Wettbewerbs-Tagebuch

Der 64. Internationale Musikwettbewerb der ARD – Wettbewerbstagebuch

Das dritte Preisträgerkonzert des ARD-Musikwettbewerbs
Von Klaus Klachschmid
(München, 18. September 2015) – Wer die vier Finali beim 64. Internationalen Musikwettbewerb der ARD gehört hatte, der erwartete beim dritten Preisträgerkonzert im Herkulessaal keine Überraschung mehr. Gespannt aber war man auf die offizielle Vorstellung des neuen künstlerischen Leiters, der am Nachmittag noch schnell in einer Presseerklärung benannt worden war. Am Abend wurde vor laufenden Kameras für den Video-Livestream und die TV-Übertragung am 24. September (23.25 Uhr) zwar der scheidende künstlerische Leiter Axel Linstädt verabschiedet, der nach neun Jahren höchst erfolgreicher Arbeit in den Rundfunkrat wechselt, aber der neue mit keinem Wort erwähnt oder gar auf die Bühne gebeten. Selbst bei der Preisverleihung und dem Empfang danach in der Allerheiligen Hofkirche fiel lediglich kurz der Name Martin Ullrich.
Nur wer den Präsidenten der Nürnberger Musikhochschule und Vorsitzenden der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen kennt, konnte ihn ansprechen und einen sympathischen, wachen, eloquenten Mann erleben, von dem sicher neue Impulse für diesen bedeutenden Musikwettbewerb ausgehen, der dank seiner 21 Fächer auch enorm vielfältig und strahlkräftig ist. Ulrich ist bestens vernetzt, was junge Studentinnen und Studenten der klassischen Musik – und damit die potentiellen Teilnehmer beim ARD-Musikwettbewerb – angeht und wohl der rechte Mann für seinen neuen Posten auch dank seines Forschungsschwerpunkts zum Verhältnis von Musik und digitalen Medien und als Professor für Interdisziplinäre Musikforschung an der Nürnberger Musikhochschule, innerhalb derer innovative musiktheoretische, musikhistorische und interdisziplinäre Fragestellungen behandelt werden.
Weil man diese wichtige Personalie aber quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit publik gemacht hatte, konzentrierte sich im Herkulessaal alles doch noch auf die vier ersten Preisträger:
Beim Finale war er der Dritte und Letzte, der das bezaubernde, wunderbar kantable Concertino für Posaune und Orchester von Ferdinand David spielte – schöner und souveräner als seine Vorgänger. Nun verblüffte der erst 22-jährige Brite Michael Buchanan einmal mehr mit ebenso jugendfrischem wie warmem Posaunenton, nicht zuletzt in der ergreifenden Marcia funèbre. Sébastian Jacot spielte das Flötenkonzert D-Dur op. 283 von Carl Reinecke auf seiner Holzflöte wieder sehr feinsinnig und ebenfalls im langsamen Satz am berückendsten.
Noch eine Spur gelöster, musikantischer und ausgelassen mutiger als im Finale boten Alina Shalamova und Nikolay Shalamov dann Mozarts Konzert für zwei Klaviere und Orchester Es-Dur KV 365 – eine Offenbarung voller Witz und pianistischem Elan, aber im langsamen Satz im Dialog mit der Oboe auch von größter Innigkeit.
Leider kann man von einer Steigerung und einer gelösten Kür nach soviel anstrengendem Wettbewerb bei der Sopranistin Emalie Savoy nicht sprechen. Dabei konnte sie in jeder der vier Wettbewerbsrunden mit viel Bühnenpräsenz und musikalischer Vergegenwärtigung der verschiedensten Charaktere und musikalischen Stilistiken begeistern. Noch immer berührte zwar ihr „Lied an den Mond“ Rusalkas tief, nicht zuletzt durch eine exellente Diktion, und sprühte die Juwelenarie der Marguerite aus Gounods „Faust“ vor unbedingter Gier nach Leben. Aber die Amerikanerin wagte sich mit ihrem schönen Material stimmlich und in der Expression gefährlich an hör- und spürbare Grenzen und gab immer mehr als eigentlich nötig wäre. Da wirkt hoffentlich ein verantwortungsbewußter Lehrer in Zukunft korrigierend und dämpfend, dann könnte Emalie Savoy ein erfolgreicher Weg auf den Opernbühnen der Welt offenstehen.
Das letzte Finale: Flöte
Von Klaus Kalchschmid
(München, 13. September 2015) Wie schon im Finale Posaune oder bei den Klavierduos gab es wieder den direkten Vergleich mit ein und demselben Konzert: Bereits 84 Jahre alt war Carl Reinecke, als er zwei Jahre vor seinem Tod das Flötenkonzert in D-Dur op. 283 komponierte. Alle drei Finalisten präsentierten sich mit diesem aparten, oft sehr elegisch-melancholischen und immer noch spätromantischen Stück von 1908 im Herkulessaal der Residenz. Wieder verblüffte, wie unterschiedlich ein und dasselbe Werk klingen kann.
Von 60 angetretenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern blieben also drei Männer übrig. Der Jüngste unter ihnen, der 23-jährige Eduardo Beimer aus Spanien, derzeit Soloflötist der Badischen Staatskapelle Karlsruhe, fiel schon im Semifinale mit einem sehr lebendigen und differenziert gespieltem A-Dur-Konzert von C. Ph. E. Bach auf und einer spannenden und sehr präzisen, notengetreuen Darbietung des fein flirrenden zweisätzigen Auftragswerks von Salvatore Sciarrino mit dem Titel „Autostrada prima di Babilonia“. Im Finale war er leider etwas nervös, lief so dem Symphonieorchester des BR in den schnellen Ecksätzen immer etwas davon, was der sonst so aufmerksame Jun Märkl nicht korrigieren konnte oder wollte. Immerhin bekam er – zu Recht – einen dritten Preis.
Sein Landsmann Francisco López Martín errang den Publikumspreis und die Auszeichnung für die beste Interpretation des Auftragswerks, hätte eigentlich aber auch einen ersten und nicht nur den zweiten Preis verdient, denn der 29-Jährige, erster Flötist im Opernhaus von Göteborg, musizierte als Einziger der drei Finalisten wirklich bei jeder Phrase in symbiotischer Einheit oder im wachen Dialog mit dem Orchester und nicht mehr oder minder für sich. Dazu konnte er großräumig gestalten und besaß einen flexiblen, schönen, facettenreichen Ton.
Sébastian Jacot, ab kommender Spielzeit erster Flötist im Gewandhausorchester Leipzig, bekam den Preis des Münchener Kammerorchesters für das beste gemeinsame Musizieren mit Bach im Semifinale. Diese sowie die ersten und zweiten Runden haben wohl nicht zuletzt den Ausschlag dafür gegeben, dass der 28-jährige Schweizer den ersten Preis erringen konnte. Allerdings war seine zart-schwebende, ausdrucksvolle Deutung des Largo con sordini in h-moll, das einem Trauermarsch nicht unähnlich war, tatsächlich exzellent.
Am 16., 17. und 18. Sepember finden jeweils um 20 Uhr die drei Preisträgerkonzerte statt. Sie werden via www.ard-musikwettbewerb.de
auch als Video-Livestream übertragen. Die Programme stehen fest und können ebenfalls im Internet abgerufen werden.
Das Finale Gesang – Emalie Savoy gewinnt einen ersten, Sooyeon Lee einen zweiten und
Marion Lebegue einen dritten Preis

