Wozzeck als Bildertheater in Salzburg

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Weltenbrand statt persönliches Leid

Der neue Salzburger „Wozzeck“ gerät in der Regie von William Kentridge wenig überzeugend, musikalisch dagegen punkten vor allem Jurowski und die Wiener Philharmoniker

Von Christian Gohlke

(Salzburg, 14. August 2017) Die Idee des Regisseurs William Kentridge, Alban Bergs Oper „Wozzeck“ im seiner Salzburger Inszenierung zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielen zu lassen, leuchtet durchaus ein: Ja, der Komponist hat während des Krieges an seinem Werk gearbeitet und manche für ihn schreckliche Erfahrung wohl auch darin verarbeitet. Überdies lassen sich die Visionen Wozzecks von Rauch und Blut und brennendem Himmel als Vorahnungen einer Katastrophe begreifen, die Georg Büchner in seinem Dramenfragment aus dem Jahre 1837 als Folge einer bestimmten gesellschaftlichen Struktur antizipiert haben könnte.

Doch so stimmig die Ausführungen im Programmheft anmuten, so wenig überzeugt deren Umsetzung auf der Bühne. Warum? Sabine Theunissen hat ein Einheitsbühnenbild entworfen, das am ehesten als Bretterverschlag zu charakterisieren ist. Stühle, Latten, Schrankelemente türmen sich haushoch übereinander und schaffen Spielflächen auf mehreren Ebenen. Dazu werden im Hintergrund Kohlestiftzeichnungen des Regisseurs (Kentridges eigentliches Metier ist die bildende Kunst) eingespielt, die Assoziationen an Kriegsereignisse und -schauplätze wachrufen: Soldatenfiguren, Schlachtfelder, Pferde, Lichtblitze. Aber die eingespielten Bilder sind allzu vage. Die ganze Szenerie bleibt diffus und – noch schlimmer – atmosphärisch monoton. Überall und immerzu herrscht an diesem Abend das Grauen des Krieges.

Wozzecks Geschichte, sein Verhältnis zu einem so dummen wie quälerischen Hauptmann, seine Misshandlung durch den skrupellosen Doktor, seine Eifersucht auf den Tambourmajor, sein ganzes privates Leid und Elend wird durch diesen erdrückenden, übergewaltigen Hintergrund gleichsam marginalisiert und relativiert. Welches Gewicht hat schon ein solches Einzelschicksal vor dem Hintergrund der Kriegsgreuel? Wozzeck, in Salzburg ist das nicht mehr als eine private Bagatelle, kaum der Erwähnung wert angesichts eines bildmächtig in Szene gesetzten Weltenbrandes.

Dass die Geschichte Wozzecks an diesem Abend so wenig berührt, liegt auch an Kentrigdes im Programmbuch einbekanntem Desinteresse an der Psychologie der Operngestalten. Die Regie zeichnet die Figuren mit allzu grobem Pinsel. Zwar werden in Bergs Oper (wie auch schon in ihrer literarischen Vorlage) die Figuren des Hauptmanns und des Doktors auf wenige karikaturistische Striche reduziert. Wozzeck und Marie hingegen sind aber doch weiß Gott Menschen mit differenziertem Innenleben. Bei Kentridge ist davon wenig zu bemerken. Wenn zum Beispiel Marie die Ohrringlein, die der Tambourmajor ihr geschenkt hat, im Spiegel bewundert, wendet sie sich in Salzburg mit der Frage „Was die Steine glänzen? Was sind’s für welche?“ nicht an sich selbst, sondern direkt an den Buben (hier: eine Holzpuppe mit Gasmaske und kleiner Pfeife). Plausibel ist das nicht. Schließlich fühlt sich Marie gerade von dem Kind, das sie an Wozzeck bindet und erinnert, in ihren Träumereien gestört. Daraus ergibt sich ihre fast aggressive Aufforderung: „Schlaf Bub! Drück die Augen zu!“ Kurzum: Kentridges Regie bleibt zu pauschal, als dass sie interessieren oder gar berühren könnte.

Ein wenig liegt der eher matte Eindruck, den der Abend hinterließ, auch an den Sängern der beiden zentralen Partien. John Daszak und Gerhard Siegel überzeugen als Tambourmajor und Doktor mit charakteristischen, durchdringenden, manchmal auch scharfen Tenorstimmen und klarer Diktion durchaus. Aber Asmik Grigorian reduziert die Figur der Marie auf eine verhärmte, bittere Frau. Doch in ihr gibt es auch die Sehnsucht nach ein wenig Glanz und Glück. Die Facette der Sinnlichkeit und Lebensgier bleibt Grigorian mit ihrem sicher geführten, doch etwas harten und zu wenig wandlungsfähigen Sopran der Figur schuldig. Zu statisch und eindimensional im Ausdruck wirkt auch der Wozzeck von Matthias Goerne. Sein voluminöser, immer ein wenig gaumig klingender Bass überzeugt in den Dialogen mit dem Hauptmann oder dem Doktor, in denen Wozzeck alls mehr oder minder dumpf und apathisch hinnimmt. Weniger glaubhaft gelingen ihm die Szenen mit Marie, in denen Eifersucht und böse Anspielungen einen größeren Reichtum an Stimmfarben verlangen.

Weit glanzvoller als Regie und Besetzung war das ungemein agile und präzise Spiel der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Vladimir Jurowski: dynamisch fein abgestuft, farbenreich und durchhörbar. Jurowski und die Philharmoniker akzentuieren in Bergs Komposition eher die Herkunft aus der Spätromantik als ihren avantgardistischen Charakter.
Ob es lohnt, für diesen „Wozzeck“ eine teure Opernkarte zu kaufen? Für „arme Leut“ ist Salzburg jedenfalls das falsche Pflaster.

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