Zum Tod von Nikolaus Harnoncourt

Es ging immer um Musik

Nikolaus Harnoncourt Foto: Werner Kmetitsch

Nachruf auf Nikolaus Harnoncourt
„Kunst ist meiner Meinung nach immer oppositionell, Abweichung vom Gewohnten und Provokation. Der Künstler findet sich nie als purer Lobredner.“

Dieses Zitat von Nikolaus Harnoncourt stammt aus dem letzten seiner vielen Bücher von und über ihn mit dem schönen Titel „…es ging immer um Musik“. Der Musiker, Musikforscher und Musikdozent Nikolaus Harnoncourt, der ganze Generationen von Musikern und Dirigenten wie kaum ein anderer Dirigent beeinflusst und inspiriert hat – nicht nur durch seine schier unendlichen Kenntnisse und Erkenntnisse über die Aufführungspraxis von Musik verschiedenster Jahrhunderte, sondern vielleicht noch mehr durch seine überbordende und ansteckende Leidenschaft, sein Brennen für die Musik und für die Erforschung ihrer Geheimnisse – dieser Nikolaus Harnoncourt befand sich lange Zeit selbst in Opposition zum herrschenden Musikbetrieb.

In den 50er Jahren, als Harnoncourt begann, Musik der Renaissance auf historischen Instrumenten aufzuführen, stieß diese Art der Interpretation noch weitgehend auf Ablehnung bei den die etablierten Dirigenten und Orchester. Harnoncourt ließ sich davon nicht beirren und ging seinen Weg, kündigte als Cellist bei den Wiener Symphonikern, um die Musik so aufzuführen, wie er es für richtig hielt.  Opposition ist für den Musiker nichts Schlechtes, sagt Harnoncourt – im Gegenteil. „Für mich hat Widerspruch ja keinen negativen Beigeschmack, sondern damit wird ein Ergebnis gesucht. Ich kann ja überhaupt nur zu einem Ergebnis kommen, wenn ich eine Gegenmeinung habe.“
Ja, Harnoncourt war ein Pionier – auch wenn es natürlich Gleichgesinnte und auch Vorläufer gab. Selbst ein Harnoncourt kommt nicht aus dem luftleeren Raum. Hier sind die wichtigsten Lebensstationen Harnoncourts.
Wer die über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren entstandenen Interviews mit Harnoncourt, die der Gesprächsband „…es ging immer um Musik“ vereint, liest, stellt fest, dass sich Einstellungen und Sichtweisen des Dirigenten im Lauf der Zeit kaum verändert haben. Im Zentrum seines Denkens als Musiker stand und steht die Absicht, den Kompositionen vergangener Jahrhunderte in den Aufführungen jene Unmittelbarkeit des Ausdrucks zu teil werden zu lassen, die sie zur Zeit ihrer Entstehung hatten. Wobei Harnoncourt natürlich sehr wohl weiß, dass das Wissen über die Aufführungspraxis der Entstehungszeit der Werke immer nur ein Annäherungswert sein kann. Zentral sind die immer wieder aufs Neue stattfindende intensive Befragung und Beschäftigung mit dem Notenmaterial und den Zeitquellen – auch bei Werken, die er seit Jahrzehnten dirigiert. Deshalb ist Harnoncourt in seinem musikalischen Tun auch kein Dogmatiker gewesen, wie manche es ihm unterstellen. Deshalb arbeitet er ja auch mit traditionellen Symphonieorchestern zusammen.

Die Sprachlichkeit von Musik ist eine zentrale Vokabel in Harnoncourts musikalischem Denken. Musik war für ihn Sprache, und deshalb sei es auch so wichtig, dass Menschen von früh an diese Sprache erlernten. Mit Nachdruck plädierte er immer wieder für die Rehabilitierung der musischen Bildung, die wesentlich für den Menschen sei. „Musil schreibt in seinem Mann ohne Eigenschaften auf die Frage „Was bleibt von Kunst?“: „Wir, als Veränderte, bleiben“. „Das finde ich ganz toll. Es geht niemand unverändert aus der Berührung mit Kunst hervor, oder er ist nicht in Berührung gekommen.“

Wir, die wir das Glück hatten, mit der Kunst von Nikolaus Harnoncourt in Berührung gekommen zu sein, blicken als dankbare und glückliche Veränderte darauf zurück.

Robert Jungwirth
7-3-2016

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