Xerxes

Ba­rock-Soap

„Ombra mai fú“ am Originalschauplatz: Danielle de Niese (Atalanta), Adriana Kučerová (Romilda) & Bejun Mehta (Arsamene) Foto: Armin Bardel

Jean-Christoph Spinosi dirigiert, Adrian Noble inszeniert Georg Friedrich Händels "Serse" im Theater an der Wien
(Wien, 20. Oktober 2011) Früher einmal galten Barockopern als Langweiler. Heute assoziiert das allge­mei­ne Musikbewußtsein sie geradezu mit dem Gegenteil, weil die Werke dieses Genres das Bedürfnis nach virtuoser Unterhaltung befriedigen, das im ehemals so geschätzten romantischen Fach auf Grund sängerischer Unzulänglichkei­ten und/oder Fehlbesetzungen nur allzu oft zu kurz kommt. Die Wahrheit liegt wohl – genau besehen – irgendwo in der Mitte: Barockopern sind extrem for­ma­lisiert und standardisiert und der Kanon der Formen wird von den Kompo­nisten nur höchst selten produktiv aufgebrochen, verletzt und weiterent­wickelt. Dafür ist die Aufmerksamkeit zumal dann geschärft, wenn man – eben an einer Tagung über Mozarts "Idomeneo" teilgenommen habend – einer Auffüh­rung von Georg Friedrich Händels "Serse" bei­wohnt.

Das Theater an der Wien hat sich in den letzten Jahren zu einer kleinen öster­reichischen Pilgerstätte für die vorklassische Oper entwickelt. Da stimmt in der Regel alles: Das Haus hat die richtige Größe, die jeweils individuell eingesetzten Orchester und Dirigenten erfüllen höchste Ansprüche, die Sängerensembles sind – dem Stagione-System sei Dank! – sorgfältig ausge­wählt und auch die leading teams warten im allgemeinen mit phantasievollen und stimmigen Inszenierungen auf. So kann es denn nicht verwundern, dass über die Händeloper mit dem berühm­ten "Largo" nur Gutes zu berichten ist, auch wenn das Bekanntheitspulver gleich mit der ersten, kurzen Arie – Xerxes‘ Hymne an die heilige Platane, "Ombra mai fú" – verschossen wird und danach musikalisch das folgt, was zu erwarten ist: Arien für die prima und die seconda donna, die übliche, etwas steife Bassarie, aber immerhin auch ein Duett, bei dem Händel über seine Zeit – in dem Fall 1738 – und das virtuose Sammelsurium des Arienbouquets und den konven­tionellen Ombra-Schmerz hinausging. Bemerkenswert auch die burles­ken Sze­nen und Charaktere, bei denen sich Händel an seine italienische Zeit erinnert haben mag.

Vom Libretto her ist "Serse" – obwohl im Grunde auch nicht mehr als eine ba­rocke Soap Opera mit ihrem hochgeschwängerten Große-Gefühle-Gehabe – bei weitem besser gelungen und abwechslungsreicher als andere Händel-Opern. Das ist ja heute in Hollywood nicht anders: Immer wieder kommt Ware nach, die im erträglichen ersten Drittel des Du­tzendwaren- Sorti­ments angesiedelt ist. Und London war eben in den 1730er-Jahren neben Rom, Nea­pel und Venedig eines der Zentren der europäischen Unterhaltungsmanufaktur.
Etwas großspurig nannte Händel seine Oper, welche die Gefühlskitschduselei der Ober­schichte befriedigte,  "Dramma per musica". Aber wirklich geprägt war das neue Werk von den Umständen der Zeit, die man sich als beeinflußt von den finanziellen Un­bilden der Opernproduktion – einem Sinken der Nachfrage nach den tra­di­tionellen, steifen "alten" Seria-Opern und einer Änderung des Publikumsge­schmacks nach dem Erscheinen der "Beggar´s Opera" –  vorstellen muß . Nicht zufällig griff das Libretto auf die venezianische Oper des 17. Jahr­hunderts zurück, in der dem Komischen – wie bei Shakespeare – eine wichtige Rolle zukam.

Das spielt heute natürlich keine Rolle mehr, und daher können der Regisseur und sein Bühnenbildner – in diesem Fall Adrian Noble und Tobias Hoheisel – in die Vollen greifen und mit lockerer Hand einen halb grünen, halb vertrockneten Kunstwald in einem mauerbegrenzten Zylinder auf die Bühne stellen und die Figuren und den (wie immer ausgezeichneten Arnold Schoenberg Chor, den Hauschor des Thaters an der Wien) mit britischer Leichtigkeit durchs Stück führen. Daß das auch musikalisch aufgeht, liegt am duftigen Dirigat Jean-Christoph Spinosis, der das Ensemble Matheus aus Frankreich zügig, doch ohne wüste Eile durchs Stück führt.
Auch von der Sängerfront – bei einer Oper über einen Welteroberer darf man wohl davon sprechen – gibt es nur Bestes zu berichten. Das lag nicht nur an Bejun Mehta, der als Arsamene – Xerxes´ Konkurrenten um die Gunst der jung­mädchenhaften Romilda (Adriana Kučerová)- erneut Gelegenheit hatte, nebst seiner Counter-Güte auch das schauspielerische Talent unter Beweis zu stellen, an Danielle de Nieses virtuos-quirrliger Atalanta und Anton Scharingers bewußt militärisch-beschränkt geführtem König Ariodate, son­dern zuallererst an Male­na Ernmann, die als Serse so viel männliches Parfüm, eingebettet in weibliche Geschmeidigkeit, versprühte, das man nicht anders konnte, als ihrem vokalen Charme zu erliegen.

Der wird zwar angeheizt durch herrschaftliche Liebesqualen und -irrungen. Die Qualen der barocken Länge bleiben einem nicht erspart, auch wenn sie durch die Verlegung der Pause in die Mitte des 2. Aktes gelindert werden. Denn lang sind barocke Opern für moderne Ohren allemal. Bis die Arienansprüche alle Sänger erfüllt sind, fließt viel Wasser die Wien hinunter. Aber beschweren wir uns nicht allzu sehr: Von Herrn Wagners Werken kann höchstens das "Rhein­gold" Händels "Serse" in puncto witziger Ablenkung das Opern­wasser reichen.   
  
Derek Weber

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