Welser-Möst mit den Wienern und Schostakowitsch in Salzburg

Elf russische Lieder über den Tod sind stärker als deutsche Todesverklärungen

Franz Welser-Möst gestaltet bei den Salzburger Festspielen mit den Wiener Philharmonikern ein höchst anregendes philharmonisches Konzert

Von Derek Weber

Es geschehen ja doch noch Zeichen und Wunder: Franz Welser-Möst, den man als Dirigenten in Wien gerne immer etwas beiseite zu schieben pflegt, hat bei den Salzburger Festspielen ein Konzert der Wiener Philharmoniker dirigiert, das – so darf man jetzt schon sagen – als eines der interessantesten dieses Sommers gelten kann, auch wenn es von der Papierform her nicht unbedingt danach aussah. Asmik Grigorians Qualitäten stehen seit ihrer triumphalen „Salome“ im letzten Festspielsommer außer Zweifel. „Aber warum muss sich Matthias Goerne immer wieder in Bass-Rollen wagen?“, mag sich manch einer gefragt haben. Doch gerade dieses Disagio hat er bei Dmitri Schostakowitschs todgetränkter 14. Symphonie in einen nicht zu überhörenden Vorteil zu verwandeln vermocht. Das baritonale Timbre verlieh seiner Stimme eine gewisse positive Art von Brüchigkeit, die sich mit Anflügen von kraftvoller Kernigkeit im hohen Register paarte, die bei Bässen nicht immer zu finden ist. Wer weiß, vielleicht hatte der kranke Komponist just diese Stimmqualität im Ohr, als er zu Ende der sechziger Jahre diese unkonventionelle Symphonie schrieb. (Es erscheint auf jeden Fall anmerkenswert, dass auch Dietrich Fischer-Dieskau seinerzeit um diese Symphonie keinen Bogen gemacht hat.)

Ebenso mitteilenswürdig ist es, dass Welser-Möst eine höchst seltene Programmkombination für das Konzert wählte: Er paarte die von Schostakowitsch seinem englischen Freund Benjamin Britten gewidmete Symphonie mit dem Vorspiel zu „Parsifal“ und Richard Strauss´ mit großer Hand hingeworfener Tondichtung „Tod und Verklärung“, dem schieren ideologischen und musikalischen Gegenteil von Schostakowitsch´ Kammermusik-Werk, wobei der Dirigent dazu noch das Parsifal-Vorspiel mit dem Richard-Strauss-Stück quasi ineinander verzahnte, sodass der Abend richtiggehend in zwei zueinander widersprüchliche Teile zerfiel.
In Erinnerung bleiben wird davon freilich vor allem der zweite, der Schostakowitsch-Teil des Konzerts, auch wenn daran nur ein Bruchteil der Musiker aktiv beteiligt war. (Die Vierzehnte ist als Kammersymphonie für zum Teil solistisch eingesetzte Streicher und Perkussionsinstrumente angelegt. Das Schlagwerk entwickelt dabei eine – von Welser-Möst wohl bewusst angestrebte, hervorstechende Brillanz im Klang, wie sie auch in ganz anderen Werken selten zu hören ist. Selbst Castagnetten werden in Kombination mit Gedichten Federico Garcia Lorcas eingesetzt.)

Hier wird Schostakowitsch´ Sicht auf den Tod als der endgültigen Auslöschung des Lebens hörbar. Keine Verklärung ist zugelassen. Das ist vielleicht das Schöne an solchen Konzertabenden: Dass sie über weltanschauliche Gräben hinweg – viele Konzertbesucher werden mit Schostakowitsch´ radikal-atheistischer Weltanschauung wohl eher nicht übereinstimmen – der Musik das Feld und das Argument überlassen. Mehr noch als an anderen Konzertabenden wird deutlich, was oft unter der Oberfläche von musikalischen Konstrukten verborgen bleibt und was sich gerade bei der Generation von Musikern und Dichtern vor dem 1. Weltkrieg als veritable Todessehnsucht darstellt.

Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker haben solche Einsichten (oder vielleicht besser: Assoziationen) möglich gemacht, die ohne die kompromisslose Musik des späten Dmitri Schostakowitsch nicht denkbar wären. Die Erinnerung an die hymnische Verehrung des Todes als Widerpart zu den kargen Farben, mit denen der russische Komponist die reale Tödlichkeit der Welt ausstattet, geht über bloß musikalische Gedanken hinaus, die einem bei dieser Musik unwillkürlich in den Kopf geraten. Musik ist eben mehr als bloße Tonmalerei, mehr als „tönende Form“, wie sie ein berühmter österreichischer Musikkritiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts einmal gekennzeichnet hat.

Dass man sich dessen bei einem philharmonischen Konzert der Salzburger Festspiele erinnern konnte, ist – hoffentlich – ein Indiz dafür, dass die großen europäischen Festivals eine gewisse nicht nur kommerzielle Überlebensfähigkeit haben könnten, auch wenn sie heute nur kleine Minderheiten erreichen. Aber man weiß es ja: Es geht nicht um Mehrheiten. Nur Minderheiten bewegen – im Gegensatz zu landläufigen Vorurteilen – auf lange Sicht gesellschaftliche Urteile und Meinungen.
Dass das dummerweise für alle denkbaren Richtungen gilt, macht das Problem umso dringlicher und sollte zu aktivem Engagement für gute Musik (und gute Politik) herausfordern.

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.