Zum Tod von Patrice Chéreau

L‘homme blessé

Patrice Chéreau im Jahr 2009 Foto: Nicolas Genin – en.wikipedia.org

Zum Tod des großen französischen Regisseurs Patrice Chéreau
Von Klaus Kalchschmid
„Le corps au travail – Der Körper bei der Arbeit“, so lautet ein Film aus dem Jahr 2009 über Patrice Chéreau seines Assistenten Stéphane Metge, in dem der 25-jährige gleich zu Beginn ebenso wundersam natürlich wie kraftvoll tanzt. Elektras finaler, ekstatisch selbstvergessener Todes-Tanz war das letzte, was dieser große Schauspieler, Theater-, Film- und Opernregisseur im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence inszeniert hat. Diese Aufführung, die noch nach Mailand, New York, Helsinki, Barcelona und Berlin reisen wird (bis 28. Oktober außerdem in voller Länge in der Mediathek von www.arte-tv.com zu sehen), ist sein Vermächtnis. Bleiben werden auch zehn Kinofilme und die TV-Aufzeichnungen von etlichen Schauspiel-Inszenierungen sowie von „Così fan tutte“, „Tristan und Isolde“, „Wozzeck“ und „Aus einem Totenhaus“, nicht zu vergessen den „Ring des Nibelungen“, den Chéreau 1976 bis 1980 an der Seite von Pierre Boulez am Pult in Bayreuth inszenierte und der glücklicherweise ebenfalls auf DVD festgehalten ist. Leider ist die Fernseh-Aufzeichnung der Uraufführung der dreiaktigen „Lulu“ von Alban Berg, die Chéreau 1979 in Paris (ebenfalls mit Pierre Boulez) herausbrachte, bislang nicht auf DVD erschienen.
Wer den 31-jährigen Chéreau damals, als sein „Ring“ in Bayreuth das Publikum anfangs in glühende Verfechter und ebenso leidenschaftliche Verächter spaltete, in einer lebhaften Podiumsdiskussion erlebte, der wird das nicht vergessen: Wie da ein junger Mann in ausgezeichetem Deutsch ganz unaufgeregt Fragen beantwortete und seine Sache wortgewandt verteidigte. Als Chéreau 34 Jahre später, im Mai 2010, in den leeren Räumen der Akademie der Schönen Künste in München drei Tage mit Publikum eine szenische Version von Wagners Wesendonk-Liedern für Aufführungen im Louvre probte, gesungen und gespielt von der grandiosen Waltraud Meier, stand er da zwischen den Zuschauern und dirigiert sie ebenso sanft im Raum, wie er zugleich Waltraud Meier mit den neugierigen Augen eines kleinen Jungen beobachtete.
„Mein Begehren für den Körper des Schauspielers, die Anziehungskraft, die ein Schauspieler ausübt, den man im Raum dirigiert“, sei in Film, Theater und Oper von der gleichen Intensität, beschreibt Chéreau das Verhältnis zu seinen Darstellern. Eine musiktheatralische Szene erzählt das paradigmatisch: Wenn in Chéreaus Version von Leoš Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ (2007) die Gefangenen selber Theater spielen und dafür auch in Frauenrollen schlüpfen, dann tun sie das bei Chéreau mit einer extremen körperlichen Lust, einer Natürlichkeit, der alle Scham fehlt und die zugleich die größte Zärtlichkeit besitzt, während davor und danach in dieser Männerwelt die pure Gewalt regiert.
Immer wieder hat Chéreau auf der Opernbühne den Ausdruck des Sängers, seine Gestik, Mimik und Körpersprache in den Mittelpunkt gerückt, hat aus Sängern großartige Schauspieler gemacht, man denke nur an Gwyneth Jones als Brünnhilde im „Ring“, Teresa Stratas als Lulu oder Waltraud Meier als „Wozzeck“-Marie, Isolde – und zuletzt im Sommer Klytemnästra. Über die Jahre hinweg hat er dabei immer mit denselben Bühnen- und Kostümbildern gearbeitet wie Richard Peduzzi oder dem 1996 gestorbenen Jacques Schmidt. 
