Wozzeck in Wien

Hau den Wozzeck

Alban Bergs „Wozzeck“ in der musikalischen Bearbeitung von Eberhard Kloke am Theater an der Wien

Von Derek Weber

(Wien, 15. Oktober 2017) Alban Bergs „Wozzeck“ hat wieder Konjunktur. Das liegt wohl an der Zeit, in der wir leben. Nach Genf und Salzburg wurde die Oper, die – 1914 an der Schnittstelle zwischen zwischen Noch-Frieden und Schon-Krieg skizzenhaft im Kopf des Komponisten entstand – nun im Theater an der Wien auf die Bühne gebracht, in einer anderen als der gewohnten Fassung (von Eberhard Kloke). Robert Carsen besorgte die Inszenierung, am Pult der aktuell von Finanzsorgen geplagten Wiener Symphoniker stand Leo Hussain und die Titelrolle war Florian Boesch, einem erklärten Liebling des Publikums, anvertraut.

So unterschiedlich die Zugänge zum Werk bei den drei Regisseuren auch waren, so gab es doch zumindest zwischen Zweien von ihnen starke Gemeinsamkeiten. Sowohl in Genf wie nun eben in Wien wurde mit einem grundsätzlich so einfachen wie wirksamen Konzept zum raschen Szenenwechsel gegriffen: quer über die Bühne gezogene, bewegliche, halbhohe Vorhänge verkürzen den Blick auf die Bühne je nach Bedarf perspektivisch oder weiten ihn in die Tiefe des Theaterraums. Ein „Wozzeck“ mit vielen Räumen also, die sich nur teilweise auf ein realistisches Ambiente beziehen. Umso wichtiger wird dabei die Sicht auf die Figuren selbst. Für Genf hatte der schottische Regisseur David McVicar nicht nur an scharfen Charakterzeichnungen gefeilt, sondern in den Vorhängen ein abwechslungs- und einfallsreiches Instrumentarium zur Beschleunigung bzw. Verlangsamung der Szenenwechsel gefunden.

Die in eine ähnliche Richtung gehende Wiener Lösung Robert Carsens wirkt im Vergleich dazu mechanischer. Szenenwechsel sind hier wirklich nur Wechsel von Szenen ohne dynamische Hintergedanken. Umso größere Bedeutung kommt daher der Umsetzung der einzelnen Bilder zu. Während in Wien die Schlafsaal-Szene des 2. Akts, in welcher der Tambourmajor Wozzeck zusammenschlägt, durch ihre direkt gezeigte Brutalität Eindruck macht, bestach McVicars Inszenierung durch die Genauigkeit einer fast shakespearehaft zu nennenden Personenzeichnung. Diese wird bei Carsen durch andere Gestaltungsmittel, unter anderem durch etwas ersetzt, was man als die Vervielfachung von Aktionen bezeichnen kann. So lässt sich Marie zusammen mit anderen Frauen in einer Art kollektiven Parallelaktion auf die körperliche Liebe ein. Die Wirkung ist nicht überwältigend.

Das soldatische Milieu ist bei Carsen durch Tarnanzug-Farben auf den Vorhängen präsent (Ausstattung: Gideon Davey). Und während in der Salzburger Inszenierung von William Kentridge ein opulentes Breitwand-Panorama des Ersten Weltkriegs ausgemalt wird, das die Figur des Wozzeck verkleinert als dessen Teil zeigt, betont Carsen die Universalität des Themas durch quasi-zeitlose heutige Uniformen und durch die ewigen Insignien des Soldatischen, die Gewehre, die eine Quasi-Wiederauferstehung von auf dem Boden liegenden Männern begleiten. Doch wenn alles vorbei ist und bevor Wozzecks Kind – hier auf einem zwischen den Beinen gehaltenen Karabiner – seine kleinen Runden reitet, ertönt wie immer jene erschütternde, noch aus dem romantischen 19. Jahrhundert kommende Trauermusik, die nur einer komponieren konnte, den Büchners Drama beim ersten Ansehen bis ins Mark getroffen hatte und der die Schrecken des Weltkriegs unmittelbar mitansehen musste.

Die Fassung für kleines Orchester von Eberhard Kloke passt gut zum kleinen Theaterraum des Theater an der Wien. Sie macht den Klang farbiger, weil sie die Balance der Instrumente verändert und ein wenig durchsichtiger erscheinen lässt. Auf der anderen Seite wird der letzte der drei großen Akkorde im Zwischenspiel nach der zweiten Szene des 3. Aktes, der auf dem Fundament des großen Streicherapparats fußt, ziemlich ausgedünnt.

Leo Hussain leitete die Wiener Symphoniker sicher, aber nicht unbedingt besonders prononciert, durch den Abend. Der Arnold Schoenberg Chor verlieh dem vokalen Geschehen wie immer eine gediegene Grundierung. Mittelpunkt der Wiener Aufführung war natürlich Florian Boesch als Wozzeck, der seine Rolle mit lapidarem Pathos ausstatte und am Ende zu Recht kräftig bejubelt wurde. Die amerikanische Sopranistin Lisa Lindstrom war eine vokal wie darstellerisch überzeugende Marie. Erstaunlich, wie Heroinenstimmen eine ganze eigene Kraft entwickeln, wenn sie sozusagen nur ihre halbe Kraft benötigen. (Dass Marie hier auch rauschgiftsüchtig ist, soll als Dekor notiert sein.) Stefan Czerny verlieh dem Doktor ein kerniges Profil, und John Daszak brachte seine angekratzte Hauptmanns-Stimme nach anfänglichen Problemen rasch unter Kontrolle. Aleš Brisceins heldischer Tenor war ganz auf die Rolle des hyper-männlichen Hauptmanns zugeschnitten, Benjamin Hulett als Andres und Juliette Mars als Margret lieferten kleine Charakterstudien über kleine Leute ab, und Erik Årman war als Narr ganz vorzüglich.

Der Applaus fürs gesamte Ensemble fiel kurz, aber herzlich aus. Das mag auch etwas mit dem Termin der Premiere – dem Wahlsonntag in Österreich und dem Ausgang der Wahl – zu tun gehabt haben. Sorge war mit dabei, denn leichter wird’s für die von Büchner und Berg apostrophierten „armen Leut´“ und die Kunst unter der neuen Regierung ja wohl kaum werden.

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