Welser Möst und BR-Symphos

Für den Geist, für den Körper

Franz Welser-Möst Foto: EMI

Das Symphonierochester des Bayerischen Rundfunks unter Franz Welser-Möst mit viel Zeitgenössischem im Herkulessaal
(München, 18. Mai 2007) Das Programm des jüngsten Abonnementskonzertes des Symphonierochesters des Bayerischen Rundfunks (Wiederholung am Freitag, 18.5. um 20 Uhr) hätte auch einem „Musica Viva“-Termin Ehre gemacht. Franz Welser-Möst, weltläufiger Dirigent aus Österreich, Musikdirektor des Cleveland Orchestra und Generalmusikdirektor an der Zürcher Oper, setzte für sein Gastspiel im Herkulessaal der Münchner Residenz gleich zwei Klavierkonzerte der neueren Musikgeschichte an: Witold Lutoslawskis Konzert für in vier Sätzen aus dem Jahr 1988 und das Konzert für in drei Sätzen des 1961 in Neuilly-sur-Seine geborenen Komponisten Marc-André Dalbavie. Garniert wurde der zeitgenössische Programm-Kern von Dvoráks Tondichtung „Der Wassermann“ und einem der Schlachtrösser der Orchestermusik, Ravels „Bolero“. Ein kluges Programm, das Geist und Körper gleichermaßen ansprach und beim Publikum den rundum verdienten Beifall erntete.

Wie die Wiener und Berliner Philharmoniker gehören auch die BR-Symphoniker zu den Orchestern, zu denen Welser-Möst regelmäßig wiederkehrt. Der Draht der Verständigung ist hervorragend – auch in diesem Programm hört man nach wenigen Takten der Wassermann-Dichtung, dass Dirigent und Musiker eines Geistes sind, auf einen Atem hören. Die reichlich bizarre Handlung mit dem grausigen Ende dient nur als Anstoß für ein äußerst fein balanciertes Zusammenwirken der Orchestermusiker. Da drängt sich nichts in den Vordergrund oder übernimmt die Führung. Die Streicher bilden den „Klangsee“, in dem die Bläser dann die Farben dazugeben, mit denen die Handlung bebildert wird. Das sich wiederholende rhythmische Muster gibt den Rahmen – Orchester und Dirigent zeichneten die Facetten so genau nach, dass man den „Wassermann“ als absolute Musik genauso aufnehmen konnte wie als Erzählung.

In diesem Sinne präsentierten Orchester, Dirigent und der Pianist Leif Ove Andsnes auch die beiden zeitgenössischen Klavierkonzerte als dem Publikum zugewandte Musik. Bei allem geistigen Anspruch, bei allen kompositorischen Besonderheiten, die die Konzerte von Lutoslawski und Dalbavie (2005 uraufgeführt) mit sich tragen, geht es letztlich um die sinnliche Vermittlung und Überzeugungskraft. Solist und Orchester wollten in einer Weise tätig werden, die die Zuhörer bei der Stange hält und ihnen Material liefert, dies auch bis zum Ende zu bleiben. Das tat Lutoslawski in seinem Spätwerk mit einem fast schon romantischen Gestus, der Soli und Orchester klar abgrenzt und die Orchestergruppen profiliert einsetzt, während es Dalbavie auf einen integrierteren Klang, auf ein Kontinuum anlegt. In beiden Disziplinen gab Welser-Möst einen Weg vor, auf dem sich das Orchester mit Bravour bewähren konnte. Für Andsnes gab es ohnehin keine Schwierigkeiten. Er ist in allen Musikstilen zu Hause und das Dalbavie-Konzert ist ihm sogar gewidmet. Immer wieder gefällt an Andsnes‘ Spiel, dass es im Kern von einer schier grenzenlosen Virtuosität getragen wird, die der Pianist aber nie um ihrer selbst Willen zur Schau stellt. Auch daher diese rundum geschlossene, geradezu musikantische Wirkung der modernen Musik in diesem Konzert. Es geht also doch!

Diesem Musikantentum wurde dann zum Schluss bedingungslos mit Ravels „Bolero“ gehuldigt. Da geht es um Hypnose durch Hören, das ganz in Gefühl aufgeht. Durch die ständige Wiederholung des Motivs, das Kreisen des Rhythmus‘ und das stetige Crescendo werden die Sinne aufgepeitscht – eigentlich sollten alle aufstehen und genauso in einem Tanz herumtaumeln, wie es Welser-Möst auf seinem Podest mehr und mehr tat. Man durfte sich fragen, wer hier jetzt was leitete – der Dirigent die Musik oder die Musik den Dirigenten. Dennoch ist der analytische Welser-Möst, der seine Zuhörer auch im Bolero stets ganz genau wissen lässt, warum und wie jetzt was passiert, vielleicht nicht die Idealbesetzung für dieses Stück. Da braucht es noch einen magischeren, weniger fassbaren Dirigenten, einen Mann oder eine Frau im Geiste Karajans. Mit seinen Mitteln kehrte Welser-Möst allerdings auch hier das Beste aus dem Orchester heraus. Solch ein Musik-Ungetüm so schlank, in Nuancen erfahrbar und gelenkig zu halten, das ist in jedem Fall eine Leistung.
Laszlo Molnar

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