Wim Wenders inszeniert seine erste Oper

Olga Peretyatko-Mariotti (Leïla) Fotos: Donata Wenders

Der Himmel über Ceylon

Wim Wenders widmet sich erstmals der Oper: mit einer schlichten, poetischen Inszenierung von Georges Bizets „Perlenfischern“ auf der Bühne der Berliner Staatsoper im Schillertheater – dirigiert von Daniel Barenboim

Von Antje Rößler

(Berlin, 24. Juni 2017) Man erwartet nichts Gutes, wenn sich Filmregisseure an die Oper heranmachen. Oft haben sie nur rudimentäre musikalische und musikhistorische Kenntnisse. Die Ergebnisse geraten entsprechend oberflächlich.
Insofern bietet Wim Wenders, der nicht Noten lesen kann, mit seiner ersten Operninszenierung eine positive Überraschung. Der Filmregisseur, der mit Streifen wie „Paris, Texas“ oder „Der Himmel über Berlin“ Kinogeschichte schrieb, bringt an der Berliner Staatsoper eine wunderbar schlichte, poetische, zeitlose Version der „Perlenfischer“ von Georges Bizet auf die Bühne.

Mit seinem Erstling von 1863 gelang dem 25-jährigen Bizet der Durchbruch als Opernkomponist, zwölf Jahre vor „Carmen“ Die exotische Note des Stoffes trug zum Erfolg bei: Die Handlung spielt im indischen Ozean auf der Insel Ceylon, die wir heute Sri Lanka nennen. Dort sind zwei Männer, der Jäger Nadir und der Perlenfischer Zurga, in die Priesterin Leïla verliebt. Doch beide entsagen ihr, um die Männerfreundschaft zu retten. Als sich die Angebetete für Nadir entscheidet, sorgt der eifersüchtige Zurga dafür, dass das Paar zum Tode verurteilt wird – und lässt die beiden am Ende doch laufen.

Wim Wenders hat das Stück ausgesucht. Erstens, weil er etwas Seltenes auf die Bühne bringen wollte; zweitens aus nostalgischen Gründen. In die Romanze des Nadir, das bekannteste Stück der Oper, verliebte er sich in den Siebzigern in San Francisco. Dort verkehrte er in einer Bar, deren Juke Box nur mit Klassik-Singles bestückt war!
Viele seiner Filme sind eng mit Musik verbunden; wenn auch nicht mit klassischer – von „Lisbon Story“ bis zu „Buena Vista Social Club“. Einmal stand Wenders sogar schon vor einer Operninszenierung: In Bayreuth sollte er 2013 den „Ring“ übernehmen; das Projekt scheiterte jedoch.

Bei seinem ersten Ausflug ins Opernfach kriegt Wenders die Kurve, indem er sich dem neuen Terrain mit Demut nähert: Er stellt die Szene in den Dienst der Musik und enthält sich grober Aktualisierungen – obwohl in dem Stück sogar ein Flüchtling gerettet wird.
Zugleich verzichtet er auf folkloristischen Ballast und Tropen-Klischees, um vielmehr die archetypische Dreiecksgeschichte um zwei Männer und eine Frau freizulegen. Die eher statische, und damit dirigentenfreundliche Personenregie ist wohl auch dem Einfluss Daniel Barenboims geschuldet, der die Produktion musikalisch leitet. Dadurch wird aber die märchenhafte Entrücktheit des Bühnengeschehens unterstrichen.

In Harmonie mit der schlichten Szenerie rührt Barenboim kaum an den gelegentlichen Schmachtfetzen-Charakter von Bizets Melodien. Er geht am Pult der Staatskapelle zart und sensibel, fast kammermusikalisch transparent vor – auch wenn die erdigen tiefen Streicher den Vordergrund der Klanglandschaften bilden.

Bühnenbildner David Regehr breitet auf der Bühne großflächig einen Sandstrand aus, die Heimat der dunkel gekleideten Perlenfischer. Die kraftvolle Wucht des Staatsopern-Chors veranschaulicht die Strenge ihrer männerdominierten Stammesgesellschaft, die auf Lynchjustiz setzt und die Jungfrau Leïla unter den Schleier zwingt.

Fotos: Donata Wenders

Francesco Demuro (Nadir) und Gyula Orendt (Zurga) Fotos: Donata Wenders

Eine Hauptrolle spielt das Licht. Olaf Freese sorgt für wundersame Strandstimmungen; eine neblige Mondnacht und einen rosigen Sonnenaufgang, oder ein düster tosendes Gewitter. Lichtreflexe bringen auch Leïlas Perlmuttkleid zum Schimmern, in dem die russische Sopranistin Olga Peretyatko-Mariotti steckt. Mit makelloser Gesangstechnik und einer gewissen coolen Distanziertheit ist sie eine passende Besetzung für die jungfräuliche Priesterin. Ihr Sound ist hell, hat aber auch eine kraftvolle Tiefe; die Koloraturen rollen so geschmeidig wie eine durch die Hand gleitende Perlenkette.

Wim Wenders fügt auch filmische Momente ein. Eine durchsichtige Leinwand erlaubt das Überblenden des Bühnengeschehens mit schillernden Wasserflächen, raunenden Palmwedeln, einem blinkenden Sternenzelt oder den schwarzweißen Erinnerungen der Männer. So kriegt Wenders das handlungsarme, unlogische und chronologisch springende Textbuch in den Griff.

Kraftzentrum auf der Bühne ist der 31-Jährige Ungar Gyula Orendt, Ensemblemitglied der Staatsoper, in der Rolle des Zurga. Seine Stimme hat einen wohlklingenden metallischen Kern und Geschmeidigkeit. Der Bariton verfügt über die Bandbreite von innig lyrischen bis zu männlich kraftvoll Tönen, so dass er auch die eigentümlichen Stimmungswechsel zwischen Eifersucht und Edelmut mit Sinn erfüllen kann, die das Libretto im dritten Akt aufbietet.
Die Rolle des Nadir ist mit Francesco Demuro, einem sanften Tenor mit müheloser Höhe, gut besetzt. Jedoch plustert er sich ins Heldenhafte auf, so dass die Stimme manchmal scharf und dünn klingt.

Dass sich der letzte Akt der zweistündigen Aufführung etwas in die Länge zieht, ist allein dem unsäglichen Libretto geschuldet. Das Premierenpublikum war begeistert. Wenders’ innige, poetische Inszenierung dürfte sich zu einem Renner im Repertoire der Staatsoper entwickeln.

Die drei Vorstellungen vor der Sommerpause sind ausverkauft. Eine weitere Aufführungsserie geht im April 2018 über die Bühne – dann wieder im Stammhaus Unter den Linden.

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