Weltkriegsmusik in Venedig

Wo die Romantik aufhört

Die Stiftung Palazetto Bru Zane präsentiert in Venedig bis zum 28. April eine Reihe von Konzerten mit Musik aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und danach

Von Laszlo Molnar

(Venedig, Anfang April 2019) Sitz in Venedig, Ursprung in Paris, Aktivitäten an beiden Orten – dennoch ist sie dem Münchner Publikum nicht fremd: die Fondation Bru Zane. Genauer deren musikalische Aktivitäten unter dem Namen Palazetto Bru Zane (Klassikinfo berichtete). Der Mitwirkung von Palazetto Bru Zane – Centre de Musique romatique francaise hat München die – wenn auch konzertanten – Aufführungen so wenig gespielter Opern wie „Le Tribut de Zamora“ von Charles Gounod zu verdanken, „Dante“ von Benjamin Godard oder „Cinq Mars“ von Charles Gounod. Das Münchner Rundfunkorchester ist dem „Palazetto“ ein wichtiger Partner für die Verwirklichung seiner Aufgabe, der französischen Musik der Romantik aus der Zeit von 1780 bis 1840 zu der Geltung zu verhelfen, die ihr nach Meinung des künstlerischen Leiters des „Palazetto“, Alexandre Dratwicki, gebührt.

Um dies zu erreichen, arbeitet die „Equipe“, das Team des Palazetto das ganze Jahr über, veranstaltet Konzerte, Tagungen, Festivals. In Paris finden vor allem die Aufführungen der vom Palazetto betreuten Entdeckungen und Ausgaben der kaum mehr bekannten Opern, siehe oben, statt. Auf diesem Gebiet ist das Jahr 2019 vor allem Jaques Offenbach, der vor 200 Jahren geboren wurde. Dessen Position zwischen meist gespielt (Hoffmanns Erzählungen) und so gut wie unbekannt (Fantasio) ist wie geschaffen für die Arbeit des Palazetto. Man kann mit einem bekannten Namen werben und dessen unbekanntes Werk präsentieren. Etwa Offenbachs Oper „Madame Favart“ in der Zeit von 20. bis 30. Juni an der Opéra Comique in Paris. Eine Produktion in Kooperation unter anderen mit der Oper Köln. Kleinere Formen, Kammermusik, haben dagegen ihren Platz in Venedig, im stiftungseigenen „Palazetto Bru Zane“ im Stadtteil San Polo, nach dem die Organisation benannt wurde.

Denn auch auf diesem Gebiet der kleinen Formen und Besetzungen hören die Entdeckungen der Palazetto-Mannschaft nicht auf. Und es ist keinesfalls nur der „Beifang“ der Opernforschung, der in der Kammermusik ans Licht kommt. Der Palazetto nimmt sich auch Komponisten an, die mit der Oper nichts zu tun hatten oder vielleicht nur ein Gelegenheitswerk produziert haben. So ein Fall ist der Komponist Jean Cras (1879-1932). Cras war eine außergewöhnliche Begabung. Es genügten ihm drei Monate wöchentlichen Unterrichts bei Henri Duparc, um ein vielseitiger, stilsicherer Komponist mit einer klaren Perspektive auf seine Arbeit zu werden. Was bedeutete: Cras machte nicht das Komponieren zu seinem Hauptberuf. Er wurde, in der Tradition seines Vaters, eines Marine-Chirurgen, Offizier der Marine. Trotzdem war ihm das Komponieren nicht lediglich Zeitvertreib. Der tiefreligiöse Katholik Cras sah das Komponieren als eine ihm von Gott gegebene Aufgabe an. Sein Werk umfasst in erster Linie Kammermusik. Weiters gibt es zwei Orchesterwerke, zu denen er sich von seinen Seefahrten hatte anregen lassen, und eine Oper. „Le Polyphème“ gewann 1921 des Musikwettbewerbs der Stadt Paris und wurde danach an der Opéra Comique aufgeführt. Diese Aufführung begründete das öffentliche Ansehen von Cras als Komponist. Dennoch blieb er bei seinem militärischen Leisten und seiner Stellung als Offizier in Brest bis zu seinem Tod treu.

