Hrůša hat die Sinfonien von Martinů mit den Bamberger Symphonikern aufgenommen
Nüchterner Klangrausch
Jakub Hrůša und die Bamberger Symphoniker bringen Bohuslav Martinůs Sinfonien zum Leuchten
Von Bernhard Malkmus
(August 2026) Im US-amerikanischen Exil fielen ihm während des Zweiten Weltkriegs die Aufträge aus Boston und Cleveland in den Schoß, während andere Exilmusiker darbten – und doch bleibt Bohuslav Martinů einer der großen Unbekannten. Mit seinen klaren Melodien und komplexen Rhythmen, seinem Reichtum an Klangfarbigkeit und Modulationen auf tonaler Grundlage war er den Modernisten nicht innovativ, den Traditionalisten nicht formbewusst genug. Jakub Hrůša und den Bamberger Symphonikern gelingt eine Gesamtschau seines symphonischen Werks, die innovative Klangproduktion und kompositorische Formgebung aufeinander beziehen. Eine Referenzaufnahme.
An Fürsprechern hat es ihm nicht gefehlt nach dem Krieg, von Charles Munch zu seinem Landsmann Karel Ančerl, von Neeme Järvi zu Jiří Bělohlávek. Doch keinem von ihnen ist es gelungen, die sechs im Exil verfassten symphonischen Werke Martinůs fest in den Konzertprogrammen der großen Orchester zu verankern – auch nicht in dessen Wahlheimat USA. In diesem Werk gehen französische, tschechische und amerikanische Idiome eine eigentümliche Synthese ein, die zu reich strukturierten Texturen verflochten werden. Dabei entstehen dichte Traumsequenzen von leuchtender Farbigkeit, oft warm und dunkel grundiert und in den schnellen Sätzen perkussiv aufgeladen. Obgleich die Verbindung von klarer Melodieführung und impressionistischer Flächigkeit immer als originell kommentiert wurde, stand dieses Werk doch nicht selten unter einem gewissen Gefälligkeitsverdacht: zu sehr einer modulationsseligen Tonalität verschrieben, zu entwicklungsmüde trotz aller vorwärtsdrängender Motorik und im Vergleich zu Zeitgenossen wie Schostakowitsch für ein politisiertes Feuilleton zu eskapistisch. Hrůša hat sich lange in diese Werke versenkt und legt nun mit den Bamberger Symphonikern eine Lesart vor, die sich für die Aktualität dieser Werke engagiert.
Die Aufnahmen aus dem Bamberger Joseph-Keilberth-Saal zeichnen sich durch eine klangliche Tiefenstaffelung aus, die den Klangteppich dieser Symphonien als fein und dicht gesponnenes Gewebe erfahrbar machen. Hrůša verzichtet völlig darauf, diese Tonsprache psychologisch zu übersetzen, er nimmt sie vielmehr als unübersetzbare und enigmatische Traumsprache ernst. Stürmische und skeptische, euphorische und verhaltene Stimmungsbilder sind eben genau das: Stimmungen, in denen sich Formen der Resilienz und des inneren Widerstandes auskristallisieren können, gerade weil sie nicht psychologisiert werden. Der impressionistische Fokus auf Kolorit, so Hrůšas Überzeugung, ist keine ästhetizistische Flucht, sondern vielmehr eine Besinnung und Vertiefung.
Das führt zu berückenden Interpretationen, etwa im zweiten Satz der ersten Sinfonie, in der sich der Klang paradoxerweise gleichermaßen erinnert und heraufbeschwört; oder im Andante moderato der zweiten Sinfonie: unter Hrůša Stab wird dieser Satz zu einem Gesang auf die Lebendigkeit, in der den Bamberger Streichern das Kunststück gelingt, ihr warmes Unisono samten und brüchig klingen zu lassen; aus diesem Gewebe quellen immer wieder Bläser und Klavier perkussiv hervor und injizieren neue Kraft in den faszinierenden Klangkörper. Auch das Largo der dritten und das Scherzo der vierten (Allegro vivo – Trio. Moderato) zeichnen sich durch eine sorgfältig verstrebte Innenarchitektur aus, denen einzelne Bläserstimmen wie Flöte, English oder Fagott mit ihrem je eigenen Klangcharakter Raumtiefe verleihen. Die einheitlichste Interpretation legt er mit der surrealistischen letzten Sinfonie, „Fantaisies symphoniques“, vor, die die Bamberger in einem überwältigenden Klagechoral zum ausgehauchten Höhepunkt führen.
Hrůša ist ein überzeugender Anwalt Martinůs, doch auch die differenzierte Lesart kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dessen Synthese von Innerlichkeit und Sensomotorik auch ermüdend wirken kann. Manchmal bereitet er einen elastischen Tanzboden, auf dem dann doch nur die gleichen Pirouetten gedreht werden, auch wenn eine klanglich einfallsreicher als die nächste ist. Vielleicht haftet Martinůs Urbanität doch etwas an, was uns existenziell heute nicht mehr ganz erreicht. Vielleicht kann seine Modernität nur bedingt ins 21. Jahrhundert übersetzt werden. Bessere Anwälte und Übersetzer als Hrůša und die Bamberger könnte er sich jedenfalls nicht gewünscht haben.
Bohuslav Martinů, Die Sinfonien, Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša
Deutsche Grammophon, 3CDs, 486 7810



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