Weiße Rose Augsburg

Das Unvorstellbare als Oper

Foto: A.T.Schaefer

Am Theater Augsburg hatte Udo Zimmermanns Kammeroper „Die Weiße Rose“ Premiere
Von Robert Jungwirth
(Augsburg, 8. Oktober 2016) Kaum vorstellbar, was in den beiden jungen Menschen Sophie und Hans Scholl vorgegangen ist, nachdem ein Prozess, der jeglicher Rechtstaatlichkeit entbehrte, sie zum Tod verurteilt hat. Und wenn man es sich vorzustellen versucht, bereitet es einem seelische Qualen, angesichts des Ausmaßes an Unrecht und Brutalität, das den Geschwistern Scholl und ihren Freunden von der „Weißen Rose“ durch das Nazi-Regime angetan wurde. Hans Scholl war 25 und Sophie gerade mal 22 Jahre alt, als sie im Februar 1943 beim Verteilen von regimekritischen Flugblättern in der Münchner Uni vom Hausmeister verraten und von der Polizei festgenommen worden waren. Nach einem mehrtägigen Verhör dann die Todesstrafe. Die letzten Worte von Hans Scholl waren „Es lebe die Freiheit“. 1986 also wenige Jahre vor dem Ende der DDR hat der ostdeutsche Komponist Udo Zimmermann seine bereits 1968 komponierte Oper „Die weiße Rose“ zur Kammeroper überarbeitet und überzeitlicher gestaltet – durchaus mit Blickrichtung auf das DDR-Regime. In dieser Version hatte das Werk am Theater Augsburg Premiere.
Auch Udo Zimmermanns Oper über die letzten Stunden der Geschwister Scholl vor der Hinrichtung im Gefängnis Stadelheim in München bleibt in einem unkonkreten Schwebezustand, bietet kein realistisches Handlungsszenario, sondern einen assoziativen Reigen aus Erinnerungen, Gedankensplittern, Ideen und Überzeugungen. Wolfgang Willascheks Libretto aus Briefstellen und Tagebuchaufzeichnungen sowie Texten von Dietrich Bonhoeffer, soll durchaus über das konkrete Schicksal von Sophie und Hans Scholl hinausweisen, den Sieg der Freiheit über die Unterdrückung veranschaulichen  und ein Appell an den Widerstandsgeist eines jeden Einzelnen gegen Unrecht, Willkür und Gewalt sein. Udo Zimmermann hat dafür eine Musik für kleines Kammerensemble und zwei Stimmen geschrieben, die in ihrer Klarheit und Konzentriertheit zu großer Eindringlichkeit und Transzendenz fähig ist, manchmal aber auch – so scheint es – etwas vor der Größe der Aufgabe kapituliert.
Dass die Augsburger Aufführung einen so tiefen Eindruck auf die Besucher machte, lag auch an der klugen und sensiblen Regie der jungen Koreanerin Seollyeon Konwitschny, die den Schwebezustand des Stücks zwischen Realismus und Abstraktion in überzeugende szenische Aktionen übersetzt und zusammen mit dem Choreographen Daniel Morales einen 15-köpfigen Bewegungschor in 30er-Jahre-Kostümen als von den Nazis manipulierte Masse Mensch als Pendant zu den Geschwistern in sparsamen Gesten und Bewegungen auf die ansonsten leere Bühne bringt. Nur von der Decke hängen Kleidungssäcke aus Stoff, Symbol für Vertreibung und Verfolgung.
Und es lag natürlich an den beiden Hauptdarstellern Samantha Gaul und Giulio Alvise Caselli. Mit ihrem jugendlichen Aussehen und ihrem natürlichen Sopran ist Samantha Gaul geradezu eine Idealbesetzung für Sophie Scholl, zumal sich auf ihrem Gesicht Verstörung und Entschiedenheit abwechseln wie Sonne und Wolken am Himmel eines Herbsttags.
Getragen wird das rund 70-minütige Kammerspiel in Augsburg auch von den punktgenau agierenden 15 Instrumentalisten der Augsburger Philharmoniker unter der kompetenten Leitung von Corinna Niemeyer. Eine bewegende Aufführung, die den Zuschauern Mut machen will Position zu beziehen für Recht, gegen Unrecht – trotz oder gerade wegen des tragischen Schicksals der Protagonisten.



Münchner Philharmoniker


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.