Widmann-Uraufführungen bei den Bamberger Symphonikern

Des Komponisten Füllhorn

Die Bamberger Symphoniker unter Jakub Hrusa mit zwei Uraufführungen von Jörg Widmann und der Dritten Brahms

Von Robert Jungwirth

(Bamberg, 26. April 2018) Jörg Widmann-Festspiele bei den Bamberger Symphonikern. Gleich zwei Uraufführungen standen auf dem Programm des jüngsten Konzerts in der Konzerthalle Bamberg: der Liederzyklus „Das heiße Herz“ für Bariton und Orchester und die Zugabenkomposition „Bamberger Marsch“ – eine Bearbeitung des Bayerisch-babylonischen Marsches, den Widmann wiederum aus seiner Oper „Babylon“ extrahiert hatte.

Seit mehreren Jahren bereits vergibt das Orchester Aufträge an zeitgenössische Komponisten für Zugabenstücke. Passenderweise wurde dem Orchester an diesem Abend dann auch der Preis der Musikverleger für das beste Programm der Saison überreicht. Der Einsatz fürs Neue und auch Zeitgenössische wird auf diese Weise gewürdigt und soll motivierend für andere Orchester sein.

Längst ist der Münchner Komponist Jörg Widmann zu einer Art Telemann des 21. Jahrhunderts avanciert. Kaum ein Orchester von Rang, das nicht eines seiner Werke auf- oder sogar uraufgeführt hat. Bei vielen Ensembles war Widmann Komponist in residence, viele haben Werke bei ihm in Auftrag gegeben. Nicht weniger als drei Orchester bestellten bei ihm nun die Orchestrierung des von 2013 stammenden Liederzyklus‘ „Das heiße Herz“! Die Nachfrage nach Werken aus Widmanns Feder ist enorm. Demnächst steht eine Uraufführung bei den Berliner Philharmonikern an – ein Abschiedsstück für Simon Rattle und auch ein Violinkonzert für seine Schwester Carolin will vollendet werden (uraufgeführt wird es unter Widmanns Leitung vom Tokyo Symphony Orchestra). Dazu tritt er als Klarinettist und Dirigent beinahe jeden Tag irgendwo anders auf. Kein Wunder, dass Widmann ein wenig gestresst wirkte, als er am Ende des Liederzyklus‘ auf der Bühne erschien.

Die für den Liederzyklus ausgewählten acht Gedichte stammen von Klabund, Heine, Brentano, Härtling sowie aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ und wechseln zwischen elegisch-melancholisch und grotesk-ironisch. Für beides besitzt Widmann ganz offensichtlich eine Vorliebe, die er ebenso lustvoll wie effektvoll musikalisch in Szene zu setzen versteht. Manchmal wirkt die orchestrale Ausgestaltung allerdings etwas überbordend, so als wären die kompositorischen Gäule mit ihm durchgegangen – was dazu führt, dass Christian Gerhaher, dem Widmann den Zyklus auf den Leib bzw. auf die Stimmbänder komponiert hat, manchmal seine liebe Not hat, sich dagegen zu behaupten. Demungeachtet agiert der Sänger wie immer auf höchstem interpretatorischen Niveau zwischen emotionaler Identifikation und kritischer Reflexion mit nuancenreichem Bariton. Und Jakub Hrusa leitet die Bamberger überaus versiert und mit viel Gespür für die Vielgestaltigkeit dieser Musik. Wobei er es mit dem Spaß glücklicherweise nicht übertreibt.

Wenn das Riesenorchester neoromantisch aufrauscht, streift es schon mal die Grenzen zum Kitsch wie in „Einsam will ich untergehen“ oder auch in „Kartenspiel“, das ein wenig nach Filmmusik der 60er Jahre klingt. Widmann, das musikalische Chamäleon, lässt seine Musik in diesem Zyklus in allen Farben des kompositorischen Regenbogens schillern: Alban Berg klingt deutlich an in „Der arme Kaspar“ und „Eifersucht“ – auch in der Behandlung der Singstimme – das „Späte Liebeslied“ nach Härtling klingt musicalhaft, 20er Jahre-Chansons hört man in Klabunds „Liebeslied“, das als einziges Lied des Zyklus‘ in der Klavierfassung bleibt. Vielleicht sollte Widmann tatsächlich mal ein Musical schreiben…

Abgesehen von den verblüffenden handwerklichen Finessen und gewiss auch tieflotenden musikalischen An- und Ausdeutungen bleibt Widmann mit dieser Musik aber wie in einer musealen Blase. Man vermisst das wirklich Eigene, den ganz persönlichen Ton in diesem Stilfeuerwerk. Aber das Problem zeigt sich immer wieder bei Widmann trotz oder eher wegen all seiner Kunstfertigkeiten. Und der Marsch? Er kracht und poltert nach einer Musicaleinleitung nur so vor sich hin, auf dass man sich ob der schrägen Töne auf die Schenkel klopft. Auch die Franken haben die „Holzhackerbuam“ erkannt – aber auf die Schenkel geklopft haben sie sich nicht. Der derbe oberbayerische Humor ist nicht so sehr ihre Sache.

Zum Höhepunkt des Konzerts wurde aber schließlich Brahms‘ dritte Symphonie. Die geschmeidige Balance zwischen Holzbläsern und Streichern, die vollkommen homogenen dynamischen Abstufungen, das fließende Melos, das doch nie dicklich wirkte, all das ist beispielhaft und in seiner klanglichen Qualität kaum zu überbieten. Hrusa hat eine Gabe, diesen sehr besonderen Klang aus dem Orchester hervorzuzaubern.

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