Zum Tod von rosalie

Tannhäuser Foto: Theater Karlsruhe

Königin der Buntheit

Zum Tod der Licht- und Bühnenkünstlerin rosalie

Nachruf von Bernd Feuchtner

(12. Juni, 2017) Sie zauberte mit dem Licht wie sonst nur Robert Wilson und eroberte sowohl dem Theater als auch der Kunst neue Räume. Dem Theaterbesucher wie dem Betrachter ihrer kinetischen Lichtskulpturen schenkte sie ein neues Sehen.

rosalie Foto: Theater Karlsruhe

rosalie Foto: Theater Karlsruhe

Bei der Premiere ihrer letzten Arbeit – „Salome“ an der Oper Leipzig mit dem Regisseur Aron Stiehl an diesem Samstag – kann rosalie nicht mehr anwesend sein. Nach schwerer Krankheit ist sie am Montag, dem 12. Juni 2017 mit erst 64 Jahren in Stuttgart gestorben. Ihren Künstlernamen hatte die Licht- und Bühnenkünstlerin nach ihrem Lehrer gewählt, dem Theaterausstatter Jürgen Rose. Doch rosalie schlug bald ganz neue Wege ein: Sie holte das Licht auf die Bühne und die theatralische Skulptur in die Kunst.

Mit Vierzig stattete sie in Bayreuth den Ring aus, mit James Levine als Dirigent und Alfred Kirchner als Regisseur. Für den zweiten „Siegfried“-Akt genügte es ihr, grüne Schirme über einem grünen Hügel aufzuspannen. Wenn diese Schirme sich beim Waldweben – einzeln wie im ganzen Blätterdach – leicht zu bewegen begannen, ereignete sich wirklich ein Wunder: Musik und Bild verzauberten den Zuschauer und machten ihn glücklich. In dem schönen Bildband über den rosalie-Ring findet sich der Notizzettel „eine Leichtigkeit – POESIE – entschlacken – mit einer Radikalität in die MODERNE“. Darin steckt schon das ganze Geheimnis von rosalies Kunst.

Sie interpretierte nicht und sie illustrierte nicht, denn sie wollte ja assoziativ arbeiten und beim Zuschauer Assoziationen zulassen. Sie setzte dem Bühnengeschehen ihre eigenständige Welt gegenüber. Zuerst vertiefte sie sich in die Musik und versuchte dem Drama sein Geheimnis abzuhorchen. Dann reflektierte sie es zusammen mit dem Regieteam, um zu einer gemeinsamen Sicht auf das Werk zu kommen. Doch danach kam sie mit einem Modell, das alle erstaunte: Ihr Kontrapunkt zum Werk. Ein unabhängiges Kunstwerk und doch Teil des Ganzen, ihr ästhetischer Entwurf, an dem die anderen sich nun abarbeiten mussten. Wie bei einem Stück von Bach war dieser Kontrapunkt aber nicht autistisch, sondern aktiver Bestandteil eines Prozesses, der erst bei der Premiere abgeschlossen war. rosalie war die ideale Partnerin eines jeden Bühnenkünstlers.

Und sie war eine treue Partnerin. Fürs Ballett hat sie seit 1977 zahlreiche Arbeiten gemacht, darunter allein vierzehn mit Uwe Scholz. Aber auch Martin Schläpfer, Davide Bombana und Terence Kohler arbeiteten mehrfach mit rosalie zusammen. Sie schuf ihnen Lichträume, die samt ihren kinetischen Objekten und Skulpturen aktiv mittanzten. Am liebsten zu moderner Musik, sei es von Morton Feldman, Wolfgang Rihm oder einem ganz jungen Komponisten wie Matthias Ockert. Aber auch zu Klassikern wie Tschaikowskys Sechster oder „Dornröschen“ erfand sie atemberaubend schöne Licht-Bilder, die ständig neu entstanden und wieder vergingen.

Gerne arbeitete rosalie mit ganz alltäglichen Materialien. Das konnten Plastikeimer sein oder Einkaufswagen in Serie, Flüssigkeitscontainer oder Ballons – oder eben Schirme. Doch hinter den einfachen Materialien steckte hochkomplizierte, ultramoderne Technik. rosalie jagte hinter den neuesten Entwicklungen her, ja initiierte sie manchmal sogar. So beim Karlsruher „Tannhäuser“, für den sie viereckige Plastikkuppeln ziehen ließ, die an drei Wänden montiert wurden, hinter denen LEDs die unterschiedlichsten Farbatmosphären hervorbrachten. Die Industrie war durchaus daran interessiert, mit rosalie solche Neuentwicklungen am Theater auszuprobieren und so diese Produktionen zu unterstützen.

