Zimerman Köln

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Krystian Zimermann Foto: Agentur

Der Pianist Krystian Zimerman beeindruckt mit Schubert und Szymanowski in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 1. Dezember 2016) Der polnische Pianist Krystian Zimerman kann ein schwieriger Mensch sein, wenn es um das (neben der Familie) Wichtigste in seinem Leben geht, die Musik nämlich. Er betrachtet sie als eine „heilige Kunst“, um eine Formulierung aus „Ariadne auf Naxos“ von Hofmannsthal/Strauss aufzugreifen. Bei ihm läuft Interpretation nicht einzig auf unanfechtbare Beherrschung seines Instruments hinaus, sondern stellt eine Art Seelensuche dar.

Um einem Werk in all seinen Facetten gerecht zu werden, veranschlagt Zimerman etwa zehn Jahre. Er ist also kein Schnelleroberer. Er hat sich mal eine Liste mit Stücken zusammengestellt, die er sich gerne erarbeiten würde. Aber er gesteht sich ein, dass sein Leben hierfür mutmaßlich nicht mehr ausreichen wird. Dabei wird der Künstler am 7. Dezember gerade mal sechzig Jahre alt.

Bekannt ist Zimermans Gepflogenheit, Auftritte nur mit eigenem Flügel zu absolvieren. Er besitzt sogar an die zwanzig Klaviaturen, um für die unterschiedlichen Anforderungen von Komponisten und ihren Werken gerüstet zu sein. Auch akustische Gegebenheiten von Konzertsälen bestimmen seine Tourneen. Er könne beispielsweise nie in Wien spielen, wenn als nächstes Nürnberg anstünde. Der Wechsel in der Akustik sei anschlagstechnisch nicht zu bewältigen. Ob jeder solche Skrupel zu teilen fähig ist?

Man muss ihnen freilich Respekt zollen, ebenso der Art, wie sich der Pianist einem Werk interpretatorisch nähert. Krystian Zimerman bekennt, dass sein Üben zu achzig Prozent ohne Flügel geschieht, dass dieser Prozess wesentlich stärker bedeutet, die „Inspiration zu erweitern“, wie er sich mal in einem seiner seltenen Interviews äußerte. Wirklich glücklich ist er in einem Konzert ohnehin nur, wenn er beim Spielen sein Instrument überhaupt nicht mehr wahrnimmt.

In der Kölner Philharmonie widerfuhr ihm (diesmal) das Glück, auch die Anwesenheit von Publikum nur bedingt zu spüren. Dieses verhielt sich nämlich so diszipliniert, wie es sich der zu Jähzorn durchaus fähige Pianist nur wünschen konnte: keine Huster während der Musik, keine leuchtenden Smartphones, keine illegal mitlaufenden Aufnahmegeräte. Zum Schluss dafür reicher Beifall, für welchen der sichtlich gelöste Pianist mit drei Zugaben (Préludes von Karol Szymanowski) und launigen Kommentaren dankte.

Szymanowski war auch, gesäumt von zwei späten Sonaten Franz Schuberts, in die Mitte des Konzertes platziert. Als heimatverbundener Künstler widmet sich Zimerman immer wieder Komponisten seines Landes, Chopin natürlich und etlichen Zeitgenossen wie Grazyna Bacewicz und Witold Lutoslawski (ihnen gelten CD-Einspielungen aus jüngerer Zeit). Szymanowskis Mazurken opus 50 setzen ein speziell von Chopin favorisiertes Genre fort, mit Form, Tonalität und Rhythmus freilich unorthodox, sogar experimentell verfahrend. Der Ausdruck ist häufig härter, kantiger als der von Chopin, was Zimerman (bei relativ starker Pedalverwendung) im Anschlag kompromisslos deutlich werden ließ, möglicherweise von vorneherein auf das „Vigoroso“ der 16. Mazurka (zwanzig enthält der Zyklus insgesamt) hinzielend. Spannende Musik, nicht immer ganz bequem, aber den Intellekt stark anregend.

Die letzten drei Klaviersonaten Schuberts (Krystian Zimerman wählte D 959 und 960) datieren von 1828, dem finalen Lebensjahr des Komponisten. Monate zuvor war Beethoven gestorben, was bei dem jüngeren Kollegen tiefe Erschütterung auslöste. Sein eigenes Ende mochte der stark kränkelnde Schubert ebenfalls kommen gesehen haben. Es liegt also nahe, zwischen diesem letalen Zustand und der Musik existenzielle Zusammenhänge zu vermuten. In D 960 wären die rätselhaften, den Melodiefluss immer wieder zäsierenden Triller im Bass solcherart vielleicht erklärbar. Bei D 959 (im Ausdruck insgesamt etwas aggressiver und auch harmonisch schweifender) irritieren immer wieder hammerschlagartige Oktavakkorde, andererseits die heiter kolorierten Finalsätze.

Krystian Zimerman legte es nicht auf „Versöhnung“ dieser heterogenen Sphären an. Er stellte ihren divergierenden Ausdruckshabitus gewissermaßen zur Diskussion, hier mit samtweicher Akkordik, dort mit katarakthafter, sich furios aufbäumender Anschlagsschärfe. Natürlich könnte man geneigt sein, den nach richtigem Ausdruck immens tiefenschürfenden Pianisten nach seinen Einsichten über die Geheimnisse in Schuberts Musik zu befragen. Vielleicht aber würde er sie gar nicht auflösen wollen, sondern sie der Nachdenklichkeit seiner Zuhörer überlassen. Es hatte den Anschein, dass die in der Kölner Philharmonie versammelten Musikfreunde bereit waren, ihm in dieser Richtung zu folgen.



Münchner Philharmoniker


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