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    Vladimir Jurowski dirigiert Schostakowitsch in Berlin

    Opern- und Konzertkritiken

    Dialektik des Aufruhrs

    Vladimir Jurowski und das RSB brillieren mit Schostakowitschs Vierter

    Von Bernd Feuchtner

    (Berlin, 16. April 2023) Messerscharf sausen die Orchesterschläge nieder. Und dann rasen die nervösen Streicherfiguren los, die die Mechanik der Sonatenhauptsatzform in Gang setzen. Beethoven hat in seiner gnadenlosen „Coriolan“-Ouvertüre mit rein musikalischen Mitteln dargestellt, wie eine thematische Bewegung an ihrer eigenen Starrheit erstickt. Und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter seinem Chefdirigenten Vladimir Jurowski realisiert in der Philharmonie mit geradezu unheimlicher Präzision das Porträt eines Aufrührers, der an sich selbst scheitert. Das rasche Tempo lässt an den Kopfsatz der Eroica denken, der einem anderen Revolutionär gewidmet war und von ähnlichem Elan vibriert. Faszinierend auch die Binnenbewegungen, die man selten so aufregend präsentiert bekommt.

    Zur Erholung dann das neue Klavierkonzert op. 175 von Elena Firssowa, ein Auftrag von Amsterdam, Göteborg, Liverpool und Berlin. 1991 war die russische Komponistin mit ihrem Mann und Kollegen Dmitri Smirnow emigriert. Bis zu Smirnows Corona-Tod im April 2020 lebten beide bei London. 2021/22 war Firssowa als Composer in Residence beim RSB. Kein Geringerer als Yefim Bronfman spielt nun den Klavierpart. Beinahe impressionistisch beginnt er auf den hohen Tasten, doch seinem atmosphärischen Spiel antworten bald Klänge des Orchesters, die sich bis zum infernalischen Heulen steigern. Pizzikato-Felder entstehen und vergehen. Am Ende des ersten Satzes stürzt sich das Klavier von höchsten Höhen in die tiefste Tiefe.

    Rascher bewegt, doch zunehmend spooky ist der zweite Satz mit seinen plumpen Klavierakkorden und scharfen, mechanisch-starren Orchesterschlägen à la Coriolan. Dann wieder rauscht es in den Instrumenten und von fernher erklingt eine Spieluhr. Die kehrt auch im langsamen Finale wieder, dem längsten Satz, der ähnlich beginnt wie der erste. Bald erklingen feine Flageoletts, bald fegen Elementargüsse durchs Orchester wie ein Tsunami. Ja, man denkt tatsächlich an Naturereignisse wie Vulkanausbrüche. Das Klavier erlebt einen Wutanfall und rast in wilden Figuren die Tastatur hinauf und hinunter, bis es schließlich der Mut verlässt. Das ist keine aktiv-treibende Musik, sondern eine, die wahrnimmt. Am Ende ein kurzer Pizzikato-Marsch und dann das mechanisch-hölzerne Klackern, das bei Schostakowitsch den Tod symbolisiert. Großer Beifall für die anwesende Komponistin, ganz besonders aber für Bronfman.

    Nach der Pause wächst das Orchester bei Schostakowitschs Vierter noch einmal über sich hinaus. Eine Stunde lang lassen die Musiker das Publikum nicht aus der eisernen Klammer. Wieder erklingen messerscharfe Orchesterschläge und starre Marschrhythmen und bauen einen halbstündigen Sonatenhauptsatz auf. Schostakowitsch hatte die Arbeit für Film, Theater und Propaganda satt und wollte wieder anspruchsvolle Werke schreiben. Seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ war 1934 ein Riesenerfolg. Mit seiner Vierten Sinfonie wollte er einen neuen, an Mahler geschulten Maßstab der sowjetischen Sinfonik aufstellen. Die ähnlich gesinnte 1. Sinfonie von Gabriel Popow wurde von der Partei 1935 in Grund und Boden verdammt, und im Januar 1936 erfuhr „Lady Macbeth“ das gleiche Schicksal. Die Vierte wurde noch im Probenprozess verboten. Otto Klemperer, der von dem Werk begeistert war und es im Westen aufführen wollte, hatte das Nachsehen: Die Sinfonie musste 25 Jahre in der Schublade ruhen.

    Jurowski und sein Orchester führen den revolutionären Aufruhr, die Begeisterung und die brutalen Niederschlagungen in ungeheuer plastischer Auflösung vor. Grelle Attacken stehen neben volkstümlich maskierten Karikaturen. Alle Register der Instrumentierung sind gezogen, etwa wenn zwei Tuben mit den Posaunen das Thema übernehmen. Karikatur steht neben Emphase. Piccoloflöte und Es-Klarinette haben ebenso viel zu tun wie Englischhorn und Fagott. Die Solisten des RSB spielen das alles bravourös. Überhaupt ist es bewundernswert, wie exakt alle zusammen sind, auch die Streicher noch in den krassesten Wirbeln. So entsteht ein vielfältiges Panorama der Endzeit der Russischen Revolution vor dem Stalinismus. Am Ende wird die herrliche Zukunft im Sozialismus mit dem Absterben aller Gegensätze erzählt – als ein Märchen à la „Dornröschen“, das bekanntlich in einen 100-jährigen Schlaf fiel. Der Jubel nach dieser exemplarischen, in jeder Sekunde durchlebten Aufführung war entsprechend groß.

    Am 23. April um 21:05 Uhr im Deutschlandfunk.

    18. April 2023/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
    Schlagworte: Vladimir Jurowski
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