Kein Wunder, dass sie mit ihren kinetischen Skulpturen bald auch in Architekturen, Stadträume und Museen ging. In Nürnberg hängte sie zur Blauen Nacht blaue Ballons über den Fluss und füllte den Innenhof des Renaissance-Rathauses mit einem Riesenglobus – das eine als Hommage an Dürers Blauracke, das andere an Behaims Weltkugel. Diese kinetische Installation verzauberte die Stadt nicht weniger intensiv als eine Verpackungsaktion von Christo.

In die gotische Architektur der Cartuja in Sevilla hängte sie eine Wolke aus zahllosen Leuchtschnüren. Besonders reizvoll waren für sie die Wände in dem großen Lichthof des Karlsruher ZKM. 2008 belegte sie die Wand mit weißen Plastikeimern, in denen dann Farborgien stattfanden – die Partitur „Lichtmusik“ von Georg Friedrich Haas war zwar die Grundlage für das Lichtstück „Hyperion“, doch war diese Musik nicht zu hören: rosalie hatte sie in Licht verwandelt. 2009 installierte sie dort CHROMA-LUX aus unendlich vielen horizontalen Lichtleitkabeln, die in ständig wechselnden Metamorphosen Architekturen aus Farbe, Rhythmus, Struktur und Zeit schufen. Mehrere Lichtkompositionen steuerten das faszinierende Lichtbild; es begleitete auch das Lichtkunstkonzert LUX_VOCAT, bei dem Michael Hofstetter Musik von Ligeti, Pintscher und Xenakis dirigierte.

Im Volkshaus Jena, einem wuchtigen Saalbau der vorletzten Jahrhundertwende, verteilte sie weiße Ballone mit LED-Modulen unter der Decke und im Saal, die beim Lichtkunstkonzert „Luce – Der Ton der Farben“ Strawinskys „Feuervogel“ und Skrjabins „Prometheus“ begleiteten. Das Feuer, das Licht sind nicht nur Urmythen des Menschen, sondern stehen auch für Erkenntnis und Aufklärung. „Accende lumen sensibus“ – „Entflamme den Sinnen das Licht“ lautet der Erweckungsruf in Mahlers Achter Sinfonie, für deren Aufführung in der Elbphilharmonie rosalie eine Lichtskulptur schuf. Dies war auch die Funktion der Farbe in ihren Arbeiten: ein heilsamer Schock, ein Aufwecken zur Freiheit, eine Ermunterung zur Sinnlichkeit.

Mancher dachte, das sei schlechter Geschmack, das gehöre sich nicht. Es war aber bewundernd gemeint, als Heiner Müller rosalie 1994 „die Königin der Buntheit“ nannte, denn in ihrer Buntheit zeigte sich ihr freier Geist. Sie scherte sich nicht um das, was eine angebliche Tradition vorgibt, sondern folgte unbeirrbar dem Instinkt der Künstlerin. Farbe rüttelt auf aus dem Einheitsgrau des Alltags. Auch Schönheit kann provozieren, auf heilsame Weise Mut machen. Die Fröhlichkeit rosalies war unwiderstehlich. Sie war gepaart mit Unerbittlichkeit in der Arbeit. Das hat sie auch zu einer so nachhaltigen Lehrerin der Bühnenbildklasse an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung gemacht, deren Studenten ihre ganze Leidenschaft galt. Aus ihnen wollte sie keine zweiten rosalies machen, sondern das freisetzen, was in ihnen selbst angelegt war. Kunst hat nur Sinn, wenn sie die Menschen frei macht. „Die Gestalt aller künstlerischen Utopie heute ist: Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind“ – dieses Adorno-Wort könnte auch als Motto über jedem Werk von rosalie stehen.

Ein glückliches Kind: rosalie unterm Kirschbaum (Foto: Familienarchiv

Ein glückliches Kind: rosalie unterm Kirschbaum (Foto: Familienarchiv


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