(München, 13. September 2015) Vier glückliche Finalistinnen und sieben nicht minder strahlende und die Sängerinnen umarmende Jurorinnen und Juroren gab es am Ende im Fach Gesang. „Singen kommt von Sagen“ verkündete der Jury-Vorsitzende Robert Holl vor der Bekanntgabe der Preise im Prinzregententheater, zitierte Richard Wagner („Singen ist die leidenschaftlichste Form des Sprechens“) und rief erst einmal Suzanne Fischer zu sich sowie die Jury-Kollegen Helen Donath, Konrad Jarnot, Thomas Moser, Gabriele Schnaut, Anja Silja und Stephen Varcoe auf die Bühne. Die Britin habe zwar keinen Preis bekommen, aber am Finale teilzunehmen, sei schon eine hohe Auszeichnung. Und man kann nur hinzufügen: Wie wahr!
Suzanne Fischer hatte mit Mozarts Zaide, Bergs „Lied der Lulu“ und Donizettis Norina („Don Pasquale“) die Bandbreite ihres Fachs, der sich als hoher lyrischer Sopran beschreiben ließe, voll ausgereizt, besitzt eine runde, sichere Höhe, die aber in der oberen Mittellage manchmal etwas scharf klingt und vermochte doch nicht ganz an das Spektrum und die Qualität des Singens heranzureichen, das Marion Lebegue zuvor demonstriert hatte. Die Mezzosopranistin hatte verzweifelte Frauen in Opern aus drei Jahrhunderten ausgewählt: zuerst die todessüchtige Klage der verlassenen Dido Purcells, dann Brittens soeben vergewaltigte Lucretia und schließlich Massenets von ihren Gefühlen zerrissene und um Werther bangende Charlotte: Drei Charaktere in unterschiedlichen musikalische Stilistiken musste und konnte die Französin prägnant singend darstellen, vor allem die Szene der im Innersten ver- ja zerstörten Lucretia gelang ihr markerschütternd. Sie bekam dafür den dritten und den Preis für die beste Interpretation des heiklen Auftragswerks von Chaya Czernowin im Semifinale.
Dann wurde es noch einmal richtig spannend, denn Sooyeon Lee aus Südkorea hatte mit ihrem lyrischen Koloratursopran ein ungeheuer beseeltes „Caro nome“ der Gilda aus Verdis „Rigoletto“ und eine gestochen scharfe, rotglühend gleissende Königin der Nacht („O zittre nicht, mein lieber Sohn“) gesungen, aber Georg Friedrich Händels „Rejoice greatly“ in nicht gerade akzentfreiem Englisch und etwas gehemmt dargeboten. Dafür bekam sie den zweiten und den Publikumspreis.
Emalie Savoy aber, die aufs Ganze und an die Grenzen ihres bereits erstaunlich jugendlich-dramatischen Soprans gegangen war, erhielt völlig zu Recht den ersten Preis. Phänomenal die Unmittelbarkeit, mit der sie ungewöhnlich aggressiv die Wut der Gräfin im Rezitativ ihrer Arie aus dem dritten Akt von Mozarts „Figaro“ über die Untreue des Gatten herausgeschleudert hatte und dann das „Dove sono“ fast erschöpft und rastlos sang, bevor sie am Ende wieder einen – vielleicht allzu – großen Ausbruch wagte, der ihrer Stimme etwas den Fokus und die Wärme nahm. Zuvor hatte die US-Amerikanerin allerdings Rusalkas „Lied an den Mond“ mit einer großen Bandbreite an Gefühlen und leuchtenden Spitzentönen gesungen. Danach ließ sie Szene und Arie der Agathe („Wie nahte mir der Schlummer“) aus Webers „Freischütz“ folgen: ein Wechselbad der Gefühle einer jungen Frau, die in die Nacht hinausschauend den Geliebten herbeisehnt, bange erwartet, für ihn betet und schließlich euphorisch begrüßt. Das alles gestaltete Savoy nicht nur in makellosem, absolut wortverständlichem Deutsch, sondern ließ den Zuhörer bei jeder Phrase mitfiebern und am Ende beinahe Tränen des Glückes weinen.

