Zukunft der Orchester – Diskussion in Tutzing

Wider die Ignoranz der Politik

Bei einem Symposion an der Tutzinger Akademie für politische Bildung wurde über die Zukunft der Orchester diskutiert

Von Robert Jungwirth

(Tutzing, 22. September 2018) „Das Orchester ist nicht teilbar“, proklamiert der Intendant der Münchner Philharmoniker Paul Müller. Ganz gleich, ob es am Abend in der Philharmonie vor 2000 Abonnenten spiele oder in kleiner Besetzung bei einem Kinderkonzert in einer Schule, es seien immer die Münchner Philharmoniker. Die Marke sei zentral. Das ist in der Kultur mittlerweile nicht anders als in der Wirtschaft. Die Marke muss gehegt und gepflegt werden. Im Fall der Münchner Philharmoniker gibt es diese Marke immerhin schon seit 125 Jahren. Und es brauche einen engen Kontakt zum (Stamm-)Publikum, sagt Müller. Auch das sei zentral für die Orchester heute.

Keine Frage, die Anforderungen an die Orchester sind vielfältiger als noch vor 15 oder 20 Jahren. Ein unstetes Publikum will gehalten und immer wieder neu interessiert werden. Der Kampf um das begrenzte Gut Aufmerksamkeit ist im Internetzeitalter noch härter geworden. Und das Kulturgut Klassik trifft nicht mehr automatisch auf ein informiertes Publikum. All das erfordert Reaktionen und Ideen. Trotzdem verzeichnen die Orchester hierzulande meist gute Auslastungen, ist das Orchesterkonzert noch immer eine überaus attraktive Freizeitgestaltung. Die jüngsten Zahlen der Deutschen Orchestervereinigung sind sehr gut. Noch nie haben so viele Menschen klassische Musik gehört wie heute.

In dieser Richtung argumentierte auch der Musikjournalist Helmut Mauró, der die Diskussion über die „“Zukunft und Gegenwart der Orchester“ – im Rahmen des dreitägigen Symposions zum Thema „Musik macht Politik. Politik macht Musik“ – an der Akademie für politische Bildung in Tutzing leitete. Das Gerede vom „aussterbenden Publikum“ in der klassischen Musik sei falsch, denn „die Alten wachsen nach“. Und nicht nur die Alten, darf man ergänzen. Die vielen Kinder- und Jugendprogramme der Orchester zeigten durchaus Wirkung, wie der Pressesprecher der Münchner Philharmoniker Christian Beuke im Anschluss an die Diskussion erklärte.

Der Soziologe Armin Nassehi versuchte nach Soziologenart dem Konzertpublikum mit den guten alten Distinktionsbegriffen beizukommen, musste aber selbst erkennen, dass das heute kaum noch möglich ist. Wenn die Kartenpreise für ein Pop- oder Rockkonzert oft viel teurer sind als für ein Klassikkonzert, ist zumindest der Preis kein Distinktionsmerkmal mehr. Eher schon der Bildungsstand, denn der ist bei der Klassik im Durchschnitt noch immer höher als bei Popkonzerten. Natürlich ging es auch um das Konzertsaal-Ritual, das durchaus eine gewisse Auflockerung vertragen könnte. Viele Ideen hatte die heterogene Runde hier allerdings nicht.

Staunen durfte man über die Teilnahme des ehemaligen Hörfunkdirektors des BR Johannes Grotzky an der Runde, dessen Amtszeit in eher unrühmlicher Erinnerung ist, nachdem er 2009 mit Plänen zur Abschaffung des Münchner Rundfunkorchesters an die Öffentlichkeit gegangen war. Und so jemand soll über die Zukunft von Orchestern diskutieren?
Die Schließung sei nicht seine Idee gewesen, beeilte Grotzky sich zu entschuldigen, sondern durch den enormen Spardruck durch die Politik erzwungen worden. Die Abschaffung des Orchesters habe man dann ja auch noch abwenden und das Orchester in verkleinerter Besetzung erhalten können. Dass der BR als Veranstalter oder Mitveranstalter so bedeutender Ereignisse wie dem ARD-Musikwettbewerb oder den Bayreuther Festspielen eine tragende Säule des Kulturlebens des Landes darstellt, wurde von Grotzky zu Recht betont.

Erhellend waren Grotzkys Ausführungen über das mangelnde Verständnis von Politikern in Sachen Kultur, mit dem er während seiner Amtszeit immer wieder konfrontiert worden sei. So habe er sich beispielsweise den Vorwurf anhören müssen, der BR unterhalte ja auch keine Fußballmannschaft obwohl er Fußballspiele übertrage. Warum braucht er dann zwei Orchester?…Dieses Problemfeld verdiente durchaus eine eingehendere Behandlung, denn es fehlt bei vielen Politikern an einem grundlegenden Verständnis für die essentielle und identitätsstiftende Bedeutung von Kultur für die Menschen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in diesem Land – trotz oder gerade wegen des sinnleeren Geredes über die sogenannte „Leitkultur“.

Vielleicht braucht die (Musik-)Kultur in diesem Land aber auch nur eine bessere Lobbyarbeit, um mit der Bedeutung z.B. des Fußballs besser „konkurrieren“ zu können…Dass die Zeiten vorbei sind, in denen es ausreichte, wenn ein Orchester hervorragende Konzerte spielt, um als bedeutend wahrgenommen zu werden, das wissen die Münchner Philharmoniker ebenso wie andere Orchester. Und sie entwickeln Ideen und Initiativen, um dem etwas entgegen zu setzen. Man darf ihnen dabei jeden Erfolg wünschen.

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