Warschauer Herbst

Lustgefühl Neue Musik

Beim diesjährigen Festival für Neue Musik "Warschauer Herbst" stand die elektronische Musik im Zentrum
(Warschau, im September 2009) Vier Frauen an vier nebeneinander stehenden Tischen, an jedem eine kleine Kamera, die Aktionen der Hände, des Gesichts, kleine Gegenstände aufnimmt und sie an vier quadratische Leinwände hinter den Damen projiziert. Wenige Laute kann man verstehen, Silben aus verschiedenen Sprachen werden gemixt. Monologe, Dialoge, Streitgespräche. So mag man sich die Suche nach der Geburt der Sprache vorstellen. Der "gefütterte" Computer verarbeitet die skurrilen Klänge und Bilder. So klingt "Machinations" Griechen und Wahl-Franzosen Georges Aperghis aus dem Jahr 2000, aufgeführt beim Warschauer Herbst 2009, als eindrückliche Performance. Er habe sich die Frage gestellt, erzählt Aperghis im Gespräch, ob eine Maschine denken kann. Eine konkrete Antwort will er nicht geben, aber man könne ja schliesslich leicht sehen, dass der Computer eigentlich hilflos sei ohne den Menschen. Er könne zwar die Stimmen der Frauen aufnehmen, verändern, erneut abspielen, außergewöhnliche Dinge tun, aber letztlich seien es noch immer die Stimmen der Frauen.
Noch immer sieht der Warschauer Herbst, eines der wichtigsten Festival für zeitgenössische Musik weltweit, sein Hauptanliegen darin, das polnische und internationale Publikum mit der vielfältigen Klangkunst des 20. und 21. Jahrhunderts vertraut zu machen. Seit einigen Jahren gibt es jedoch besondere Schwerpunkte. Im letzten Jahr 2008 stand etwa ibero-lateinamerikanische Musik im Mittelpunkt, in diesem Jahr war es die Elektronische Musik. Internationale Zentren für Elektronische und Computer Musik waren in Warschau zu hören, darunter das IRCAM/Paris, das für Aperghis‘ "Machinations" die Bänder präparierte, das DXARTS/Seattle, das LOUDSPEAKER ORCHESTRA/Lissabon, das Centro Tempo Reale aus Florenz, das STEIM Studio Amsterdam und andere.
Im Zeitalter des World-wide-web, wo es in fast jedem Haushalt einen Computer gibt, der einem elektronische Kontakte in die entlegendsten Gebiete des Erballs ermöglicht, ist der elektronisch erzeugte Sound schon fast eine Lapalie. "Viele Leute glauben heutzutage, dass jeder irgendwie Komponist sein könnte, jeder hat einen Computer zuhause, jeder kann mit entsprechenden Programmen kreativ werden." Wielecki, der künstlerische Direktor des Warschauer Herbstes, und das Programm-Komitee des Festivals wollten jedoch diesem Irrglauben etwas entgegensetzen, ein wenig Ordnung in den aktuellen "Elektronischen Dschungel" bringen. Für künstlerische Produkte benötigt man ein paar Zutaten mehr. "Wir möchten auch zeigen, dass elektronische Musik zwar einfach zu produzieren ist, aber die Komponisten müssen lernen mit anderen zu kooperieren, ohne Wissenschaftler, Mathematiker, Physiker kommen sie nicht aus", so Tadeusz Wielecki.
Eindrücklich war etwa die Vielfältigkeit der Mittel in Cezary Duchnowskis elektronischer Oper "Marta’s Garden" für Frauenstimme, Schauspieler und fünf Musiker. Die Instrumente sind mit einem Computer verbunden. Softwaretools vermischen akustische und elektronische Klangerzeugung. Anders als Aperghis nutzt Duchnowski elektronische Klänge um menschliche Zustände darzustellen. Die beiden Protagonisten äußern Träume, Eifersüchte. Die hart-kalten, schmerzenden Klänge erzählen vom Scheitern, hier wird Gefühl kontaktlos herausgeschrien, so mag man sich den Zustand manch einsamer Kreatur im world-wide-web durchaus vorstellen. Faszinierend war jedenfalls die Intensität der Sopranistin Agata Zubel, ungewöhnlich auch Spielort und Zeit: Nachtkonzert in einer alten Fabrik im Warschauer Stadtteil Praga. Es gehe nicht nur um Schaffensprozesse, erklärt Tadeusz Wielecki, sondern auch darum, wie die Klänge präsentiert würden, es müsse speziell geeignete Räume geben, damit die Klänge sich wirkungsvoll entfalten könnten.