Keinen geringen Anteil an diesem wunderbaren Finale im Fach Gesang hatte das großartige Münchner Rundfunkorchester, das sich einmal mehr als veritables, erfahrenes Opern-Orchester erwies und von Purcell bis Britten und Berg über Mozart und die Romantik minutenschnell die Jahrhunderte wechseln konnte und dank Darrell Ang am Pult ebenso hellwach reagierte wie stets plastisch ausgeformt und wunderbar ausdrucksvoll spielte.   
Im Finale Klavierduo beim ARD-Musikwettbewerb gab es einen unbestrittenen Sieger
(München, 11. September 2015) Es ist zwar eine Binsenwahrheit, aber bei Mozart trennt sich eben doch die Spreu vom Weizen, egal ob ein Orchester musiziert, jemand singt oder Klavier spielt. Wenn dann beim Finale im Herkulessaal der Residenz auch noch ein einziges Konzert von allen vier Klavierduos gespielt werden muss, traut man seinen Ohren nicht.
Anfangs glaubte ich, dass der Sinn für das Plastisch-Theatralische, die Kunst der lebendigen Phrasierung, die flexible, immer sinnhafte Schattierung der Dynamik im Dienste der Musik, wie sie das Duo ShinPark hören ließ, nicht zu übertreffen sei. Aber dann war am Ende das Konzert für zwei Klaviere und Orchester Es-Dur KV 365 ein viertes und letztes Mal zu hören: von Alina Shalamova aus Bulgarien und Nikolay Shalamov aus Russland. Und jetzt kam man aus dem Staunen nicht heraus. Denn soviel musikalische Logik, soviel Witz aus der Musik herauszulesen, eine Kadenz so musikalisch sinnvoll zu gestalten – dazu gehört gewaltig viel Einfühlungsvermögen und große musikalische Kunst. Das Andante war herrlich singend phrasiert und in weitgespannten Bögen gedacht, von der perfekten Klangbalance gar nicht zu reden. Und im dritten Satz warfen sich die beiden Pianisten mit den musikalischen Phrasen nur so die Bälle zu. Dafür gab es vollkomen zu Recht nicht nur den ersten, sondern auch den Publikumspreis (und zudem noch den Sonderpreis für die beste Interpretation des Auftragswerks „Binary“ im Semifinale).
Das Duo Ani und Nia Sulkhanishvili – Zwillingsschwestern aus Georgien – fassten das Mozart-Konzert ganz anders auf, spielten schon den Kopfsatz sehr dicht und zart modulierend, außerdem überaus  legato, aber oft allzu verhalten. Mit der Zeit fehlten dann doch Esprit und plastischer Ton, den die Südkoreaner zuvor so schön entfaltet hatten. Aus dem langsamen Satz wurde so ein allzu spannungsarmes Gebilde. Trotzdem wurden beide Ensembles gleichplatziert und jeweils mit einem zweiten Platz ausgezeichnet. Dass das Klavierduo Lok Ping & Lok Ting Chau  – zwei Hong-Kong-Chinesinnen – überhaupt einen Preis (den dritten) bekam, ist wohl auf ihre hervorragende Leistung im Semifinale zurückzuführen, denn so indifferent, unterkühlt, ja manchmal hart, oft zu leise, dann wieder unvermittelt laut, sie Mozart spielten, war keinesfalls preisverdächtig.  
Semifinale Gesang
Von Klaus Kalchschmid

(München, 10. September 2015) Wann immer Gesang beim ARD-Musikwettbewerb auf dem Programm steht, ist der Andrang schon ab den ersten Runden so groß wie sonst nur noch bei Streichquartett. Wer seit dem ersten Durchgang das Fach Gesang eifrig verfolgte, und das waren nicht wenige, wie die hohe, nicht im Mindestens zu befriedigende Nachfrage nach Platzkarten im Studio 2 des BR bewies, der hatte wohl auch seine Favoriten beim Semifinale im Prinzregententheater mit dem exzellenten Münchner Rundfunkorchester unter dem nicht minder charismatischen und in allen musikalischen Stilrichtungen versierten Darrell Ang. Und er stimmte wohl nicht immer überein mit den Entscheidungen der Jury unter dem Vorsitz von Robert Holl mit Helen Donath, Konrad Jarnot, Thomas Moser, Gabriele Schnaut, Anja Silja und Stephen Varcoe. Sie ließ von sechs Sängerinnen und zwei Sängern nur vier (von fünf möglichen) zum Finale am Samstag (16 Uhr) im Prinzregententheater zu, das auch im Livestream via www.ard-musikwettbewerb.de übertragen wird. Manchmal allerdings war wohl die Realisierung des heiklen Auftragswerks von Chaya Czernowin, das von einigen nicht bewältigt wurde, das Zünglein an der Waage, da hatte manch ein Zuhörer freilich schon die Flucht ergriffen. Doch dazu später.

Nur in einem Fall dürfte es allgemeine, ungeteilte Zustimmung gegeben haben: Denn Emalie Savoy aus den USA brachte soviel Bühnenpräsenz, Ausstrahlung, Musikalität, technische Perfektion und einen ebenso schönen wie klaren, großen Sopran mit, dass Mozarts Konzertarie „Vado, ma dove? Oh Dei!“ dramatischen Furor entfachte und die Juwelenarie aus Gounods „Faust“ ein Gretchen voll bedingungsloser Begeisterung und Selbstbewusstsein hören ließ.

