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Original und originell

Ein Schiff wird kommen…Foto: Studio Amati Bacciardi


Nach Otello standen die Türkenoper Il Turco in Italia und die gar nicht lustige Diebische Elster beim Rossini Opera Festival in Pesaro auf dem Programm
(Pesaro im August 2007) Was wissen wir schon von Rossini? Oder besser: Was glauben wir von ihm und seiner Musik zu wissen? Diese Frage stellt sich jedes Mal neu beim Rossini Opera Festival in Pesaro, das ohne größere Programmdramaturgie auskommt oder genauer: das nur ein Motto kennt: Gioacchino Rossini in all seinen Façetten und Farben, bis hin zu unbekannten Werken wie der Schauspielmusik zu Giambattista Giustis Übersetzung von Sophokles‘ Edipo a Colono oder der „Azione coreo-drammatica“ Le nozze di Teti, e di Peleo, der szenischen Aufführung von Il viaggio a Reims durch Absolventen der diesjährigen Akademie und – nicht zuletzt und prominent besetzt – einem Konzert mit der Petite Messe Solonelle.
Noch aber befinden wir uns in der Anfangsphase des Festivals. Da heißt es: Oper, Oper und nochmals Oper. Nach der Eröffnungspremiere (Otello), die von der musikalischen Grundierung her einen eher blassen Eindruck hinterließ, steigerte sich der in den letzten Jahren stets positive Eindruck von den engagierten Orchestern von Mal zu Mal. Am zweiten Abend stand die Reprise von Il Turco in Italia auf dem Programm, eine federleichte, sehr italienische (d.h. mit einem schönen Bühnenbild von Paolo Bregnis und wunderbar altmodischen Kostümen von Santuzza Cali ausgestattete) Produktion. Die Oper selbst ist nicht ohne buffonesken Reiz, weil man Zeuge des Entstehungsprozesses eines Bühnenwerkes wird: Der Dichter Prosdocimo (Bruno Taddia) ist auf der verzweifelten Suche nach einem Stoff für ein neues Stück. Er findet ihn in dem, was sich vor seinen Augen abspielt: Ein eifersüchtiger Ehemann, seine von Verehrern belagerte Ehefrau Fiorilla, eine schöne Zigeunerin namens Zaida und ein Türke (er heißt natürlich Selim), der Italien besucht und natürlich genau jener erztürkische Prinz Selim ist, in dessen Harem in Erzerum Zaida eine glückliche Zeit verbracht hat, bevor sie nach Italien kam. Am Schluß wird alles gut. Zaida und Selim reisen in die Türkei zurück und der Dramaturg hat sein Stück.
Die Regie von Guido de Monticelli ist abwechslungsreich, die Sänger – allen voran Marco Vinco als Selim – sind durchweg überzeugend. Und das Orchestra Haydn di Bolzano und Trento macht unter der Leitung Antonello Allemandis einen wesentlich lebendigeren Eindruck als die viel berühmteren Kollegen vom Orchester des Teatro Comunale di Bologna beim Otello-Abend.
Das Haydn-Orchester, das im vorigen Jahr zum ersten Mal in Pesaro bei Mozarts „Schuldigkeit des ersten Gebots“ engagiert war, bestritt auch die letzte der drei großen Produktionen dieses Sommers, La gazza ladra (Die diebische Elster). Es dürfte sich nun seinen fixen Platz im Festspielrepertoire erspielt haben. Denn das von Gustav Kuhn betreute Orchester hat es in diesem Jahr verstanden, mit einem sehr lebendigen, runden und kompakten Rossini-Klang aufzuwarten, der bei der Gazza ladra das Publikum begeisterte. Und das mit einem chinesischen Dirigenten: Lü Jia ist bei seinem Pesaro-Debüt dem guten Ruf, der ihm in Italien vorauseilt – immerhin ist er musikalischer Leiter des Verona-Festivals – mehr als gerecht geworden. So viel lebendigen Rossini bekommt man wahrlich nicht alle Tage zu hören.
Was wissen wir von Rossini? So gut wie nichts! Von der Gazza ladra kennen wir die fröhlich-helle Ouvertüre. Die Handlung der Oper ist weniger lustig. Deshalb hat Rossini das Stück als „Melodramma“ bezeichnet. Es enthält alle Ingredienzien der im Gefolge der französischen Revolution entstandenen Befreiuungsoper: Ein böser Podestà stellt dem braven Mädchen Ninetta nach. Dessen Vater wird von den Behörden gesucht, weil er nach einem Streit mit seinem Vorgesetzten zum Tode verurteilt wurde. Da der Podestà nicht von der Tochter läßt, ist der Vater gezwungen, sich zu erkennen zu geben. Zu allem Unglück stiehlt eine diebische Elster einen Silberlöffel. Man beschuldigt Ninetta des Delikts und verurteilt auch sie zum Tode. Alles weist auf eine Tragödie hin. Erst ganz zum Schluß kommt die Rettung: Die Elster – in dieser Inszenierung ein zierliches junges, allpräsentes und nicht genanntes artistisches Ballettwesen – wird entlarvt, der Vater aus dem Gefängnis befreit; Ninetta wird nicht erschossen, sondern bekommt ihren Bräutigam.

„La Gazza ladra“ – Mit Kanonen auf Elstern schiessen Foto: Studio Amati Bacciardi

Das geht haarscharf an der Katastrophe vorbei. Und alle Obrigkeit, die autokratisch und ungerecht Mädchen wegen kleiner Delikte zum Tod verurteilt, gerechte Väter verfolgt und sich an Untergebenen sexuell vergreift, wird an den Pranger gestellt. Dementsprechend ist die Musik alles andere als bloß keck, wartet mit viel dramatischer Spannung und unglaublich reichen Ensembles an den Aktschlüssen auf. Immer am Ende seiner Opernperioden hat Rossini Musik geschrieben, die weit über die Routine hinausging. Auch in der Gazza ladra greift er nicht auf vorangegangene Kompositionen zurück, sondern schafft alles neu. Und dieser „originale“ Rossini ist mehr als originell.
Gut, wenn man zu dieser Gelegenheit einen Dirigenten wie Lü Jia zur Verfügung hat und einen Regisseur mit so viel Originalität und Einfallsreichtum, wie den jungen Damiano Michieletto. Der bekam zwar seine Pflichtbuhs ab, aber auch den verdienten Applaus für eine Inszenierung, die vor allem im zweiten Teil – da steht die Bühne unter Wasser – eine atmosphärische Dichte erzeugt, der man selten im Operntheater begegnet. Und wenn dazu noch Sänger kommen, die sich keine Blößen geben, ist die Rossiniwelt trotz der in der Otello-Kritik erwähnten Budgetkürzungen in bester Ordnung: eine Sopranistin (Mariola Cantarero als Ninetta), die auch als Figur glaubwürdig wirkt, der hoffnungsvolle russische Tenor Dmitry Korchak als ihr zugetaner Bauernsohn Gianetto, Alex Esposito als ungemein packender Vater Fernando und – nicht zuletzt – Michele Pertusi als böser Gottardo, der die Partie – obwohl sie ihm eine Spur zu tief liegt – mit Verve meistert.
So macht Rossini Freude und ermuntert zum Wiederkommen im nächsten Jahr, in dem als eine der zwei Neuproduktionen Maometto II angekündigt ist, eine Oper, die in der Epoche des angeblichen „Kriegs der Kulturen“ nicht ohne kulturellen Reiz sein dürfte.
Anton Sailer

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