Winter International Arts Festival in Sotschi

Das russische Dschungelbuch

Das „Winter International Arts Festival“ in Sotschi – wie der südrussische Bade- und Kurort versucht, auch kulturell zu punkten

Von Derek Weber

(Sotschi, im Februar 2018) Sotschi, die berühmte Badestadt am Schwarzen Meer, erinnert entfernt an das kroatische Abbazia (das heutige Opatija). Wie Abbazia hat Sotschi einen historischen Kern, der es schon als Kurort der Zeit vor 1914 ausweist. Wie in Opatija ragen nahe dem Meer steile Hügel auf. Nach der Revolution von 1917 wurden hier – wie in Jugoslawien nach 1945 – Sanatorien für die werktätige Bevölkerung errichtet, die sich zu den klassizistischen Villen des späten 19. Jahrhunderts gesellten. Nicht zufällig hat Josef Stalin hier in den 1930er-Jahren seine in dunklem Grün gehaltene Datscha errichtet, die noch heute als Museum zu besichtigen ist.

Städtebaulich dominiert die Zwischenkriegszeit. Doch die Winterolympiade von 2014 hat mit ihren Folgewirkungen eine von schwindelerregenden Hochbauten dominierte Schneise der Zerstörung in das historische Sotschi geschlagen, wovon sich die Stadt wohl nie mehr erholen wird. Das früher einigermaßen kompakte Stadtbild wurde nachhaltig zerstört.
Ein Gebäude aus der Stalin-Zeit freilich, das Ende der 30er-Jahre im stalinistisch-klassizistischen Stil errichtete Wintertheater steht trotzig im Stadtzentrum. Hinter seinen riesigen Säulen gehen auch die zentralen Veranstaltungen des „Winter International Arts Festival“ über die Bühne, das heuer zum elften Mal stattfindet. Sein künstlerischer Direktor, der Bratschist und Dirigent Yuri Bashmet, hat schon bei der Gründung des Festivals mitgewirkt.

Der Schwerpunkt des Festivals liegt daher bei der Musik. Das wurde heuer schon am Eröffnungsabend deutlich, an dem mit Valeria Abramova eine kaum 15jährige Geigerin mit einer fulminanten Interpretation von Ravels „Tzigane“-Phantasie in Erscheinung trat. (Begleitung: die Moskauer Solisten unter Yuri Bashmet) „Wenn man mit einem bestimmten Betrag fünfzehn junge Künstler engagieren kann, ist das Geld besser investiert als mit einem Star“, definiert Bashmet seine Philosophie.

Daneben gibt es von der Volksmusik her kommende Konzerte, Ausstellungen, Marionettentheater (das Tiblisi-Puppentheater war mit einem „Requiem“ für die Opfer der Schlacht um Stalingrad zu sehen, zu denen in dieser Sicht auch Pferde und Ameisen zählten) und Prosatheater, heuer eine ganz phantastische, umwerfend tempo- und phantasiereiche und moderne Aufführung von Nikolai Gogols „Heirat“, ergänzt um andere Texte des Dichters. Selbst wenn man kaum russisch versteht, ist das ein Schau- und Hör-Vergnügen in der großen russischen Theatertradition, dargeboten vom Sankt Petersburger Lensovet Akademischen Theater in der Regie seines Leiters Yuriy Butusov.
Übertitel fehlen leider fast vollständig. Einmal gibt es sie sogar: als russische Übersetzung bei der chinesischen Oper „The Jade Hairpin“. Und beim beeindruckenden Auftritt der italienischen Daniele Cipriani Tanzkompagne mit einem Abend unter dem Titel „Mediterranea“ waren sie natürlich auch nicht nötig: Körperbetontes Tanztheater, dessen musikalisches Fundament von Palestrina-Messen und Mozarts „Türkischem Marsch“ bis zu Flamenco- und kurdischer Musik reicht.

Insgesamt bleibt Sotschi auf Gastspiele und Festivals angewiesen. Die Stadt verfügt weder über eine feste Operntruppe, noch gibt es ein größeres Orchester, das ohne Hilfe von außen Konzertveranstaltungen, geschweige denn einen kontinuierlichen Konzertbetrieb, durchführen könnte. Neben dem Wintertheater existiert bloß das 1979 erbaute, mit Blickkontakt zum Meer gelegene Festvalny-Konzerthaus, das aber nur für den Sommerbetrieb geeignet ist.

Irgendwie scheint es auf den ersten Blick nicht falsch, Sotschi mit dem italienischen Badeort Rimini zu vergleichen. Auch dort dominieren die Sommeraktivitäten. Doch Sotschi hat anderes vor: Beim „Winter Arts Festival“ kommt die Mehrheit der Besucher von außerhalb. Nur 40 % stammen aus der Region.

Dschungelbuch auf russisch Foto: Molchanovsky-Alexei

Und während im Sommer die leichte Muße dominiert, versucht man sich für die kältere Jahreszeit mit dem Winter-Festival durchaus Gewichtigeres einfallen zu lassen, werden Opern- und Theateraufführungen angeboten – heuer neben Ballett einen Fado-Abend, die Uraufführung der Oper „Don´t Leave Your Planet“ von Kuzma Bodrov nach Saint-Exuperys „Kleinem Prinzen“ und ein „Mowgli Cinema Concert“, bei dem das „Novaya Rossiya Staats-Symphonieorchester“ live zu in den 1960er- und 1970er-Jahren entstandenen sowjetischen Animationsfilmen aufspielt. Eine Art alternatives „Dschungelbuch“, das nicht aus den Walt Disney-Studios kommt. Die Musik dazu stammt immerhin von Sofia Gubaidulina. Leider wurde die Uraufführungsoper in der Zeit des Besuchs des Festivals nicht gegeben.
Tschaikowskys „Pique Dame“ erschien (in spezieller Aufbereitung als Zwitter zwischen Oper und Schauspiel) als „Passions for the Queen of Spades“, gegenüber der Oper radikal zurechtgestutzt und mit zwei dramaturgisch motivierten Sprechrollen versehen.
Premieren, Talententdeckung, Stars und nur auf Seitenwegen Erkundbares sind beim Winterfestival nah beieinander. Auch Leichtgewichte wie ein barmusiknaher Jazzabend mit der amerikanischen Sängerin Jane Monheit war mit von der Partie. Alles in allem ein vielfarbiges, nicht-uniformes Programm.

Bleibt als Disagio das Fehlen von Übertiteln, das Gogol, den Mowgli-Film und andere russischsprachige Aufführungen ebenso auf Distanz zum ausländischen Publikum hält wie die Flugmeilen über Moskau und St. Petersburg nach Sotschi. Auch bei der berührenden Stalingrad-Marionettentheater-Aufführung hätte man gerne mehr über den Text erfahren, den die Ameise als letzte Überlebende ihrer toten Schwester in den Ameisenhimmel nachschickt.

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