Zauberflöte Paris

Liege- und Liebewiese

Foto: Frédérique Toulet / Opéra national de Paris

Die katalanische Theatertruppe La Fura dels Baus hat für die Pariser Oper Mozarts „Zauberflöte“ inszeniert, Thomas Hengelbrock dirigiert
(Paris, 17. November 2008) Nein, diese Zauberflöte ist kein Weihnachtsmärchen. Und das Pariser Publikum hat seine Enttäuschung darüber am Ende der Vorstellung auch lautstark zum Ausdruck gebracht.
Die spanischen Theaterberserker von La Fura dels Baus versetzten Mozarts Oper in eine grotesk-futuristische Szenerie, die vor allem von riesigen transparenten Luftmatratzen geprägt ist, die mal auf der Bühne liegen, mal hochkant auf ihr stehen oder sich zu aberwitzigen Gebirgen türmen. Sie dienen als Spiel- und Hüpffläche, als Liege- und Liebewiese, worauf sich die beiden Paare Tamino und Pamina sowie Papageno und Papagena wie die Kinder balgen – oder sie dienen als Begrenzung der Bühne nach hinten und zu den Seiten. Was wie ein Kindergeburtstag aussieht, vor allem, wenn die Plastikmonster bunt angestrahlt werden, erhält dann aber auch einen Zug ins Pathologische, wenn die fleißigen Helfer Sarastros in weißen Kitteln herumstehen, mit Namensschildchen an der Brust und in dieser Aufmachung zu den Menschexperimenten, sprich: Prüfungen schreiten. Die Plastikmatratzen wirken dann wie die Wände von Gummizellen.
Während Paminas todessehnsüchtiger Arie im zweiten Akt steht Tamino eingeschweißt in einer dieser Luft-Matratzen. Ein durchaus plausibles Bild für die durch die Prüfungen verordnete Pflicht Taminos zum Schweigen. Natürlich wird Sarastros ach so hehre Welt heute kaum noch von einem Regisseur positiv gedeutet. Zu autoritär, ja despotisch wirkt der Sonnenzauberer trotz balsamischen Gesangs auf uns heute. Aber die Assoziation mit einer psychiatrischen Klinik, die La Fura dels Baus hier durch die Herren in den weißen Kitteln weckt, ist schon etwas arg drastisch – vor allem, weil sich daraus keinerlei weitere inszenatorische Folgen ergeben. Es bleibt bei der Andeutung. Ebenso wie am Beginn der Oper, wenn die drei Knaben mit Gameboys das Nachfolgende gewissermaßen als deren Computerspiel starten. Ein Gag, der am Ende der Oper noch einmal aufgegriffen wird, für die Aussage der Oper aber bedeutungslos bleibt. Die Regie beläßt es beim Bebildern und Spielen mit Effekten, was der gesamten Inszenierung etwas Beliebiges und Unbefriedigendes verleiht.
Da können sich die allesamt hervorragenden Sänger noch so sehr mühen – gegen die fragwürdige Szenerie kann man nur schwer ansingen. Am besten gelingt das Pamina und Tamino, das hohe Paar, das mit seiner musikalischen Ernsthaftigkeit und Eindringlichkeit der Szene doch etwas entgegen zu setzen vermag. Die Schwedin Maria Bengtsson gab mit der Pamina ihr Paris-Debüt und hatte dank eines klangschönen und gut geführten Soprans alle Publikums-Sympathien auf ihrer Seite. Stimmlich geradezu ein Idealpartner: der amerikanische Tenor Shawn Mathey. Auch der Papageno von Russel Braun war überaus ansprechend.
Was man von Thomas Hengelbrocks Orchesterleitung nur eingeschränkt behaupten kann. Zwar ließ der stets duftig und gut phrasiert musizieren, blieb aber manchmal in der klanglichen Ausgestaltung doch etwas blaß und farblos.
Ein Abend der gemischten Gefühle also mit reichlich Buhs aber auch vielen Bravi zum Schluß.

Robert Jungwirth

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