Früh schon lernte der junge Patrice das Zeichnen von seinen Eltern, kam mit den Gemälden – und vor allem den Plastiken – des Louvre in Berührung, interessierte sich für das Entwerfen von Bühnenbildern, sah als ganz junger Mann am Berliner Ensemble Bert Brechts dem Entstehungsprozess eines Theaterabends zu und schlich sich später in Paris ebenfalls in Proben, um zu lernen, wie Personenführung funktioniert, wie man Licht setzt (bis heute prägt eine subtile Lichtregie alle seine Arbeiten), wie sich das richtige „Verhältnis zwischen Text und dem Körper im Raum“ herstellt. Der deutsche (Film-)Expressionismus präge ihn bis heute, sagte Chéreau im oben genannten Film, wie er dort auch nicht ohne Humor von seinen ersten frühen Theater-Erfahrungen und (Miß-)erfolgen erzählt. Trotzdem machte er schon bald auf sich aufmerksam, verbrachte etliche Jahre in Italien, bevor er in den 1980er Jahren das Théâtre des Amandieres in Nanterre, einem Außenbezirk von Paris, mit großem Erfolg zum Zentrum seiner Arbeit machte. Mit „Der Kampf des Negers und der Hunde“ seines engen Freundes Bernard-Marie Koltés begann er dort 1983 und inszenierte später viele seiner Stücke, in „Die Einsamkeit der Baumwollfelder“ spielte er sogar einen der beiden Protagonisten. Seine letzte Theaterarbeit sollte nach einigen Jahren Pause 2011 Jon Fosses „I am the wind“ mit zwei Männern in einem Boot auf hoher See (in englischer Sprache) sein.
Autobiographisch geprägte Filme waren 1983 „L’homme blessé – der verletzte Mann“, der die Amour fou eines 18-jährigen in der homosexuellen Stricher-Szene darstellt, oder 1998 das Road-Movie „Ceux qui m’aiment prendront le train – Wer mich liebt, nimmt den Zug“, in dem die unterschiedlichsten Männer und Frauen dem Sarg ihres schwulen Freundes hinterherreisen. Für „Intimicy“ über einen Mann und Frau, die eine klar geregelte ausschließlich sexuelle Beziehung unterhalten, bevor Gefühle das labile Gleichgewicht stören, bekam Chéreau 2001 den Golden Bären; 2003 drehte er „Son frère – Sein Bruder“ über einen krebskranken jungen Mann und die Beziehung zu seinem schwulen Bruder. Wichtige Filme waren auch das große, dreistündige Epos „Die Bartholomäus-Nacht“ (1994), „Gabrielle“ (2005) nach Joseph Conrad mit Isabelle Huppert und seinem Lieblingsschauspieler Pascal Greggory sowie zuletzt „Persécution“ (2009) mit Romain Duris, Charlotte Gainsbourg und Jean-Hugues Anglande, seinem Protagonisten aus „L’homme blessé“.
Am 7. Oktober 2013 ist Patrice Chéreau an Lungenkrebs gestorben. Er wurde 68 Jahre alt.
Am Sonntag, 13. Oktober (11.45-12.45 Uhr) sendet Arte eines der letzten Interviews mit Patrice Chéreau vom Sommer 2013 während der Proben zu „Elektra“
Am Sonntag, 13. Oktober ehrt Arte Patrice Chéreau mit folgenden Sendungen:
11.45 Uhr Square – Interview zu "Elektra" (2013)
13.30 Uhr "In der Einsamkeit der Baumwollfelder" (1996)
14.45 Uhr "Le Corps au Travail – Sehnsucht nach dem Körper" (Doku 2009)
22.40 Uhr "L’homme blessé – Der verführte Mann" (1983)

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