Auch die Australierin Siobhan Stagg, an der Deutschen Oper Berlin engagiert, begeisterte mit dieser Arie, sang sie mit ihrem reichen lyrischen Timbre naturgemäß inniger, staunender und introvertierter, bezauberte auch als Händels Cleopatra („Piangerò la sorte mia“). Leider wurde sie nicht zum Finale zugelassen, wie auch keiner der beiden Männer: der fulminante Countertenor Siman Chung und der nicht minder hervorragende Bassist Sebastian Pilgrim. Denn der Südkoreaner besitzt einen intensiven, bereits ausnehmend gut geschulten und schon reifen männlichen Mezzo, der im Piano – wie bei „Sweet Rose and Lily des Didymus aus Händels „Theodora“ – ebenso trägt wie bei strahlenden Spitzentönen im Forte bei „Di tanti palpiti“ von Rossinis Tancredi. Der deutsche Bass – Ensemblemitglied des Mannheimer Nationaltheaters – erreichte nicht ganz das Niveau der Vorrunden, in denen er auch eine schöne, schwarze Tiefe zeigen konnte. Dennoch war sein Osmin von abgründiger Komik und die Klage des Fiesco um seine Tochter aus Verdis „Simon Boccanegra“ ergreifend gestaltet und balsamisch gesungen. 

Die Britin Suzanne Fischer lotete die Abgründe im Monolog der Gouvernante („How beautiful it is“) aus „Turn of the Screw“ ihres Landsmanns Benjamin Britten wunderbar vielschichtig aus, wirkte aber im „Caro nome“ der Gilda aus Verdis „Rigoletto“ ein wenig, als ob sie ihre schöne Stimme unnötigerweise künstlich aufhellte. Ähnlich ambivalent war Marion Lebegues Leistung: Einerseits verkörperte die Französin mit rundem, schönem Mezzo einen überzeugend leidenschaftlichen Komponisten aus der „Ariadne auf Naxos“ von Strauss, war aber in der Seguidilla der Carmen nicht sehr verführerisch. Beide kamen ins Finale, wie auch Sooyeon Lee aus Südkorea, deren heller Sopran im „Ruhe sanft“ aus Mozarts „Zaide“ etwas zu kontrolliert schien, was allerdings perfekt zum Couplet der Puppe Olympia aus Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ passte.

In zwei Blöcken mussten alle sechs Semifinalisten „Frauenhaarfarn (I)“ von Chaya Czernowin „für Stimme und Atem“ wiedergeben, eine intime „Studie zur Fragilität“, in der mehr gehaucht und leise gekrächzt und gezischt wurde als gesungen. Die anwesende Komponistin erklärte selbst ihr Stück als eine „Innenschau“ und dass sie „fast von einem pflanzlichen Sein“ bestimmt sei. Im Vorwort zur Partitur schreibt sie weiter: „Es handelt sich um eine Art Skizze, deren umrisse von Stimme und Atem wie von einem feinen Pinsel konturiert werden. Obwohl die Zeichnung nur aus Linien besteht, die sich aus Wasser (Atem) und Farbe (Stimme) zusammensetzen, entsteht aus vielen Linien doch eine Landschaft.“ Je präziser das Stück dargeboten war, desto überzeugender wurde es und wirkte im besten Falle wie eine Aeolsharfe; nämlich immer dann, wenn (akustisch verstärkt) beim Aus- und Einatmen auf diversen Vokalen und Konsonanten in den vorgeschriebenen Glissandi und melodischen Bögen Klänge entstanden, die an Windhauch erinnerten.

Das hatte Siman Chung leider gar nicht verstanden, während Sebastian Pilgrim, der das Stück in der Originalfassung für Bass singen durfte, weitaus mehr überzeugte. Emalie Savoy nahm sich zwar Freiheiten bei der Realisierung der Partitur und reizte die Dynamik vor allem nach oben dramatisch aus, vermochte das Ganze aber sehr intensiv und musikalisch zu gestalten. Auch Suzanne Fischer und Marion Lebegue standen keineswegs ratlos vor der fast graphischen Partitur, sondern gestalteten sie, wie von der Komponistin intendiert, als ein feines Gespinst aus oftmals kaum wahrnehmbaren Fäden.
Finale im Fach Posaune

(München, 9. September 2015) Es war ein ebenso schönes und elegantes wie kurzweiliges, nur zwanzig Minuten langes faszinierendes Stück mit drei ineinander übergehenden Sätzen, das man gerne dreimal hintereinander hörte von allen drei Finalisten im Fach Posaune beim diesjährigen ARD-Musikwettbewerb im leider nur schütter besetzen Herkulessaal der Residenz: das eminent gesangliche Konzert für Posaune und Orchester Es-Dur op. 4 von Ferdinand David (1810-1873); jeweils begleitet vom Symphonieorchester des BR unter Jun Märkl, der stets souverän zwischen Orchester und Solisten vermittelte und auf perfekte Klangbalance im und mit dem Orchester achtete.

Der 27-jährige Konzertmeister des Gewandhausorchesters in Leipzig, der selbst fünf Violinkonzerte komponierte und die Uraufführung von Felix Mendelssohns e-moll-Konzert spielte, das ihm gewidmet ist, schrieb es 1837 für einen befreundeten Posaunisten, der mit ihm im Gewandhausquartett musizierte. Es war eines der ersten – und bis heute äußerst seltenen – Solo-Konzerte für dieses Blechblasinstrument, in dem zwei ebenso luzide wie glanzvolle, nicht ohne Grund „Allegro maestoso“ überschriebene Ecksätze voller Esprit eine schlichte, aber um so ausdrucksvollere Marcia funèbre rahmen.
Zwei Franzosen waren vor der Pause zu hören: Zuerst der 29-jährige Guilhem Kusnierek, seit 2010 stellvertretender Solo-Posaunist der Deutschen Radio-Philharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern. Er bekam für seinen durchaus soliden, musikalisch und technisch aber nicht immer überragenden Vortrag den dritten Preis, während sein zwei Jahre jüngerer Landsmann Jonathan Reith, erster Solo-Posaunist beim Orchestre de Paris, noch flexibler und modulationsreicher im Ton spielte, weicher im Bass und wärmer bei den hohen Tönen klang. Auch in Dynamik und Phrasierung war er noch überzeugender. Mit diesen Qualitäten war er auch schon im Semifinale durchaus ein Favorit. Der Trauermarsch des langsamen Mittelsatzes gelang ihm überdies wunderbar schwebend und innig schwermütig. Dafür verlieh ihm die siebenköpfige Jury einen zweiten Platz.

