Zimmermanns Soldaten an der Oper Köln

Publikum auf Drehstühlen

Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ kehren an den Uraufführungsort Köln zurück – in einer Neuinszenierung von Carlus Padrissa und unter der musikalischen Leitung von Francois Xavier Roth

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 29. April 2018) Die Musikwelt gedenkt des 100. Geburtstages von Bernd Alois Zimmermann. In Köln tut man das besonders intensiv, denn der Komponist wurde ja in der Domstadt geboren. Einige seiner frühen Werke reflektieren das, etwa die „Rheinischen Kirmestänze“ für 13 Bläser. Sie kamen zusammen mit anderen Kompositionen aus früher Zeit gerade beim Westdeutschen Rundfunk zur Aufführung. Für diesen Sender verfertigte Zimmermann eine ganze Reihe von Hörspielmusiken und Arrangements, womit er sich wie auch als Leiter eines Männerchores und als Pianist in Tanzkapellen finanziell über Wasser halten musste. Das Konzert des Funkhausorchesters unter Alfred Eschwé bot sogar eine Uraufführung, nämlich Zimmermanns Neuorchestrierung der Offenbach-Operette „Le Violoneux“ („Die Zaubergeige“). Einen Tag später erfolgte im Staatenhaus eine Neuinszenierung der Oper „Die Soldaten“.

Am 15 Februar 1965 hatte im Opernhaus am Offenbach(!)-Platz die Premiere des Auftragswerkes stattgefunden, die eigentlich schon 1960 hätte erfolgen sollen. Aber der damalige Intendant Oscar Fritz Schuh und GMD Wolfgang Sawallisch erklärten das Werk für „unaufführbar“, eine Einschätzung, die in der Folge revidiert wurde, nicht zuletzt dank des sich stark engagierenden Uraufführungsdirigenten Michael Gielen. Auch half die zwischenzeitlich entstandene Vokalsinfonie „Die Soldaten“, 1963 realisiert vom WDR, den Weg hin zu einer Bühnenaufführung zu ebnen. Und längst haben auch mittlere Opernhäuser gezeigt, dass das Werk zu stemmen ist, wie gerade erst in Nürnberg (Inszenierung: Peter Konwitschny). Besondere künstlerische Kraftreserven sind bei einer „Soldaten“-Produktion gleichwohl zu mobilisieren.

Der Aufwand in Köln ist bereits an der Einrichtung des Zuschauerraumes abzulesen. Statt auf den üblichen Sesseln sitzt man jetzt auf (wegen fehlender Rückenlehne extrem unbequemen) Drehstühlen, damit man sich der über den gesamten Raumrund abspielenden Handlung nach individuellem Bedarf zuwenden kann. Die Guckkastenbühne hat ausgedient.

An einem anderen Ort als dem provisorischen „Staatenhaus“ wäre die Konzeption des Teams „La Fura dels Baus“ (Regie: Carlus Padrissa, Bühne: Roland Olbeter) nicht realisierbar gewesen. Der Zuschauersaal wird eingefasst von einem erhöhten Spielflächenrund, die einzelnen Handlungsstationen sind dort an unterschiedlichen Stellen verortet, was der Vorstellung Zimmermanns von einem „omnimobilen, absolut verfügbaren Raum“ entspricht. Diese szenische Anordnung verwirklicht auch das, was dem Komponisten so sehr an der (fast unverändert ins Libretto übernommenen) Dramenvorlage (Jakob Michael Reinhold Lenz) faszinierte, nämlich die „Einheit der inneren Handlung“ und eben nicht die simple Deckung von Geschehen, Zeit und Ort. Eine „Kugelgestalt der Zeit“, so das visionäre Konzept Zimmermanns.

Dem bildgewaltig denkenden Regisseur Carlus Padrissa kommen solche Ideen außerordentlich entgegen. Das ließen bisherige Kölner Inszenierungen wie „Benvenuto Cellini“ (Berlioz) oder „Das Lied er Frauen am Fluss“ und ganz besonders Stockhausens „Sonntag“ aus dem „Licht“-Zyklus spüren, womit er 2011 sämtliche Säle des Staatenhauses okkupierte.

