Winterreise Coburg

Jaja, die Mütter

David Zimmer und Christa Fedder Foto: Theater Coburg

Der Intendant des Theaters Coburg Bodo Busse inszeniert Hans Zenders "Winterreise" nach Schubert als Familienaufstellung
Von Robert Jungwirth
(16. Januar 2016) Endlich eine „Winterreise“ im Schnee, nicht wie sonst meist bei sommerlichen Temperaturen. Und kurz vor Beginn fegte passenderweise auch noch ein veritabler Schneesturm über Coburg hinweg und wehte die Zuschauer förmlich ins Theater hinein. "Fliegt der Schnee mir ins Gesicht, schüttle ich ihn herunter", heißt es in dem Lied "Mut" trotzig. Da ist der arme Wanderer in Schuberts winterlichem Liederzyklus schon fast am Ende seiner Reise angelangt. Der "Mut", mit dem er hier gegen die äußeren Widrigkeiten des Lebens ankämpft, nur mehr sarkastische Fassade. Dahinter kauert eine vor Einsamkeit, seelischem Schmerz und Unbehaustheit in sich zusammengesunkene arme Seele, die mehr dem Tod als dem Leben zugewandt ist. Regisseur Bodo Busse lässt seinen Hauptdarsteller David Zimmer deshalb an dieser Stelle mit einer Pistole hantieren, die er sich immer wieder an den Kopf hält. Die Reise dieses verzweifelten Menschen nimmt kein gutes Ende, soviel ist klar, auch wenn es bei Schubert offen bleibt. Auch Busse belässt es bei einem offenen Schluss.
Hans Zenders „komponierte Interpretation“ von Schuberts „Winterreise“ für kleines Orchester von 1993 macht die seelischen Verwerfungen des Protagonisten mit zugespitzten, aufgerauten, ja mitunter auch schrillen Klanggesten noch drastischer erfahrbar als Schubert. Dennoch steht der unbedingte Respekt vor Schuberts Musik stets im Vordergrund, wird seine Musik nie zugedeckt, sondern eben nur instrumental kommentiert – unter anderem von Akkordeon, Gitarre und Windmaschine.
Zur komponierten Interpretation gesellt sich im Coburg auch noch eine szenische. Viel ist es nicht, was Busse und sein Bühnenbildner Karlheinz Beer dazu auf die Bühne des Landestheaters gestellt haben: zwei kahle Bäume, ein paar Möbel, einen Felsblock und – nun ja – einen riesigen Kühlschrank. Schnee fällt keiner, aber den gibt es ja vor dem Theater genug. Zum tragischen Helden gesellt sich sein alter Ego (Dominik Tippelt), seine Mutter (Christa Fedder) und sein Vater (Manfred Völk). Mit ihnen steht der Protagonist in einer Art gestischer Zwiesprache. Vor allem die Mutter scheint eine wesentlich Rolle für seine seelischen Zerrüttungen zu spielen. Zu Beginn hält sie sich die Hände vors Gesicht, will nicht wahrhaben, nicht hinsehen, was mit ihrem Sohn passiert. Im „Frühlingstraum“ tanzt sie verzückt um sein Bett herum in einer unheimlichen Ambivalenz zwischen beschützen und bedrängen. Jaja, die Mütter, sie sind an allem schuld – oder wie es ein Psychologe einmal weniger scharf formuliert hat: „Das Kind ist der Spiegel der Seele seiner Mutter“.
Busse versucht eine Art Familienaufstellung für den Protagonisten dieser Winterreise, für seine angeknackste Psyche, von deren Ursachen man nicht viel weiß. Besonders erhellend ist das bei Busse allerdings auch nicht, da ihm von der Grundidee abgesehen nicht mehr viel eingefallen ist und die eindreiviertel Stunden szenisch recht eintönig bleiben.
Leider auch musikalisch, denn David Zimmer aus dem Ensemble des Coburger Theaters ist zwar gewiss ein respektabler Operntenor, ein Liedsänger ist er allerdings nicht. Das deutet sich schon beim ersten der 24 Lieder des Zyklus‘ an und bleibt auch so. Von Deklamation, von interpretierender Ausgestaltung des Textes, von sinnreicher Phrasierung ist hier so gut wie nichts zu hören. Eine herbe Enttäuschung. Und auch der an Neuer Musik geschulte Roland Kluttig am Pult versagt der Zenderschen „Winterreise“ und ihren subtilen Zwischentönen die dafür nötige Präzision und geistgeschärfte Diktion. Schade, es hatte so schön begonnen mit dem Schneesturm.

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