Die Aufführungen von Cras‘ Musik im Palazetto und im prachtvollen Saal der nahe gelegenen Schuola Grande di SanGiovanni Evangelista sind der Kern eines kleinen Festivals, wie es für die Arbeit des Palazetto typisch ist. Bis zum 28. April gibt es mehrere Konzerte an beiden Orten, an denen ein Licht auf die französische Musik in der Zeit des ersten Weltkrieges geworfen wird („I musicisti nella Grande Guerra“). Anlass dafür ist die Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 28. Juni 1919 – ein Ereignis, das sich aus französischer Sicht natürlich ganz anders darstellt als aus der deutschen.

Damit beschäftigt sich das Festival aber nicht. Es geht dem künstlerischen Leiter des Palazetto, Alexandre Dratwicki, vielmehr darum, in diesem Zusammenhang der Frage nachzugehen, was in dieser Zeit mit der Kunst-Musik geschah und welche Folgen der Krieg für sie hatte. So kommen, neben Cras, Komponisten ins Spiel, die von ihrer Lebenszeit her mit dem eigentlichen Forschungszeitraum des Palazetto nichts mehr zu tun haben. Gabriel Fauré (1845-1924), Maurice Ravel (1875-1937), André Caplet (1878-1925) etwa oder Nadia Boulanger (1887-1979), die als Pädagogin berühmt wurde, weil sie schon 1918 das Komponieren, unter dem Eindruck des Verlusts ihrer Schwester Lilli, aufgegeben hatte. Was ihre Präsenz beim Palazetto rechtfertigt, ist ihre ästhetische Position. Diese Komponisten stehen für die letzten Ausläufer der Romantik in der Französischen Musik. Anders als etwas Darius Milhaud, Arthur Honegger oder Olivier Messiean hielten sie in Kern an der Harmonik und Melodik fest, wie sie sie entweder selbst gesetzt hatten oder wie sie als Impressionismus von Claude Debussy formuliert worden war.

Das Festival wartet zum Thema mit zwei Ergebnissen auf: Zum einen stand das musikalische Leben in Frankreich während des Krieges nicht still. Nach einer kurzen Periode des Verstummens im Jahr 1914 begannen Konzerte und Aufführungen in den Musikzentren wieder. Nur hatte man sich der Lage angepasst. Es stand hauptsächlich Kammermusik auf den Programmen – Orchester konnte man nur noch sporadisch besetzen, weil die Männer eingezogen worden waren. Musik – französische Musik – sollte dazu beitragen, Selbstbewusstsein und Nationalstolz zu stärken. Durchaus mit Blick auf den Feind: es gab heftige Debatten, ob Werke von Beethoven, Weber, Mendelssohn, Schumann und, natürlich, Wagner, noch aufgeführt werden dürften. Ähnlich vielen Künstlern in Deutschland sahen ihre Kollegen in Frankreich in den Ereignissen des Krieges eine Chance, das Kunstverständnis zu „reinigen“, eine selbstbewusstere Sprache der Kunst zu erlangen und sich von „fremden“ Einflüssen – ganz konkret denen aus Deutschland – zu befreien.

Das andere Ergebnis ist, wie sich die Kunst tatsächlich verändert hat. Am Beispiel von Jean Cras ließ sich das in einem Konzert in der Scuola Grande San Giovanni Evangelista mit Kammermusik für Flöte, Harfe und Streichensemble verfolgen. In einem Duo für Flöte und Harfe von 1928 legte er seine Hingabe an Debussy an den Tag (das an Debussys Flötenwerk „Syrinx“ erinnert), während ein früheres Streichtrio sich noch mehr an Ravel orientierte und Erinnerungen an dessen Streichquartett wach rief. Es spielten Philippe Bernold (Flöte), Valeria Kafelnikov (Harfe) sowie das Streichtrio „Trio Opus 71“. Im Quintett für Flöte, Harfe und Streichtrio von 1930 war dann zu hören, wie Cras über seine eigenen Grenzen hinausging und, besonders auf der rhythmischen Ebene, Einflüsse einbrachte, die er auf seinen Reisen per Schiff gewonnen hatte. Was aber nichts daran änderte, dass mit Kompositionen wie diesen das Ende der Romantik besiegelt war.

