Zimmermanns Soldaten an der Oper Nürnberg

Gefährliche Wirtschaftssoldaten

Zum 100. Geburtstag von Bernd Alois Zimmermann bringt die Oper Nürnberg „Die Soldaten“ in einer nüchtern-belehrendenn Inszenierung von Peter Konwitschny heraus – am Pult ist GMD Marcus Bosch

Von Klaus Kalchschmid

(Nürnberg, 17. März 2018) Zum vierten Akt drängt sich das ganze Publikum auf der leeren Bühne zwischen nackten, hohen schwarzen Brandmauern und dem eisernen Vorhang. Dann wird hoch über den Köpfen auf den obersten Galerien der Text von weißen Blättern gelesen und ausdruckslos skandiert, bevor aus Lautsprechern ohrenbetäubend die Simultan-Szenen mit Maries Vergewaltigung und der Flucht vor ihren Peinigern zu hören, aber nicht zu sehen sind. Schließlich öffnet sich der Eiserne Vorhang und im erleuchteten Zuschauerraum sitzen in der Mittelloge, wo gerade noch das Publikum saß, Maries einstiger Verehrer Stolzius (eher knorrig in seiner Eifersucht, denn ein warmer Liebender: Jochen Kupfer), ihr aktueller, Baron Desportes (mit perfekt sitzenden exaltierten Spitzentönen nicht geizend: Uwe Stickert), sowie dessen Freund Mary und ebenfalls Liebhaber Maries(ein junger, zartstimmiger, aber viril auftrumpfender Bariton: Ludwig Mittelhammer) beim Essen.

Stolzius wurde Butler bei Desportes, um sich für den von Desportes diktierten Abschiedsbrief Maries an ihm zu rächen, in dem er dessen „Weinsuppe“ vergiftet. Wenn die verarmte, geschundene Marie später um ein paar Groschen fleht und selbst der Vater sie nicht mehr erkennt, geschieht das inmitten der sie eng umringenden Zuschauer. Derweilen predigt der Militärpfarrer (Antonio Yang) lauthals von der ersten Reihe im Balkon – hört und sieht man Musiker hautnah aus Graben und Proszeniumslogen – bevor auf Bildschirmen die gerade noch den Text zeigten, Herzfrequenzen zu sehen sind, die schließlich zu einem Sinuston erlöschen und damit den letalen Ausgang signalisieren.

Eigenwillig und puristisch, mehrfach verfremdet, aber durchaus überzeugend endet also Peter Konwitschnys so nüchtern belehrende Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns gewaltiger „Soldaten“-Oper nach dem gleichnamigen Schauspiel von Jakob Michael Lenz an der Nürnberger Oper. Zuvor bietet er zwar mehrfach intensiv gespielte Szenen, doch weil wechselnde aus dem Schnürboden herabgleitende Hänger (eine Zimmerwand mit Fenster in verschiedenen Farben) und entsprechende Requisiten jeweils einen neuen Raum auf leerer Bühne (Bühnenbild und Kostüme: Helmut Brade) erzeugen müssen, braucht es dafür Bühnenarbeiter und einen Umbau, die den Verlauf der Szenen anfangs unnötig unterbrechen. Warum ein Mädchen und ein Junge während der instrumentalen „Romanza“ zwischen dritten und viertem Bild des dritten Akts plötzlich umhertollend heile Welt spielen dürfen, muss man im Programmheft nachlesen: „Allein das Kindliche in uns berechtigt zu Hoffnungen.“ Dass Konwitschny komplexe Simultanszenen in einem einzigen Bett spielen und alle zu allen kommen lässt, sogar Stolzius in einer Wahnvision als Mehrfachmörder zeigt, ist schlicht eine mutwillige Verweigerung der durchaus sinnfälligen Zimmermann‘schen Vorgaben für die Szene.

Es war abzusehen, dass der Regisseur keine Soldaten auftreten lassen würde, aber fußballspielende Börsenmakler oder „Wirtschaftssoldaten“, wie im Programmheft zu lesen, die sich in ihrer männlichen Chauvi-Haltung vom einstigen Militär nicht unterschieden, sondern sogar noch gefährlicher seien, so Konwitschny, machen auch die bei Lenz und Zimmermann so wichtige Unterscheidung zwischen Bürgern und Adligen obsolet. Einzig die drei Fähnriche treten hier – zur Belustigung der Banker, unter denen Tim Kypers als Haudy und Hans Kittelmann als Pirzel herausragen – als Kleinwüchsige in Uniform respektive roter Livree auf.

Wie einige andere Sänger, so war auch Susanne Elmark als Gast engagiert und man durfte sich den ganzen Abend – wie schon 2013/14 in Calixto Bietos packender Inszenierung in Zürich und Berlin – an einer phänomenal ausdrucksstarken, höhen- und koloraturensicher singenden und enorm vielschichtig spielenden, durchaus sinnlichen Marie freuen, deren kindliche Naivität zwischen einem anfangs überbehütenden, dann seine Tochter zwecks sozialem Aufstieg anbietenden Vater (manchmal fast die Karikatur streifend: Tilmann Rönnebeck), einer verständnislosen und wenig unterstützenden älteren Schwester (mit großer Mezzo-Intensität: Solgerd Isalv) und rücksichtslos begehrenden und missbrauchenden Männern zerrieben wird. Da hilft auch eine Gräfin de la Roche (Sharon Kempton im androgynen weißen Hosenanzug) nicht mehr, die ihren jungen Sohn (Martin Platz) von Marie fernhalten will und ihr in ihrem Haus dafür einen Platz als Gesellschafterin anbietet.

Marcus Bosch muss mit der Staatsphilharmonie Nürnberg Philharmonikern intensiv geprobt haben, denn auch wenn nicht alles perfekt war, so hatten doch die Ausbrüche – wie schon das einleitende „Preludio“ oder die Gewitter-Szene – eine große, differenzierte Wucht und die vielen kammermusikalisch begleitenden, intimen Szenen eine filigrane Intensität. Nur schade, dass der Dirigent sich nicht dagegen wehrte, dass in der überbordenden Kaffehaus-Szene immer wieder über Mikrophon aus der Verstärkeranlage gesungen und so die musikalische Balance mit dem Orchester und den übrigen Sängern empfindlich gestört wurde.

Die zweite Vorstellung der „Soldaten“ am 20. März 2018 wird ab 19.30 Uhr von BR Klassik live übertragen. Am 14./15. April gibt es im Opernhaus (Gluck-Saal) ein Symposium mit „interdisziplinären Debatten“ zu „Die Soldaten“.
Bereits am Freitag, 23. März (14-16 Uhr), findet in der Akademie der Schönen Künste in München (Max-Joseph-Platz) ein Zimmermann-Symposium mit Live-Musik-Einlagen statt, sowie um 19 Uhr, ebenfalls bei freiem Eintritt, ein Konzert mit Kammermusik für Geige, Cello und Klavier.

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