wozzeck münchen

Klare Kante

Clive Bayley (Doktor), Wolfgang Schmidt (Hauptmann), Michael Volle (Wozzeck) Foto: Wilfried Hösl

Andreas Kriegenburg inszeniert Alban Bergs „Wozzeck“ an der Bayerischen Staatsoper, Kent Nagano dirigiert
(München, 10. November 2008) Wozzeck trifft uns. Auch in der neuesten Münchner Version. Andreas Kriegenburgs Neuinszenierung von Alban Bergs 1925 uraufgeführter Oper, dirigiert von Kent Nagano, ließ, das zeigten Jubel und Applaus, niemanden kalt. Und das obwohl weder der Regisseur noch der Dirigent in dampfendem Realismus ihr Glück suchten, sondern mit szenischer Entrückung (Masken, Stilisierung) und kantiger Kühle die Glut schürten.
Kriegenburg hat sich von Harald B. Thor ein eindrucksvolles Bild bauen lassen, das den sekundengenauen Szenenwechseln, die die Musik vorgibt, virtuos entspricht: Ein grau-beiger Kasten (Stube des Hauptmanns, des Doktors oder der Marie) scheint im Raum zu schweben, entrückt nach hinten, wenn die stummen Männer in schwarzen Anzügen und Hüten (Opfer der großen Depression) mit Pappschildern Arbeit suchen. Der schwarze Bühnenboden ist „geflutet“, das Wasser, in das Wozzeck nach dem Mord an Marie geht, sozusagen von Beginn an präsent. Ebenso wie das gemeinsame Kind, das immer anwesend ist, sogar beim Doktor, wo Wozzeck wie ein Versuchstier in ein Gerät eingespannt ist.
Kriegenburg müht sich nicht mit einer Aktualisierung ab, sondern belässt die Figuren in einem durch die Kostüme (Andrea Schraad) vage angedeuteten Umfeld Georg Büchners, dessen geniales Dramenfragment Bergs Vorlage bildete. Dabei werden vor allem Hauptmann, Doktor und Margret, aber auch Andres, die Soldaten und das Volk grotesk verzerrt: Der Hauptmann (von Wolfgang Schmidt tenoral charakterisiert) ist ein fieses, glatzköpfiges Fleischgebirge mit hängenden Brüsten und bedrohlicher Körperlichkeit; der Doktor (Clive Bayley leiht ihm angenehme Bariton-Töne) stakst im Korsett und mit Beinprothesen durch die Szene und Volk und Soldaten erscheinen alle gleich bucklig und maskenhaft geschminkt. Eine Welt der Monster, in der Wozzeck, Marie und der Bub als menschliche Individuen, zumindest anfangs, körperliche Nähe suchen – von Kriegenburg in eine anrührende Skulptur „gemeißelt“.
Auch in Details verrät der Regisseur, dass er sich mit Stück und Musik intensiv auseinandergesetzt hat. So wenn der Junge mit schwarzer Farbe Papa oder später Hure an die Stubenwand pinselt und wenn er – in Vorahnung des Kommenden – seinen Stoffaffen mit dem Messer ans Kreuz heftet. Sparsame Zeichen in einer Inszenierung, deren stringente Bildersprache den Zuschauer jeden Moment bannt.
Nicht zuletzt, weil auch Kent Nagano am Pult des Bayerischen Staatsorchesters mit seiner kühlen, harten Lesart der Bergschen Partitur korrespondierend zur – suggestiv ausgeleuchteten – Szene agierte. Er setzte nicht (wie manche seiner Kollegen) die warme Emotionalität in dieser zwölftönigen Musik frei, sondern steigerte sie (speziell in den Zwischenmusiken) bis hin zum grellen, existentiellen Aufschrei. Obwohl Bergs faszinierendes, breit aufgefächertes instrumentales Klangspektrum in manchen Szenen durchaus transparent aufschien, scheute Nagano nicht die Attacke im höheren Dezibelbereich.
Das trieb manche Sänger zum Forcieren, was im Charakterfach nicht so gravierend ist, aber leider bei der Marie von Michaela Schuster für kleine Abstriche in einer ansonsten respektablen Leistung führte. Michael Volle rückt seinen Wozzeck ohne jede Aufdringlichkeit, allein durch gesangliche wie darstellerische Intensität und gleichermaßen Sensibilität ins Zentrum der Aufführung: Eine geschundene Kreatur, deren Opfer-Täter-Ambiguität er zwingend verkörpert.
Nach Kusejs peinlichem „Macbeth“-Flop zum Saisonstart verriet nun Kollege Kriegenburg (ebenfalls vom Schauspiel kommend) mit seiner erfolgreichen „Wozzeck“-Inszenierung die Richtung, die Nikolaus Bachler als neuer Intendant der Bayerischen Staatsoper anpeilt.
Gabriele Luster

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.