Yuja Wang

Hoch aufragendes Gebirge

Yuja Wang Foto: Norbert Kniat / DG

Die chinesische Pianistin Yuja Wang beeindruckt mit ihrem Soloauftritt in Köln nicht uneingeschränkt
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 29. März 2017) Die jetzt dreißigjährige chinesische Pianistin Yuja Wang ist eine Augenweide, keine Frage. Und wie sie in der Kölner Philharmonie mit ihren High Heels die Treppe hinab zum Podium stöckelte, präsentierte sie eine reizende, kleine Inszenierung. Das hautenge schwarze Kleid für den ersten Teil mit Frédéric Chopin war – man kann es nicht unerwähnt lassen – ein einziges Geglitzer, viel nackte Haut frei lassend. Nach der Pause mit Johannes Brahms etwas Flatterndes in Rosarot, rechts bis zur Hüfte hochgeschlitzt. Das war im Rahmen eines Konzertes freilich schon etwas viel Show-Anbiederung. Yuja Wang dazu: „Klassische Musik braucht so was nicht, sie spricht für sich selbst. Aber irgendwie achtet das Publikum sehr auf Oberfläche.“ Die kann nun freilich so oder so aussehen.
Extrem grazil in der Erscheinung, ist die Pianistin doch eine Künstlerin mit Löwenpranken. Dies war sogleich an den Chopin-Préludes opus 28 auszumachen. Bereits bei den ersten Tönen wurde evident, dass der vielgestaltige Zyklus nicht salonhaft verzärtelt oder gar verzuckert präsentiert würde. Aber die klare, fast schon maskulin zu nennende Formulierung der Oberstimme in Nr. 2 hatte dann doch etwas leicht Irritierendes, wie auch die raschen Figurationen in der Linken bei Nr. 3 ein wenig fortestarr wirkten. Dafür ertönte das D-Dur-Prélude (Nr. 5) mit angemessen träumerischer Weichheit, wohingegen bei Nr. 15 (das sog. „Regentropfen“-Prélude) der Anschlag wieder recht diesseitig war. Die finalen Nummern (22, 24) entsprachen dem Naturell von Yuja Wang dann aber besonders: aufgewühlt und rauschhaft.
Das letzte, nicht identifizierbare Stück am Ende des ersten Encore-Teiles tendierte in die gleiche Richtung und geriet virtuos berauschend. Davor erklang Schubert/Liszts „Gretchen am Spinnrad“ sowie der Mittelteil aus dem Reigen  seliger Geister von Glucks „Orfeo“, beide Interpretationen sublim und lyrisch aromatisiert.
Nach dem Erlebnis des Chopin-Kosmos Brahms‘ Variationen und Fuge über ein Thema von Händel (opus 24). Der klarkantige Beginn bestätigte die manuelle Kompaktheit im Spiel von Yuja Wang. Ihre messerscharfe Fingertechnik ließ auch die Variation mit dem „Reiter“rhythmus zwingend und dramatisch belebt erscheinen. Der Teil vor dem Fugen-Finale erweckte visuelle Assoziationen mit einem hoch aufragenden Gebirge.
Und dann rauschten und perlten weitere Encores. Von den insgesamt fünfen seien nur die ersten beiden genannt, das jazzig verfremdete „Alla Turca“ von Mozart sowie ein Teil der „Carmen“-Fantasie, wie sie einst Vladimir Horowitz spektakulär und witzig zu offerierte. Auch Yuja Wang war mit dieser Musik ein Herz und eine Seele. In toto ein eindrucksvoller Abend, zweifellos, aber auch einer, der gemischte Gefühle hinterließ.


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