Wildes Wuchern

Wildes Wuchern

Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Susanna Mälkki spielt Werke des jungen Pierre Boulez beim Musikfest Berlin

(Berlin, 4. September 2010) "Die Ideen gehen mir so lange nicht aus dem Sinn, bis ich ihre Wucherungen voll ausgeschöpft habe." Dieser Satz von Pierre Boulez, im Programmbuch des Konzertes zitiert, könnte ebenso gut von Winrich Hopp stammen: Seit der zukünftige Leiter der musica viva in München im Jahr 2007 das musikfest berlin übernommen hat, sind kunstvoll verflochtene Programme dessen Markenzeichen. In diesem Jahr steht mit Pierre Boulez ein Komponist im Mittelpunkt, dessen Werk geradezu prädestiniert scheint für solcherart ambitionierte Dramaturgie: Denn Boulez‘ Oeuvre stellt sich im Ganzen als üppig wuchernder musikalischer Garten dar, als ein Geflecht von Werken, die in enger Beziehung zueinander stehen, aufeinander verweisen, sich immer weiter entwickeln, in dem Grenzen oft kaum auszumachen sind.
Das zweite Konzert des diesjährigen musikfestes berlin erlaubte, um im Bild zu bleiben, einen Blick ins Treibhaus: Kompositionen des jungen Boulez aus den Jahren 1946 bis 1948 waren kombiniert mit dem Kammerkonzert für Klavier und Geige mit dreizehn Bläsern von Alban Berg, einem Werk, mit dem sich Boulez in jener Zeit intensiv auseinander gesetzt hat. Die "große Zahl von Eigenbezügen, die Verästelung seiner Konstruktion" haben ihn tief beeindruckt.
Es ist ein rätselvolles, andeutungsreiches Werk, in dem die Anagramme Arnold Schönbergs, Bergs und Weberns zu den leicht ersichtlichen Anspielungen gehören, während andere bis heute nicht letztgültig entschlüsselt sind.
Susanna Mälkki nähert sich diesem wie auch den anderen Werken des Abends mit großer Präzision und scharfem Blick, vermittelt geschickt zwischen dem für seine Verhältnisse ungewohnt temperamentvoll spielenden Pianisten Pierre-Laurent Aimard, dem Geiger Thomas Zehetmair (von ihm hätte man sich nach dem betörenden, geheimnisvollen Anfang des zweiten Satzes klangschönere Töne gewünscht), und den exzellenten Bläsern des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg.
Die klare Konstruktion der Wiener Schule hat deutliche Spuren hinterlassen in Boulez‘ 1. Klaviersonate, einem seiner frühesten großen Werke; Aimard interpretierte sie im zweiten Konzertteil sehr souverän (er dürfte das Stück seit seinem Eintritt ins Ensemble intercontemporain 1976 öfter gespielt haben als irgendjemand sonst) und kühl analysierend.
Das Enigmatische von Bergs Kammerkonzert hingegen findet in gewisser Weise ein Pendant in der verrätselten surrealistischen Poesie René Chars, auf der die beiden großen Chorwerke dieses Abends beruhen, Le Soleil des Eaux (Die Sonne der Wasser) und Le Visage nuptial (Das bräutliche Antlitz). Ersteres ist eines der Werke, um deren endgültige Form Boulez jahrzehntelang gerungen hat; mehrfach hat er die Kantate auf René Chars gleichnamiges "ökologisches Lehrstück" vollständig umgearbeitet und dabei die Wechselwirkung zwischen Musik und Sprache erkundet.
Noch weiter geht indessen seine Auseinandersetzung mit dem textlichen Ausgangsmaterial in der Kantate Le Visage nuptial, die in der letzten Fassung aus dem Jahre 1989 zu hören war: Boulez übersetzt Chars mythisch-dunkle Sprachbilder in eine Vielzahl assoziationsreicher Klänge, ohne große Rücksicht auf eine nachvollziehbare Handlung. Wegen seines großen Aufwandes an (insbesondere Perkussions-)Instrumenten, aber auch wegen der exorbitanten Schwierigkeit wird das Werk nur selten aufgeführt. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, die Solistinnen Laura Aikin (Sopran) und Lani Poulson (Mezzosopran) sowie die Damen des SWR Vokalensembles Stuttgart, des RIAS-Kammerchors und des NDR Chors haben ihre Aufgabe bravourös gemeistert. Sekundenlange Stille, dann enthusiastischer Applaus in der zufrieden stellend besetzten Philharmonie. 
Eva Blaskewitz

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