Nicht zu leugnen ist allerdings, dass sich bei Padrissas „Soldaten“-Inszenierung mitunter optische Selbstverliebtheit breit macht. Ein Premieren-Buher, befragt nach dem Grund seiner Ablehnung, kommentierte das Gesehene mit den Worten „heiße Luft“. Dem ist so apodiktisch zwar nicht zuzustimmen, aber ein Körnchen Wahrheit steckt in dieser Kritik durchaus. Padrissas Bilderwut neigt zu dekorativer Selbstgenügsamkeit, so symbolhaft stark und assoziativ verdichtend die Videos von Marc Molinos und Alberto De Gobbi auch wirken. Die Kostüme von Chu Uroz reflektieren maßvoll die historische Handlungszeit.

Selbst der freien Blickwahl beim Zuschauer eignen gewisse Nachteile. Während sich parallele Szenen auf einer Guckkastenbühne unschwer wahrnehmen lassen, muss man sich jetzt entscheiden: schaut man nach vorn oder nach hinten, nach rechts oder nach links. So ist beispielsweise das optische Gegenüber von Verführungsszene (Marie/Desportes) und Zorn des betrogenen, eifersüchtigen Stolzius jeweils so detailwichtig, dass einem etwas entgehen kann, ist man mit dem Auge nicht gerade zur rechten Zeit am rechten Ort. Der Kölner Aufführung gelingt in ihrer ungewöhnlichen inszenatorischen Ästhetik ungeachtet solcher Detaileinwände ein nachhaltiges Theatererlebnis. Das Schlussbild mit den vielen Gehenkten (per Video) verdeutlicht ein letztes Mal die Absicht des Komponisten, kein begrenzendes Individualdrama zu bieten, sondern das Schicksal der ganzen Menschheit zu beschwören.
Zu Beginn der Aufführung sieht man übrigens die Silhouetten von marschierenden Soldaten. Die gab es auch 1965. Vermutlich eine kleine Verbeugung vor dem historischen Großereignis.

Besondere Begeisterung galt bei der Premiere dem Gürzenich-Orchester und seinem Dirigenten Francois Xavier Roth. Den extrem großbesetzten Klangkörper führte Roth, auch sonst vor Ort in Sachen Zimmermann sehr aktiv, mit gestischer Präzision hin zu äußerst klangsicherem Spiel. Neben den vielen schmerzhaft bruitistischen, wie ein Aufschrei wirkenden Passagen kommen aber auch dezidiert gesangliche Momente zu ihrem Recht. Zimmermanns Musik gewinnt hier regelrecht humane Züge. Ohne Mikroports wären die Sänger wohl verloren. Diese Technik war auch dem Premierenmitschnitt durch den Westdeutschen Rundfunk dienlich (Sendung 6.5.). Es dürfte reizvoll sein, ihn mit der weiterhin auf CD erhältlichen Aufnahme der Uraufführung zu vergleichen.

Aus der immensen Solistenriege (fast ausschließlich Rollendebüts) können nur die Sänger der zentralen Partien angemessen gewürdigt werden. Für Oliver Zwarg (Feldprediger Eisenhardt), John Heuzenroeder (Hauptmann Pirzel), Miljenko Turk (einen Tag zuvor auch am o.g. WDR-Konzert mitwirkend) und Wolfgang Stefan Schwaiger (Offiziere Haudy und Mary) sowie Alexander Kaimbacher (junger Graf) also lediglich ein Pauschallob, ein nachdrückliches freilich. Frank van Hove gibt einen (vielleicht etwas zu) noblen Wesener, Judith Thielsen mit Mezzoapplomb seine Tochter Charlotte. Stolzius, der tragische Liebhaber dieser Oper, findet in Nikolay Borchev einen charismatischen Interpreten, baritonal kraftvoll, sympathisch als Leidender. Seine Mutter ist Dalia Schaechter und macht mit herrischer Stimme und starker Gestik aus ihrer kleinen Partie eine große. Den widerlichen Charakter des Edelmannes Desportes umreißt Martin Koch mit gleißendem Tenor und überheblicher Maskulinität perfekt.

Exzellent die beiden Sopranistinnen des Abends. Sharon Kempton hat als Gräfin de la Roche bereits zweimal auf der Bühne gestanden, einmal in Wiesbaden und jüngst in Nürnberg. Ihre Partie ist eine einzige tour de force und wird schwindelerregend gut gemeistert. Vor Jahren gehörte die Australierin zum Kölner Opernstudio. Mit starker Persönlichkeit prägt Emily Hindrichs die Mittelpunktsfigur der Oper, das Mädchen Marie, zunächst noch pubertär unentschlossen, dann ihr Hurenschicksal qualvoll erduldend; gesanglich erstklassig.

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