Doch dann kam der erst 22-jährige Brite Michael Buchanan, auch er seit einem Jahr bereits Solo-Posaunist – im Orchester der Scottish Opera Glasgow und regelmäßiger Gast in dieser Position beim Philharmonia Orchestra London. Schon bei den ersten Tönen wehte noch einmal ein ganz anderer, ebenso subtiler wie frischer Wind durch diese wunderschöne Musik, hörte man eine noch größere Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit der Tonerzeugung und ein noch freier ausschwingendes Forte – gerade bei Spitzentönen.
Für diese souveräne Leistung, die wie ein Kinderspiel wirkte, bekam der junge Michael Buchanan den ersten Preis und den Publikumspreis! Vielleicht täuschte deshalb der Höreindruck etwas, aber es schien, dass auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks jetzt noch eine Spur lebendiger, ja aufgekratzter spielte.    

Klavierduo-Marathon – Das Semifinale Klavierduo

(München, 8. September 2015) Je eine Stunde spielten sechs Klavierduos beim Semifinale in der Musikhochschule: zwischen 12 und 20 Uhr war das ein Marathon für alle Beteiligten. Am Ende kamen vier Duos ins Finale, bei dem sie am 11. September (20 Uhr) im Herkulessaal jeweils das Konzert Es-Dur KV 365 von Wolfgang Amadeus Mozart mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Jun Märkl spielen müssen. Zunächst aber hieß es noch einmal an einem Flügel zu vier Händen und an zwei Klavieren Technik, Musikalität und Homogenität des Klangs unter Beweis zu stellen, unter anderem mit dem Auftragswerk „Binary“ von Ferran Cruixent.
Das Duo ShinPark begann mit eher blassem Debussy zu vier Händen, vermochte aber mit der gewaltigen Sonate f-moll op. 43b von Johannes Brahms zu überzeugen. Sie entstand 1863/64 nach einem verschollenen Streichquintett noch vor der heute bekannten Fassung als Klavierquintett. Auch die georgischen Zwillingsschwestern Ani und Nia Sulkhanishvili – bereits 2008 als 20-Jährige preisgekrönt – musizierten exzellenten Brahms: die Haydn-Variationen op. 56b. Ungemein kontrastreich in den Charakteren der einzelnen Variationen gespielt, vermisste man in keinem Takt die Orchesterfassung.
Um 17 Uhr begannen die beiden Hong-Kong-Chinesinnen Lok Ping & Lok Ting Chau mit Samuel Barbers „Souvenirs“, seiner Suite für Klavier zu vier Händen op. 28. Das war in perfekter Balance zwischen Bass und Diskant ungemein plastisch musiziert, als würde eine einzige Musikerin spielen, dazu eminent ausdrucks- und charaktervoll in den einzelnen Teilen. Franz Liszts „Concerto pathétique“ spielten die beiden Damen danach einerseits hochvirtuos, konzertierten aber andererseits so schön, spannend und in perfekter Klang-Balance, dass nicht die Technik, sondern die musikalischen Zusammenhänge im Vordergrund standen. Als letzte konnten Alina Shalamova & Nikolay Shalamov ins Finale einziehen, obwohl sie Sergej Rachmaninows „Fantasie-Tableaux“, die Suite Nr. 2 op. 17 teilweise lediglich auf höchstmögliche Lautstärke und den größtmöglichen Effekt spielten, andererseits aber Claude Debussys „Petite Suite“ für Klavier zu vier Händen allzu kompakt und wenig differenziert darboten. Mehr Charme besaßen da die Schwestern Yuka und Ayaka Yamamoto aus Japan mit der Donizetti-Sonate, hatten mit den undankbaren Schumann-Variationen B-Dur op. 46 allerdings keine glückliche Wahl getroffen, weswegen sie letztlich wohl ausscheiden mussten. Denn die Auftragskomposition „Binary“, die alle sechs Duos spielen mussten, gelang ihnen durchaus überzeugend.
„Binary“ ist eine großartige, enorm effektvoll auskomponierten Studie von Ferran Cruixent über Gefahr und Faszination „der Medien in unserer mechanisierten und computergesteuerten Gesellschaft“ (so der Komponist im Vorwort zur Partitur); also ein Stück (auch) über den binären Code und mittlerweile allgegenwärtige Klingeltöne (die denn bezeichnenderweise am frühen Nachmittag auch sehr real und ungewollt den Vortrag manchen Duos störten). Viel Chromatik gab es in diesem schier unter Strom stehenden, brillanten Stück, dessen ganz leise Coda Ferran Cruixent tatsächlich (unter dem  Titel „Cyber Singing“) als einen Dialog mit zwei Smartphones komponierte, deren Zwischenrufe von zarten Glissandi an den Saiten des ersten Flügels und tonalen Akkord-Modulationen des zweiten Pianisten begleitet wurden.
Für mich setzten Lok Ping & Lok Ting Chau aus Hong Kong den Notentext am präzisestens um, spielten enorm durchsichtig und anfangs wirklich „meccanico, metronomico“. Sie ließen 32-tel-Figuren gläsern flirren, musizierten später tatsächlich „meccanico ossessivo“ oder „robotico“, waren auch in dynamischer Hinsicht enorm präzise und ließen ein auskomponiertes „Dial-Up“ tatsächlich als solches erklingen. Trotzdem vergaßen die beiden Schwestern nicht den dramaturgischen Aufbau der Musik, die oftmals unverhohlen Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ bis hin zum fast wörtlichen Zitat assoziierte. 
7 aus 25 – die Semifinalisten im Fach Gesang
