Wesendonck Lieder Meier Chereau

Wesendonck Lieder in Szene

Waltraud Meier und Patrice Chereau zeigten in München eine wahrhaft bewegende szenische Version von Wagners Wesendonck-Liedern.
(München, 16. Mai 2010) Auf einem einzigen Stuhl im leeren Saal, der sonst die Veranstaltungen der Akademie beherbergt, sitzt eine in sich zusammengesunkene Frau. Erst später erkennt man das Gesicht von Waltraud Meier, das leicht zu zucken beginnt. Dann spricht sie die ersten Sätze ("In der Kindheit frühen Tagen hört‘ ich oft von Engeln sagen…) immer wieder anders in sich hinein, bevor sie zu großer Geste ausholt, das Niedersteigen des Engels und das himmelwärts Fliegen der Seele begleitend.

Wenn Patrice Chéreau in der Akademie der schönen Künste in München Wagners Wesendonck-Lieder mit Waltraud Meier (und den Pianisten Yaël Kareth und Karim Saïd) für eine Aufführung im Louvre probt und immer wieder mit einem Blick, einer Geste auf das Geschehen reagiert, dann findet Außergewöhnliches, Mutiges, Einzigartiges statt. Die inhaltliche und musikalische Nähe zum "Tristan", die musikdramatischen Kontraste, der mal zurückgenommene, dann wieder unverhohlen opernhafte Gestus dieser Lieder nach Texten von Wagners Geliebter Mathilde Wesendonck (der Frau seines Gönners) – all das, was bei Liederabenden immer etwas seltsam wirkt, bekommt mit einem Mal Sinn.

Noch immer hat Waltraud Meier keinen Ton gesungen, aus der Ferne nur klingt der Beginn des dritten Lieds herein, Musik aus der später Wagner das Vorspiel zum dritten Akts "Tristan" entfaltet, und selbst wenn das Klaviervorspiel zum Lied "Engel" beginnt, stoppt die Sängerin die Musik, muss sich erst sammeln, bevor sie endlich zu singen beginnt.

Dann aber erneut die Wahrnehmung des Publikums, das in einer Ecke steht. Meier nimmt immer wieder Blickkontakt auf, mischt sich unter die Menschen, bittet sie sprachlos, aber  mit großen Augen ihr zu folgen, zieht sie plötzlich vehement hinter sich her in den nächsten Raum, singt sie ganz direkt an, um wenig später – auch in den Bewegungen – wieder ganz in sich zu kreisen. Immer wieder hallt die Musik in der Ferne nach oder gerinnt das zweite Lied "Sausendes, brausendes Rad der Zeit!" zum niederschmetternd schmerzlich direkten Aufschrei, wird unterbrochen, wieder aufgenommen, fast tonlos beendet.

Am Ende gar weht das Tristan-Vorspiel herein, bevor Meier in "Träume" (von Wagner selbst "Studie zu Tristan und Isolde" genannt) auf dem Boden und wieder einen Raum weiter kauernd die Geste der ausgestreckten Hand wiederholt, mit der sie in Chéreaus Mailänder Inszenierung zur selben Musik des zweiten Akts Tristan ihre bedingungslose Liebe gestand (DVD-Kritik lesen).
Dann die Geste des Abschieds aus der Ferne, das letzte Wort "Gruft" nach 40 Minuten, wie sie intensiver, aufregender, intimer nicht sein könnten.

Klaus Kalchschmid

"Wesendonk"-Lieder mit Waltraud Meier im Louvre, Paris, 9. November 2010 innerhalb einer Patrice Chéreau gewidmeten Retrospektive u.a. mit allen seinen Filmen: 2. November bis Ende Januar 2011.
www.louvre.fr

Eine weitere Besprechung des Abends von Gabriele Luster:

Patrice Chéreau selbst stößt die Flügeltür auf, gewährt den Neugierigen Einlass in einen leeren Saal der Münchner Residenz. Auf einem Stuhl an der Wand sitzt Waltraud Meier: Eine Somnambule, in sich versunken, der Welt abhanden gekommen.
Folgsam formieren sich die Zuhörer hinter der Absperr-Kordel und warten darauf, dass jenes Experiment beginnt, dass der französische Star-Regisseur und die deutsche Kammersängerin in den Räumen der Bayerischen Akademie der Schönen Künste erarbeitet haben: Richard Wagners Wesendonck-Lieder als ein bewegtes, bewegendes Erlebnis von Raum und Zeit, Klang und Wort.

Konzipiert hat Chéreau die Interpretation für den Pariser Louvre. Der Regisseur des Bayreuther Jahrhundert-"Rings" entschloss sich, mit der Traum-Isolde seiner Mailänder "Tristan"-Inszenierung die "Wesendonck-Lieder" neu zu fassen. Und Waltraud Meier mit jenen, schon von "Tristan"-Harmonien ahnungsvoll durchzogenen Gesängen ihre Zuhörer tatsächlich berühren zu lassen.
Zunächst muss die Sängerin "erwachen", angstvoll, verschreckt. Von Ferne wehen zarte Wagner-Klänge herein, kündigen "Der Engel" an und die Verstörte erinnert sich: "In der Kindheit frühen Tagen…" Noch sucht sie die Worte, spricht, verstummt, bis sich schließlich der Gesang Bahn bricht – jetzt begleitet vom Flügel im Raum. Hoch emotional und mit großer Geste lässt sie den Engel herniedersteigen, löst die Absperrung, tritt unter die Zuhörer, packt sie an Händen und Armen und singt ihnen ihre Erlösung entgegen: "Ja, es stieg auch mir ein Engel nieder…".
Aufgebracht, verzweifelt, verstört kauert die Meier – ganz große Tragödin im fließenden, bodenlangen Gewand – zwischen den Türen zum nächsten Saal. Überwältigt vom "Sausenden, brausenden Rad der Zeit" beschwört sie mit machtvollem Ton die "heil’ge Natur" ("Stehe still!") und lockt die staunenden Zuhörer dann ins tristanische "Treibhaus".
Während Klänge aus nah und fern sie umgeben, sucht die Meier (exzellent in Diktion und Intonation) die Nähe zu den Menschen, bevor das Licht erlischt und sie in den nächsten Saal flieht: Von "Schmerzen" erfüllt, die sie Sonnenauf- und -untergang, Leben und Tod beschwören lassen. Derweil sie in den dritten Saal läuft, lauern ihre Zuhörer zunächst vor der Tür, werfen die Pianisten sich gekonnt Melodie-Schnipsel zu.
Versunken in "Träume" sinkt die Meier zu Boden, scheint sie die Erde aufzubrechen "…wie wenn Frühlingssonne aus dem Schnee die Blüten küsst,…". Zum finalen "sinken in die Gruft" verliert sich die Sängerin langsam in der Raumflucht der Residenz.

Das Publikum, bewegt und mitgenommen in die Gefühlswelten Richard Wagners und Mathilde Wesendoncks, Waltraud Meiers und Patrice Chéraus, feierte die Interpreten mit Applaus und Bravi.
Gabriele Luster


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