Jugendorchester entlang der Seidenstraße

Symphonieorchesters des kasachischen Nationalkonservatoriums Almaty Foto: Kai Bienert / young.euro.classic

Eindrücke vom diesjährigen Festival young.euro.classic im Konzerthaus Berlin

(Berlin, August 2008) Kasachstan ist mit einer Fläche von 2,7 Millionen km² das neuntgrößte Land der Erde. Der nördlichste Ort liegt etwa auf der geografischen Höhe von Moskau, der südlichste auf der von Madrid - und trotzdem ist Kasachstan bisher kaum ins mitteleuropäische Bewusstsein gedrungen, nicht in politischer Hinsicht, geschweige denn in kultureller. Das "Symphonieorchester des kasachischen Nationalkonservatoriums Almaty" gehörte dementsprechend zu den exotischsten Gästen beim diesjährigen Festival young.euro.classic.

Zum neunten Mal kamen in diesem Sommer Jugendorchester aus verschiedenen Ländern ins Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt, und wie immer in den vergangenen Jahren waren die 15 Konzerte, die zwischen dem 1. und dem 17. August stattfanden, fast restlos ausverkauft. Erschwingliche Kartenpreise von einheitlichen 12 Euro sind sicher eines der Geheimnisse des Erfolgs, das originelle Festival-Konzept ein anderes: Zeitgenössische Musik steht im Fokus, fast jedes Orchester hat ein neues Werk eines Landsmanns im Gepäck. Und schon seit Jahren reicht der Blick über den europäischen Tellerrand hinaus: In diesem Jahr standen Orchester aus Ländern entlang der Seidenstraße im Mittelpunkt, von China über Kasachstan und Aserbaidschan bis in die Türkei ging die musikalische Reise. Dass dabei nicht in jedem Fall Sternstunden der Klassik-Interpretation zu erwarten sind, versteht sich von selbst, wohl aber bieten sich oft spannende Eindrücke aus fremden musikalischen Kulturen - etwa im Falle des Symphonieorchesters des kasachischen Nationalkonservatoriums Almaty.

An dessen Pult steht seit dem vergangenen Herbst ein junger Deutscher als Gastdozent des Deutschen Akademischen Austauschdienstes: Jan Moritz Onken. Der 31-jährige hat in St. Petersburg studiert und spricht fließend russisch. Das ist eine entscheidende Voraussetzung, denn von den Orchestermitgliedern beherrscht keiner die englische oder deutsche Sprache. Auch an vieles andere hat sich der gebürtige Wuppertaler, der kurzzeitig Assistent von Mariss Jansons beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks war und in Berlin ein eigenes Jugendorchester-Projekt realisiert hat, im fernen Kasachstan erst gewöhnen müssen: Einigermaßen pünktlich mit den Proben anzufangen, sei immer wieder ein Kampf, erzählt er.
Die Zukunftsaussichten für die Orchestermitglieder seien miserabel: "Ein professioneller Musiker, der im Opernorchester oder in der Philharmonie spielt, verdient im Monat vielleicht 300 oder 400 Dollar, und das ist für viele ein großes Handicap, weil die Lebenspreise sehr hoch sind". Und viele der Studenten spielen auf Instrumenten, die in einem erbärmlichen Zustand sind; das machte sich in der unbarmherzigen trockenen Akustik des Berliner Konzerthauses vor allem bei den Streichern bemerkbar.
Darüber hinaus, so der Befund des Dirigenten, mangele es in Kasachstan an der Klangkultur. Zwar existiert das Orchester des Nationalkonservatoriums Almaty schon seit Ende der 40er Jahre, als Überbleibsel sowjetischer Kulturpolitik, die klassische Musik stark propagiert hat; aber, so findet Onken, "differenziertes Hörvermögen, wo wirklich differenziert ein Klang erarbeitet wird, wirklich differenziert phrasiert wird", sei wenig ausgeprägt.
Was ihn dagegen von Anfang an fasziniert hat, das ist die Motivation, das Engagement der jungen Musiker, und das teilte sich auch beim Konzert in Berlin am 8. August mit - ganz besonders in Strawinskys brachialem "Sacre du Printemps", das neben dem 2. Klavierkonzert von Brahms und einer Uraufführung der kasachischen Komponistin Aktoty Raimkulova auf dem Programm stand; die bezog übrigens traditionelle Instrumente aus der kasachischen Volksmusik mit ein und bot damit ein ausgesprochen ungewohntes Hörerlebnis.