(München, 6./7. September) 25 Sängerinnen und Sänger durften im zweiten Durchgang noch einmal mit drei Stücken Gesangs- und Ausdruckskultur sowie ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen. Einstudieren mussten sie laut diesjähriger Vorgaben des ARD-Musikwettbewerbs „zwei Lieder, davon eines aus dem 20. Jahrhundert und eins von Schubert sowie zwei Opern- oder Oratorienarien“. Drei davon suchte die Jury mit einer Vorsingzeit von etwa 20 Minuten aus.
Von den Teilnehmern am ersten Tag kam nur Suzanne Fischer weiter, die ich leider nicht hören konnte und Emalie Savoy. Sie begann den zweiten Durchgang mit einer zauberhaften Interpretation von Schuberts „Die junge Nonne“, die sie allmählich immer dramatischer werdend steigerte bis hin zum entrückten „Alleluja“. Wunderbar feinschimmerndes Piano offenbarte sie dann im „Ah! Si la liberté me doit être ravie“ aus Glucks „Armide“ und in „Pleurez mes yeux“ aus Massenets „Le Cid“.
Am zweiten Tag schafften es von den sechs Teilnehmern des Vormittags allein fünf. Siobhagg Stagg begann um 11 Uhr: Wieder beglückte ein kostbar reiches Sopran-Timbre, das vor allem in Mittellage und Höhe vielfach schillerte. Aber man wurde bei der stets verhaltenen Gestaltung der Australierin den Eindruck nicht los, dass sie unter ihren Möglichkeiten blieb. „An die Nacht“ von Richard Strauss sang sie zwar außerordentlich schön, aber indifferent phrasiert. Darauf folgte zweimal Shakespeares Julia, einmal in der Gounod-Oper „Roméo et Juliette“ („Je veux vivre“), das andere Mal in der Vertonung Vincenzo Bellinis („Eccomi in lieta vesta – Oh, quante volte“ aus „I capuleti e i Montecchi), aber auch hier dominierte der Schöngesang allzu sehr.
Bei Jae Eun Park war das genau umgekehrt: Sowohl in Franz Schuberts „Du bist die Ruh“ wie in Viktor Ulmmanns „Sag immer wieder“ (aus „Drei Sonette aus dem Portugiesische“) überzeugte eine reife Gestaltung und auch bei „Signore, ascolta“ der Liù aus Giacomo Puccinis „Turandot“ ließ die Südkoreanerin vergessen, dass ihre Stimme verhältnismäßig farblos ist. Das war vor allem im Vergleich mit Sooyeaon Lee zu hören, die ebenfalls Schuberts „Du bist die Ruh“ sang, noch eine Spur inniger, wortverständlicher und vor allem charismatischer. Es folgte eine souveräne, ungemein präzise in jedem Ton gesungene und gestaltete „Glöckchen-Arie“ aus Leo Delibes‘ „Lakmé“, die stets mehr war als eine reine Bravourarie.
Der fulminante Bassist Sebastian Pilgrim, bereits fest im Ensemble des Nationaltheaters Mannheim, verblüffte mit einer raffinierten Verschränkung des Mottos zu Beginn von Wolfgang Fortners Shakespeare-Songs („Macht mehr Musik und guten Morgen, Freunde“) mit Schuberts nicht minder bekenntnishaftem „An die Musik“. Darauf folgte der gewaltige, düstere Monolog Hagens aus Wagners „Götterdämmerung“, eine Partie, die der junge Bass bereits im März 2016 auf der Bühne der Oper in Budapest singen wird; und er zeigte im fast schwarzen Timbre und in seiner Gestaltung, dass man sich darauf freuen darf.
Wenig später begeisterte erneut der phänomenale Countertenor Siman Chung mit seinem hervorragenden Mezzo. Raffiniert auch hier schon die Auswahl der Stücke: „My Life’s Delight aus den „Seven Elizabethan Lyrics op. 12 von Roger Quilter und das herrlich tänzerische „Chudny son zhivoy ljubvi“ des Chasarenfürsten Ratmir aus Michail Glinkas „Ruslan und Ludmilla“. Ehemals war das eine reine Hosenrolle, wird heute aber aber immer häufiger von Countertenören gesungen, wovon man sich auf Youtube überzeugen kann. Schon hier beglückte der Südkoreaner mit einer sonoren Mittellage, hervorragender Tiefe und sicheren, klangvollen Spitzentönen. Dann aber steigerte sich Chung noch einmal und sang die berühmte Wutarie des Xerxes („Crude furie degli orridi abissi“) aus Georg Friedrich Händels „Serse“ mit einem solchen Furor und derart brillanten, blitzblanken Koloraturen, dass man ihm am liebsten gleich einen Preis gegeben hätte.
Leider kam die Deutsche Monika Rydz nicht ins Semifinale, obwohl sie nach Erich Wolfgang Korngolds „Die Welt ist stille eingeschlafen“ mit wunderbarem Charme, höchst ausdrucksvoll und mit einer apart dunkel angehauchten, gleichwohl lyrischen, ja fast Soubretten-Stimme die leichtfertige Manon Jules Massenets („Allons! Il le faut – Adieu notre petite table“) und Schuberts „Forelle“ sang. Dafür wählte die Jury die noch temperamentvollere französische Mezzosopranistin Marion Lebegue für das Semifinale aus. Nach einer üppig schwül-schwelgerischen „Nacht“ (Alban Berg) folgte „Ascolta! Se romeo t’uccise un figlio“ aus Vincenzo Bellinis „I capuleti e i Montecchi“ und dann das Sahnestück: die vor Attacke und Leidenschaft nur so strotzende Szene der Salud („Alli esta, Riyendo!“) aus Manuel de Fallas „La Vida Breve“.
Das bis auf wenige Restkarten (an der Abendkasse) ausverkaufte Semifinale im Prinzregententheater ist am 10. September (16 Uhr) per Video-Livestream über www.ard-musikwettbewerb.de zu verfolgen. Dann gibt es neben der heiklen, anspruchsvollen, aber spannenden Auftragskomposition „Frauenhaarfarn I“ von Chaya Czernowin „für Stimme und Atem“, die alle sieben Semifinalisten singen müssen, einen bunten Strauss Opern-Arien, begleitet vom Münchner Rundfunkorchester unter Darrell Ang. 
Drei Finalisten im Fach Posaune