So fand man in Warschau die 30 Meter hohe Hochspannungshalle eines Kraftwerkes. Der 81jährige Elektronik-Pionier Pierre Henry trat im Konzertsaal des Polnischen Rundfunks auf. In einem Studio am letzten Festival-Tag fand ein fast ganztätiger Elektronik-Marathon statt. Oder ganz klassisch wurde der Kammermusiksaal der National-Philharmonie für Karlheinz Stockhausens "Orchester-Finalisten" von 1996 genutzt, wo Elektronik eher als Klangkulisse dient. Hier dürfen Orchester-Musiker einmal als Solisten hervortreten, müssen aber auch schauspielerisch agieren. Eine Freude war dabei, die Spiellust und Bühnenpräsenz des Asko-Schönberg-Ensembles aus Amsterdam zu erleben.
Am Rande gibt es in Warschau immer Gelegenheit mit dem kundigen und interessierten Publikum, mit den Komponisten, mit Musikwissenschaftlern, mit Journalistenkollegen ins Gespräch zu kommen. Es ist erstaunlich, wie gut besucht alle Konzerte sind. "Ich erinnere mich an Konzerte des Warschauer Herbstes aus den 1980er Jahren, da gab es viele leere Säle, es kamen fast nur Insider, Musikwissenschaftler, Komponisten, aber überhaupt keine jungen Leute, das war eine traurige Angelegenheit." Das erzählt Joanna Grotkowska, Redakteurin beim Polnischen Rundfunk. Sie erinnert sich, dass sich die Situation veränderte, als 1999 der Komponist und Kontrabassist Tadeusz Wielecki Festival-Direktor wurde. Wielecki schrieb u. a. kurze, leicht verständliche Einführungstexte zu den Komponisten und ihren Werken in der lockeren Sprache eines möglichen jungen Publikums. Der Erfolg zeichnet sich seit einigen Jahren deutlich ab: Bei den Konzerten des Warschauer Herbstes spürt man einen sehr frischen Geist, es herrscht Aufbruchsstimmung. "Es kommen so viele junge, kultur-interessierte Leute", freut sich Joanna Grotkowska, "sie haben einfach genug von der Pop-Kultur, von oberflächlicher Werbung oder Trash-Music. Sie sind geradezu hungrig nach komplizierter Materie, das ist schwierig für sie, aber sie suchen diese Auseinandersetzung."
Der Mensch, so kann man vermuten, wächst mit der Bewältigung von Schwierigem, es verschafft ein Lustgefühl, und, es straft all jene Lügen, die in leicht verdaulichen, banalen Kultur-Häppchen die Zukunft sehen wollen.
Mag sein, dass das eine oder andere Werk beim Warschauer Herbst ein wenig zu gefällig war, da gab es einen etwas arg simplen Weltmusik-Mix des Performers Mieczysław Litwinski. Doch im Ganzen gelang dem diesjährigen Warschauer Herbst der Spagat von Anspruchsvollem und leichter Verständlichem. Das schloss einerseits den geschichtlichen Rückblick auf die elektronische Musik der letzten 50 Jahre ein, und zeigte andererseits auch die vielen aktuellen, experimentellen Ansätze der elektronischen Musik. Im Bereich der klassisch-akustischen Werke der zeitgenössischen Szene wurden immerhin acht Uraufführungen von Werken polnischer und anderer Komponisten gegeben, auch hier mit einem breiten stilistischen Spektrum: vom zum Teil flächig-minimalistischen "Eals" von Paweł Szymanski im Eröffnungskonzert, bis hin zum rhythmisch dominierten, virtuos mit allen Techniken arbeitenden Cellokonzert des Dänen Per Nørgård.
Elisabeth Richter

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