Wien modern

Entwicklung der Notation

Klangforum Wien Foto: Lukas Beck

"Wien Modern" unter neuer Leitung und mit Neuer Musik in mustergültiger Interpretation
(Wien, im November 2010) Doch, die Zeiten haben sich geändert: Als "Wien modern" 1988 unter der Pa­tronanz Claudio Abbados ins Leben gerufen wurde, wäre es ein großes Wagnis gewesen, ohne prominente Rückendeckung in der kunst-konservativen Stadt an der Donau Neue oder zeitgenössische Musik in geballter Form zu präsen­tieren. Vorsicht war vor allem in programmatischer Hinsicht geboten: Von Anfang an war "Wien modern" nie nur gegenwärtig und nach vorne ge­richtet wie Donaueschingen oder andere Festivals zeitgenössischer Musik. Immer gab es den interessierten Blick auf Tradition und Geschichte der Moder­ne, gebün­delt nach großen Namen wie Luigi Nono oder Luciano Berio, nach Ländern, nach Tendenzen. So wollten es die Gründer des Festivals, Claudio Abbado und der kundige Mann im Hintergrund, Lothar Knessl. Abbado fragt auch heute noch nach dem Musikfest; und Knessl trat heuer sogar in drei Gesprächsver­anstaltungen aus der Rolle des im Hintergrund bleibenden Mentors und Impulsgebers.
Was waren das für steinerne Verhältnisse, die geändert werden mußten: Ich erinnere mich an eine Aufführung von Hans Werner Henzes "Floß der Medusa" in einer Zeit, als es "Wien modern" noch nicht gab. Da waren auf der Bühne mehr Menschen versammelt als unten, im Großen Saal des Konzerthauses. Heute füllt das Festival drei Wochen lang kleine und große Säle, und es gibt nicht nur – wie früher – zwei Ensembles für Neue Musik, sondern eine ganze Reihe von Gruppen, unter denen das Klangforum Wien die auch international bekannteste darstellt.
Am vergangenen Samstag ging das diesjährige Festival mit dem (am Freitag­nachmittag begonnenen) Klaviermarathon des italieni­schen Pianisten Marino Formenti (programmiertes Ende: halb acht Uhr früh), einer Diskussion über das Neue an der Neuen Musik, einem Konzert am Nachmittag und einem abendli­chen Birtwistle-Ligeti-Ausflug ins Szenische zu Ende. Ob György Ligetis "Aventures" und "Nouvelles Aventures" und Harrison Birtwistles "Secret Theatre" nicht doch, wenn sie der inneren Phantasie des Hörers überantwortet bleiben, mehr Wirkung zeigen, weil sie genauer gehört werden können, bleibe freilich dahingestellt.
Angekündigt war der Abschlußabend als Ausblick auf das Festival 2011. Es wird also im nächsten Jahr wohl noch mehr Bilder zur Musik geben. Die Leitung von "Wien modern" liegt seit heuer in neuen Händen (Matthias Losek). Auch das Logo präsentierte sich neu. Das Pro­gramm blieb der Kontinuität verpflichtet. Die neue Handschrift wird sich wohl erst 2011 deutlicher zeigen.
Dennoch: Seit dem Eröffnungskonzert vom 29. Oktober, bestritten vom ORF-Orchester unter Peter Eötvös, gab es fast täglich Konzerte mit Ur- und Erstauf­führungen. So spielte das Klangforum Wien am letzten Donnerstag unter Enno Poppe mit "as in a mirror darkly" ein Werk der Erste-Bank-Kompo­sitionspreis­trägerin 2010, Jo­anna Vozny, dessen Uraufführung vor kurzem beim Grazer "Musik­protokoll" stattfand – ein introvertiertes, mit Geräuschhaftigkeit arbei­tendes Stück, das von Wiederholungen mit minimalen Änderungen und perio­dischen kurzen, wilden Schlag­zeugausbrüchen lebt. Wolfram Schurigs Quasi-Klavierkonzert "…vom Gesang der Wasserspeier…" gab dem Solisten Florian Müller Gelegenheit, Applaus einzuheimsen. Jorge Lopéz´ erst teilfertige, rhythmisch-kompakte Uraufführungs-Kompo­si­tion "A végsö Tavasz" (Der letzte Früh­ling) war um vieles näher bei der der musikalischen Tradi­tion, was durch Beethoven-, Wagner- und Mah­ler-Zitate unterstrichen wurde.
Das vierte Werk dieses Abends, Mark Andres "…es…", war als großes Crescendo angelegt, das mit dem aus der Stille hervortreten­den Ticken eines präparierten Klaviers begann und am Schluß in geräuschaft vorbereiteter, ausdirigierter Stille endete.
Andre und Vozny sorgten gemeinsam mit Thomas Wally und Johannes Maria Staud auch für den Komponisten-Schwerpunkt des diesjährigen Festivals. Den Fixpunkt des älteren Repertoires bildeten Morton Feldman und Roman Hau­ben­stock-Ramati. Letzterer, einer der Pioniere der Vereinfachung und Ermög­lichung neuer Wege der Notenschrift, stand auch im Zentrum der für hörende Augen gedachten Ausstellung "Notation" über die Entwicklung der Notierung von Musik seit den 1950er-Jahren.
Am Freitag, dem vorletzten Tag des Festivals, ließ das ORF-Orchester unter Beat Furrer mit einer aufwühlend-harten Interpretation von Anton Weberns Sechs Orchesterstücken op. 9 auf­horchen. Roman Hauben­stock-Ramatis "Nocturnes 1" und "Tableau 1" wurden ebenso mitreissend gespielt wie das kangfarbenprächtige "Coptic Light" Mor­ton Feldmans. Ein großer Abend. Weitere Höhepunkte des Festivals: Morton Feldmans 1. Streichquartett mit dem Arditi Quartet und die drei improvisatorischen "Feldman-Forschungen" im baulich wieder­ge­nesenen Casino Baumgarten an der Wiener Peripherie.
Derek Weber

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