(München, 6. September 2015) Verkehrte Welt: Nicht das sechsmal (!) zu hörende Konzert in B-Dur für Posaune und Streichorchester von Johann Gabriel Albrechtsberger machte beim Semifinale im Fach den meisten Spaß! Nein, es war das zeitgenössische Auftragswerk: das großartige Solostück von Christian Muthspiel, geboren 1962 – ebenfalls sechsmal zu hören! Als der Komponist zum letzten Block mit drei Interpretationen seines Stücks im Prinzregententheater begrüßt wurde, fiel der Beifall überaus herzlich und zustimmend aus, und man wüsste gerne, welche Interpretation ihm am besten gefallen hat. Denn das technisch und musikalisch höchst anspruchsvolle, aber auch ergiebige Solostück „Is My Shoe Still Blue?“ spielten zumindest vier der sechs Semifinalisten auf vergleichbar hohem Niveau. Manchmal rückten sie die technischen Finessen in den Vordergrund, manchmal den musikalischen Zusammenhang und nicht zuletzt den immer wiederkehrenden Blues-Charakter, oder sie waren ganz fokussiert auf eine äußerst genaue – auch rhythmische und dynamische – Umsetzung des Notentextes, was aber etwa dem Spanier Juan González Moreno leider auch nichts half. Immerhin konnte José Milton Vieira Leite Filho – beim Albrechtsberger reichlich nervös und nicht ins Finale zugelassen – den (Sonder-)Preis für die beste Interpretation des Auftragswerks mit nach Hause nehmen.
Waren schon 2007 die Entscheidungen beim Semifinale im Fach Posaune teilweise durchaus unergründlich, so konnte man auch dieses Jahr nicht alle Entscheidungen unmittelbar nachvollziehen. Vielleicht muss man selbst professioneller Posaunist mit langjähriger Erfahrung sein, um beurteilen zu können, warum der Niederländer Sebastiaan Kemner, der mit weichem, flexiblem Ton ein so schönes B-Dur-Konzert von Johann Georg Albrechtsberger gespielt hatte, nicht ins Finale zugelassen wurde, der 21-jährige Michael Buchanan aber schon. War dabei seine Jugend – und der Übermut, auch noch das Münchener Kammerorchester dirigieren zu wollen – ein besonderer Bonus? Guilhelm Kusnierek wurde Finalist vielleicht auch wegen seiner originellen Kadenzen im Kopfsatz und im Andante des Albrechtsberger-Konzerts.
Ein Posaunist allerdings überzeugte besonders: Denn dem 27-jährigen Franzosen Jonathan Reith gelang beides hervorragend: der Klassizismus des Albrechtsberger-Konzerts (das alle sechs Semifinalisten zusammen mit dem Münchener Kammerorchester spielten), bei dem vor allem der feine Ausdruck im langsamen Satz bestach, und das Auftragswerk, dem er nicht nur eine Fülle Nuancen entlocken konnte, sondern nie nur die technischen Hürden mühelos meisterte, sondern in jedem Takt überzeugend Musik machte.
Beim Finale am Mittwoch, den 9. September (18 Uhr) im Herkulessaal der Residenz wetteifern der Brite Michael Buchanan und die beiden Franzosen Jonathan Reith und Guilhem Kusnierek jeweils mit dem Concertino von Ferdinand David um eine Bestplazierung. Es spielt das Symphonieorchester des BR unter Jun Märkl.
III – Nur zwei von 18 Kandidaten schaffen es am 4. Tag des ersten Durchgangs im Fach Gesang in die zweite Runde