Ein Liederabend der Sopranistin Judith Fa tags darauf brachte im Konzertsaal des Palazetto Bru Zane Cras mit Ravel, Boulanger, Fauré und André Caplet zusammen. Hier galt der stilistische Überbau der „Mélodies“, die typisch französische Form des Kunstliedes, auf ziemlich schwärmerische Texte von Zeitgenossen der Komponisten. Nachdenkliche Stimmung und präzise Deklamation kennzeichnen diese „Mélodies“. Eine viel knappere Phrasierung als beim deutschen Kunstlied erfordert vom Sänger auch sprachliche Virtuosität, um die schnell artikulierten Worte genau zu formen und zu intonieren. Auch hier: die spätromantischen Komponisten der Kriegs- und Nachkriegszeit wollten oder konnten von ihrem Stil nicht lassen. Sie erfanden somit nichts Neues, aber sie führten auf höchstem Niveau eine kostbare Tradition zu Ende.

Das Wichtige an den Aufführungen von Palazetto Bru Zane ist nicht die Tatsache allein, die Musik quasi vergessener Komponisten oder vergessene Musik bekannter Komponisten wieder zum Klingen zu bringen. Genauso wesentlich ist die Art der Aufführung. Im Gespräch erwähnte der künstlerische Leiter Alexandre Dratwicki, wie „Palazetto“ bei der Auswahl der Künstler auch auf die Aufführungspraxis der Musik achtet. Das bedeutet nicht automatisch Originalinstrumente. Es bedeutet, dass die Musikerinnen und Musiker sowohl die Kenntnis als auch den Geschmack besitzen sollen, der Frische, der Brillanz, des Aplombs der romantischen Musik Frankreichs gerecht zu werden. Dratwicki wie darauf hin, dass die Arbeit des Palazetto diese Musik auch insofern belebt habe, dass sie nun mit deutlich schnelleren Tempi, präziser gefasster Artikulation und einem viel größeren Verständnis für die Deklamation von Text gegeben werde. Für die Musik vor 1840, so betonte er, setze der Palazetto tatsächlich bevorzugt Ensembles und Orchester mit Originalinstrumenten ein, was ihr eine bis dahin ungekannte Schärfe, Kantigkeit und Heftigkeit der Attacke verleihe.

So weit gingen die beiden Konzerte in Venedig nicht, man spielte auf modernen Instrumenten. Aber man spielte, wie Dratwicki es beschrieb: mit der Präzision, der Schärfe und dem Aplomb, der aus vermeintlich gefühlig-stimmungsorientierter Romantikmusik ein verwegen temperiertes Klangerlebnisbad macht. Das wach hält, das Frische vermittelt. Brillanz, Kante, exakt konturierte Artikulation: So spielten Philippe Bernold, Valeria Kafelnikov sowie das Streichtrio „Trio Opus 71“ die Kammermusik von Jean Cras. So sang Judith Fa die Melodies von Cras und seinen Zeitgenossen, so agierte dabei Damien Lehman am Klavier. Bislang kaum gehörte Musik betritt die Bühne und sie tut es mit einer Präsenz, die weit über den Moment hinausstrahlt.

Das macht die Arbeit, die Veranstaltungen des Palazetto Bru Zane, ob sie nun in Venedig, Paris, München und neuerdings auch im kanadischen Montreal stattfinden, so spannend und so gewinnbringend. Man darf daran teilhaben, wie aus dem Betrieb verdrängte Kunstmusik, im Grunde ein gesamtes Repertoire, wie selbstverständlich wieder ihren Platz auf Podien und Bühnen einnimmt. Und wie sie sich dort derart gut macht, dass man vom Neuen ganz durchdrungen davongeht mit dem Wunsch, davon bald mehr zu hören.

Informationen zum Zyklus unter http://www.bru-zane.com/en/concerti-e-opere-2018-2019/ciclo-i-musicisti-nella-grande-guerra/

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