aufblühenden Carmen angeführt. Tomislav Mužek hat die Kondition und Leidensfähigkeit, um einen überzeugenden Don José zu verkörpern. Mit leichten Schärfen in der Stimme steuert Iulia Maria Dan die Micaëla bei. Erfrischen jugendlich und vital geben Alexandra Flood und Sofia Vinnik Frasquita und Mercédès. Josef Wagner ist ein effektvoll auftrumpfender Escamillo. Unter den Schmugglern fällt Marco Di Sapia mit einem profilierten Dancaïro auf. Ensemble und Chor, Kinderchor und Ballett kassieren ihren (Postpremieren-)Beifall ganz zurecht. So wie Katie Ledoux ihre Extradosis Jubel.

    2. Oktober 2024/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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