Ähnlich energiegeladen zeigte sich auch die Junge Philharmonie Aserbaidschan. Das Orchester steckt sozusagen noch in den Kinderschuhen, es ist gerade einmal einen Monat vor dem Auftritt im Berliner Konzerthaus eigens für das Festival gegründet worden, im Zusammenhang mit dem Kulturprogramm "Jahr von Aserbaidschan in Deutschland 2008". Dass es in Aserbaidschan bisher kein Jugendorchester gab, hängt, so erklärt der Dirigent Fuad Ibrahimov, mit dem Krieg um Berg-Karabach zusammen, der dazu geführt habe, dass die jungen Leute andere Dinge im Kopf hatten als Musik. Inzwischen habe sich die Situation verbessert - und das Orchester solle nach dem Willen des Kulturministeriums auf alle Fälle bestehen bleiben.
Dabei hatte das junge Ensemble in den vergangenen Wochen mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen: Abgesehen von den sommerlichen Temperaturen von 45 Grad - "da hilft auch keine Klima-Anlage, vor allem wenn 66 Musiker in einem Raum sind", meint Ibrahimov - gestaltete sich auch die Probenarbeit mühsam, weil die Aushilfen aus dem Opernorchester und der Philharmonie, die für die seltener gespielten Instrumente herangezogen wurden, auf Tournee waren und somit oft nicht die komplette Besetzung zur Verfügung stand. Viele der Nachwuchsmusiker hatten keinerlei Orchester-Erfahrung, und wo andere nationale Jugendorchester in aufwändigen Auswahlverfahren die besten heraussieben, griffen Ibrahimov und seine Mitarbeiter notgedrungen auf Instrumentalisten zurück, die sie mehr oder minder zufällig irgendwo gehört hatten.
Gerade bei einem heiklen Werk wie Schuberts "Unvollendeter" machten sich denn auch im Konzert das jungendliche Alter des Ensembles bemerkbar, in Intonationsschwierigkeiten der Bläser und ungenauen Einsätzen der Streicher. Was aber beeindruckte, waren die Sorgfalt und musikalische Gestaltungskraft, mit der Fuad Ibrahimov (der übrigens mit seinen 25 Jahren nur wenig älter ist als einige seiner Musiker, er absolviert derzeit ein Aufbaustudium Dirigieren in Köln) Artikulation und Phrasierung herausgearbeitet hat, die Sensibilität, mit der er vor allem in Mozart d-Moll-Klavierkonzert feinste Nuancen herauskitzelte; und die Bereitwilligkeit und das technische Können, mit der die Orchestermusiker seine Anweisungen umsetzten.

Letzteres ist auch beim Nationalen Jugendsymphonieorchester der Türkei durchaus beachtlich. Hier steht am Pult kein experimentierfreudiger Nachwuchs-Dirigent, sondern ein international erfahrener Maestro, Cem Mansur, der das Orchester im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hat - "einfach weil es keines gab", wie er sagt. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Türkei auf eine mehr als 200-jährige Tradition mit westlicher Klassik zurückblickt und bereits Staatsgründer Kemal Atatürk die musikalische Ausbildung nach westlichem Vorbild stark forciert hat. Immerhin existieren schon lange Orchester an den diversen Konservatorien des Landes, und aus denen rekrutiert sich auch das neue nationale Jugendorchester. Im ersten Jahr kamen 68 Musiker zusammen, dieses Mal schon 91 - eine geballte Klangladung, deren Energie man sich im Konzert bei young.euro.classic etwas stärker kanalisiert gewünscht hätte. Vor allem die "Akademische Festouvertüre" von Johannes Brahms und Sergej Rachmaninows 3. Sinfonie hätte differenzierter und mit feinerem Pinsel gemalt sein dürfen. Sehr hübsch und spritzig spielte das Orchester Francis Poulencs selten zu hörende Ballettmusik "Les Biches", und auch die Uraufführung von "Les Sources de la nuit" des türkischen Komponisten Ahmet Altinel - ein Klangstück, das der impressionistischen Tradition verpflichtet ist - gelang sehr gut.
Und auf alle Fälle hat das Nationale Jugendsymphonieorchester der Türkei Werke zusammengestellt, die young.euro.classic alle Ehre machten: Mit dem deutsch - französisch - türkisch - russischen Programm war das Festival-Motto "Weltklang Berlin" geradezu vorbildlich umgesetzt.

Eva Blaskewitz