(München, 5. September) Große Enttäuschung am Ende des letzten Tags beim ersten Durchgang im Fach Gesang – wohl für alle Beteiligten, das zahlreiche Publikum eingeschlossen! Denn nur die – allerdings herausragende – Monika Rydz aus Deutschland und Marion Lebegue aus Frankreich schafften es in die zweite Runde.
Dabei begann dieser Tag mit einer exzellenten Französin – Camille Schnoor – und zumindest auch der Bariton Won Kim bewegte sich mit dem „Figaro“-Grafen und Wolframs „Lied an den Abendstern“ aus Wagners „Tannhäuser“ auf derselben Höhe wie die meisten der 25 Kandidaten, die zur zweiten Runde zugelassen wurden.
Berückend war schon das Timbre, ein dunkel leuchtender Sopran, den Schnoor im Rondo der Fiordiligi aus „Così fan tutte“ mit großem Ernst und einer sehr natürlichen Fähigkeit zum Ausdruck einsetzte, nicht minder überzeugend die große Szene der Traviata am Ende des ersten Akts („È strano! Sempre libera“). Einerseits gelangen ihr die Koloraturen nicht nur gestochen, sondern auch mit Ausdruck aufgeladen, andererseits konnte sie glaubhaft machen, wie da eine sterbenskranke, aber noch junge Frau plötzlich von der Liebe wie von einem Blitz getroffen wird.
Obwohl dem Südkoreaner Kim vielleicht das unverwechselbare, virile Timbre fehlte, gestaltete er doch den Zornesausbruch des Grafen („Hai già vinta la causa – Vedrò mentr’io sospiro“) aus Mozarts „Le nozze di Figaro“ mit wohldosierter Expression und fand, hervorragendes Deutsch singend, zu schön phrasierten Bögen in in Wolframs „Lied an den Abendstern“. Bei dessen Ankündigung durch den Sprecher der Jury bebte ein hörbar wohliger Schauer durchs Publikum, wie später der Hinweis, dass Monika Rydz das „Lied an den Mond“ der Rusalka aus Antonín Dvořaks gleichnamiger Oper singen würde, eine ähnliche Reaktion auslöste. Auch hier wurden die Zuhörer nicht enttäuscht und die selbstverständlich im tschechischen Original gesungene berühmte Arie offenbarte den samtig leuchtenden, wunderschönen lyrischen Sopran mit feinem Kern von Monika Rydz noch mehr als das gleichwohl äußerst kultiviert gesungene „Di tante sue procelle“ der Tamiri aus Mozarts „Il Re Pastore“.
Von 67 angetretenen Teilnehmern haben es also 25 zur zweiten Runde geschafft, die am Sonntag 6. und am 7. September (jeweils 11 und 16 Uhr) im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks stattfindet. Da der Publikumsandrang hoch ist, werden jeweils für die Vormittags- und Nachmittagsrunde (kostenlose) Platzkarten ausgegeben.
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Erste Entscheidungen im Fach Gesang
(München, 3. September) 28 (von insgesamt 65) Sängerinnen und Sänger haben in den ersten beiden (von vier) Tagen den ersten Durchgang im Fach Gesang absolviert. Die Hälfte (14) davon ließ die hochkarätig besetzte Jury am Ende des zweiten Tags bereits zum zweiten Durchgang zu. Robert Holl steht (für die erkrankte Ileana Cotrubas) als Vorsitzender an der Spitze der Jury mit Helen Donath, Anja Silja, Konrad Jarnot, Thomas Moser und Stephen Varcoe.
„Zwei Stücke freier Wahl, diese beinhalten eine Arie oder ein Lied von Mozart und eine Opern- oder Oratorienarie aus der Romantik“, lautet die Anforderung für den ersten Durchgang. Und Mozart war bei allen sechs Kandidaten wie nicht anders zu erwarten der entscheidende Prüfstein. Nur einer der sechs Kandidaten am Nachmittag des zweiten Tags konnte gerade bei Mozart so richtig punkten und verführte das Publikum im vollbesetzten Studio 1 des Bayerischen Rundfunks zu Applaus mitten in seinem Vortrag: Dong-Hyub Hong, der Leporellos sogenannte „Register-Arie“ aus dem „Don Giovanni“ mit seinem von sonorer Tiefe bis in leuchtende Höhe hinein flexiblen Pracht-Bassbariton so schamlos fies in den Raum schleuderte, dass man fast vergaß, wie beeindruckend er vorher Bancos ergreifendes „Come dal ciel precipita“ aus Verdis „Macbeth“ gesungen hatte.
Der junge slowakische Bariton Peter Mazalan war ein ganz anderes Temperament und beeindruckte mit Eugen Onegins sehr sanft und natürlich gesungener Entgegnung auf die glühende Liebeserklärung Tatjanas: nicht eine Spur überheblich, sondern verständnisvoll und tatsächlich fast wie ein Bruder antwortete da ein Mann auf die Gefühle eines Mädchens, die er einfach nicht erwidern kann. Doch in Guglielmos überheblicher Macho-Arie „Donne mie, la fate a tanti“ aus Mozarts „Così fan tutte“ musste und konnte Mazalan, Münchnern aus seiner Zeit beim Opernstudio der Bayerischen Staatsoper noch in bester Erinnerung, auch ganz andere Seiten aufziehen.
Mit JuHye Kim und Suzanne Fischer kamen zwei Soprane eine Runde weiter, die sich einerseits ähnlich waren, andererseits in Temperament und Ausdruck sehr verschieden. Hier die Koreanerin, die das wütende „Come Scoglio“ der Fiordiligi aus Mozarts „Così fan tutte“ zwar schön, aber allzu harmlos sang, und beim „Depuis le jour“ der Louise aus der gleichnamigen Oper von Charpentier etwas französische Eleganz vermissen ließ. Die Britin dagegen verblüffte mit feinem, schmerzvollem Ausdruck in Konstanzes „Ach ich liebte, war so glücklich“ aus der „Entführung“, artikulierte hervorragend, war enorm wortverständlich. Außerdem verführte sie durch eine zartherbe Einfärbung ihres Soprans, der freilich in der Höhe bei Léilas „Me voilà seule – Comme autrefois“ aus Georges Bizets „Les Pêcheurs de Perles“ (noch) leicht scharf klang.
Der erste Durchgang im Fach Gesang wird am 4. September (11 und 16 Uhr) sowie am 5. September (11 und 16 Uhr) im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks fortgesetzt. Da der Publikumsandrang hoch ist, werden jeweils für die Vormittags- und Nachmittagsrunde (kostenlose) Platzkarten ausgegeben.