Zemlinskys Zwerg in Berlin

Ich habe mich in deine Seele gesungen

 Tobias Kratzer inszeniert Alexander Zemlinskys „Der Zwerg“ an der Deutschen Oper Berlin Donald Runnicles badet in der Jugendstil-Musik

Von Bernd Feuchtner

(Berlin, 27. März 2019) „Wie schön ist heute Abend die Prinzessin Salome“ – pardon, falsches Stück: heute Abend geht es um eine andere giftige Prinzessin Oscar Wildes, um den „Geburtstag der Infantin“. Der Komponist Alexander Zemlinsky wählte dafür den gefährlicheren Titel „Der Zwerg“, womit zugleich eines der Hauptprobleme für eine Aufführung benannt ist. Schon Otto Klemperer hatte bei der Uraufführung in Köln 1922 damit zu kämpfen, wie die Hauptrolle zu besetzen sei, und das ist bei Zemlinsky eindeutig nicht die Prinzessin, sondern der Zwerg. Bei Klemperer ging es „nur“ um den richtigen Heldentenor, der dann eben einen Zwerg spielte, in Berlin dachte man noch eine Stufe weiter.

Die Deutsche Oper Berlin hat bei ihrer Neuproduktion für beide Rollen die perfekte Besetzung gefunden. Elena Tsallagova ist ein kleines Persönchen mit großer Persönlichkeit und ebensolcher Stimme – ihr ist die verwöhnte Infantin mit den unmäßigen Ansprüchen an ihre Geburtstagsgeschenke wie auf die Haut komponiert. Sie kann den Hochmut, mit dem die Infantin auf den Zwerg herabblickt, ebenso spitz ausdrücken wie mit warmer Stimme die Momente der erstaunten Einfühlung, wenn sie neugierig wird auf diesen Menschen, der sich so vollständig verkennt.

Und bei der Titelrolle hatte der Regisseur Tobias Kratzer einen besonderen Einfall: Er engagierte einen Kleinwüchsigen (Mock Morris Mehnert), und wenn der als Geburtstagsgeschenk hereinspaziert, tritt der Tenor David Butt Philip an der Seite hinter ein Notenpult, um die Partie zu singen. Denn Ausstatter Rainer Sellmaier hat das Podium eines weißen Konzertsaals auf die Bühne gestellt, auf dessen Empore die Freundinnen der Prinzessin in pastellfarbenen Primark-Klamotten auftreten und fleißig mit dem Handy fotografieren (leider hört man sie von dort oben nicht gut) – das Smartphone ist ja heute auch zum Ersatz für den Taschenspiegel geworden. Der Zwerg ist also Musiker und soll das Geburtstagsständchen singen und dirigieren. Nachdem der Haushofmeister (Philipp Jekal) das wunderliche Geschenk als furchtbar hässlich beschrieben hatte („er hinkt, die Haare sind feurige Borsten, der Kopf hockt zwischen Schultern, die zu hoch sind, ihn beugt eines Höckers Last“), ist man überrascht, dass der kleinwüchsige Schauspieler und Musiker Mock Morris Mehnert im Frack ausgesprochen gut aussieht und auch ein hübsches Gesicht hat. Er spielt die Rolle fulminant und fügt dem Stück dadurch eine neue Facette hinzu.

Denn auf der Opernbühne nehmen wir ja der fülligen Primadonna auch die 15-jährige Butterfly ab, ohne uns an ihrem Äußeren zu stören. Und so entfacht Kratzer ein furioses Spiel zwischen diesen drei Personen: Zuerst löst der Sänger sich von seinem Pult und beginnt selbstständig zu agieren, dann ist die Infantin hin- und hergerissen, mit wem sie gerade spricht, bald ist es der Zwerg, dessen Gestalt sie irritiert, bald der Sänger, dessen Stimme sie fasziniert. Aus dem Kostüm-Mummenschanz, den man da oft treibt, wird eine existentielle Auseinandersetzung über die erotische Anziehungskraft, auch der Musik, über deren Fähigkeit, mehr auszudrücken als nur Töne, über die „inneren Werte“ eines Menschen und dergleichen mehr. Je mehr die Infantin ihren Abscheu vor seiner Gestalt äußert, desto feuriger betont der Zwerg seine Liebe zu ihr: „Ich habe mich in deine Seele gesungen.“ Und das ist auf der Bühne auch zu sehen.

Für den Zwerg geht diese Auseinandersetzung dennoch tödlich aus. Alleingelassen vor dem Spiegel, der ihm die Wahrheit über sein Äußeres lehren soll, steht nun nur der Sänger und betreibt seine grausame Selbst-Analyse. Als sein Spiegelbild aber wird der Schauspieler sichtbar, der ihn äfft. Am Ende erwürgt der Sänger den Schauspieler – der Zwerg tötet sich selbst. Beide Darsteller sind großartig, Mehnert als Schauspieler, Philip als strahlender Tenor, und so treiben sie den Zuschauer durch ein Wechselbad extremer Gefühle.

Als eine Vermittlerin zwischen Bühne und Zuschauer fungiert dabei Ghita, die Vertraute der Infantin. Bald spottet sie mit den bösen Zofen, bald fühlt sie in dem grausamen Spiel Mitleid mit dem, der diesem Spott preisgegeben wird. Emily Magee singt und spielt das in der ganzen Bandbreite der Empfindungen großartig aus. Das Orchester badet unter der Leitung von Donald Runnicles in der Jugendstil-Musik Zemlinskys, die vielleicht ein wenig zu sehr al fresco gespielt wird, aber dennoch ihre bezwingende Wirkung entfaltet.

Ach ja, da das Stück als Einakter etwas zu kurz scheint für einen Abend, kombiniert man es meist mit einem anderen Einakter, etwa Zemlinskys „Florentinischer Tragödie“. Die Deutsche Oper hat sich dagegen entschieden, was völlig in Ordnung geht, da „Der Zwerg“ ein so starkes Stück ist. Allerdings hat man dann davor einen albernen Prolog gesetzt, in dem ganz realistisch die problematische Beziehung des Komponisten mit seiner Schülerin Alma Schindler, spätere Mahler, Gropius, Werfel gezeigt wird. In ihren Lebenserinnerungen schildert sie Zemlinsky als kinnlosen, hässlichen Gnom, so dass der Prolog offenbar die biographische Motivation für die Oper zeigen möchte, in der dann Alma die Infantin und Zemlinsky der Zwerg wären. Wäre die Oper aber tatsächlich nur autobiographisch, wäre sie erheblich kraftloser, das hat Kratzer selbst gezeigt. Dieser Prolog macht Zemlinskys Oper nur kleiner.

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