Waltershausens Oberst Chabert in Bonn

Implosion des Leidens

Roland Schwab und Jacques Lacombe gelingt eine fulminante Wiederbelebung der Balzac-Oper „Oberst Chabert“ von Hermann Wolfgang von Waltershausen

Von Bernd Feuchtner

(Bonn, 17. Juni 2018) Der Höhepunkt liegt im Quintett am Ende des zweiten Aktes. Oberst Chabert wird nun klar, in welchen Widerspruch er mit seinem Anspruch geraten ist, nach zehn Jahren Verschollenheit wieder unter den Lebenden zu erscheinen und das junge Familienglück seiner Witwe zu zerstören; sein alter Korporal ist erfüllt von der Treue zu seinem Oberst und zum Kaiser; Rosine will das Leben ihrer Kinder schützen und den geliebten Mann nicht verlieren; Ferraud ahnt, dass er gegen Rosines ersten Mann keine Chancen hat und seine Liebe zu ihr nicht retten kann; Anwalt Derville versteht die Tragik des Konflikts und ahnt, dass es keine Lösung geben wird. In dieser Musiknummer von Beethoven‘scher Luzidität und Tiefe fasst Hermann Wolfgang von Waltershausen das Innenleben seiner Figuren auf geniale Weise zusammen – der Konflikt gerinnt zum Bild.

Kein Wunder, dass die Zeitgenossen „Oberst Chabert“ 1912 feierten – der Erfolg war dem des „Rosenkavaliers“ 1911 durchaus ebenbürtig und Hermann Wolfgang von Waltershausen konnte sich eine glänzende Karriere als Opernkomponist ausmalen. Mit Balzacs Novelle „Comtesse à deux maries“ hatte er eine Vorlage gewählt, die einen starken Konflikt auf nahezu kafkaeske Weise durchdekliniert und bezwingend steigert. Und dem jungen Grafen Ferraud legte er jugendstilige Linien in die Stimme, die dem Strauss‘schen Octavian an Geschmeidigkeit in nichts nachstehen. Peter Tantsits verleiht ihnen jene Eleganz, die nicht nur dem Ohr schmeichelt, sondern auch die unbeschwerte Adelswelt charakterisiert, in der er sich sicher fühlt, nicht erst seitdem er die Witwe des Kriegshelden Graf Chabert geheiratet hat und zum Peer von Frankreich aufgerückt ist.

Der Oberst lebt in einer anderen, härteren Klangwelt – Bariton Mark Morouse, pausenlos auf der Bühne, gibt ihr intensiven Ausdruck. In Bonn befindet er sich auch in einer anderen Bühnenwelt. Wenn der eiserne Vorhang wummernd aufgeht, sehen wir nichts als schwarze Trümmer. Hier haust der abgerissene Kriegsinvalide (Kostüme Renée Listerdal), hier will er heraus. David Hohmann hat eine überaus bildkräftige Metapher gefunden, die dem Publikum mit dem Grundkonflikt zugleich dessen Ursache vor Augen führt. Im Hintergrund agieren die Kanzleiangestellten, die sich mit dem Fall Chabert befassen müssen – Martin Tzonev und David Fischer jonglieren mit den Akten so leichthändig wie mit ihren Gesangslinien. Der Advokat Derville wirbelt herein wie der selbstverliebte Professor Börne und bemerkt dann doch als erster, womit er es in Wahrheit zu tun hat – Giorgios Kanaris macht diese Figur zur spannenden Charakterstudie. Die Projektion der Aktenregale im Hintergrund fängt leicht zu rotieren an, und wenn der Oberst energisch sein Recht einfordert, wechselt die Ansicht zu einer zerstörten Stadt, wie wir das aus Syrien kennen; die Penetranz des Eindringlings in die Pariser Wohlfühlwelt wird den Zuschauern unter die Haut getrieben (Video: Janica Aufmwasser, Niclas Siebert, David Sridharan).

Die ganze Last aber wird der Frau aufgeladen. Wie soll sie sich denn entscheiden? Dass sie ihre Kinder schützen und den geliebten Mann nicht aufgeben will, ist nachvollziehbar – dem Zuschauer stehen da einige Wechselbäder bevor. Denn es stellt sich heraus, dass sie schon am Hochzeitsmorgen jenen ersten Brief Chaberts erhalten hatte, in dem er – allerdings nicht mit eigener Hand – von dem unwahrscheinlichen Wunder seiner Rettung berichtet hatte. Sollte sie damit ihren Bräutigam verschrecken? Als der zweite Brief kam, war das erste Kind geboren, und danach begann Chaberts Weg durch die Irrenhäuser. Nun, nach zehn Jahren, kommt er selbst und fordert sein Recht. Sopranistin Yannick-Muriel Noah gestaltet die Seelennöte der jungen Frau aufs eindringlichste und findet immer wieder auch zarteste Töne. Damit macht sie sich mehr und mehr zur eigentlichen Hauptfigur der Oper (was sie bei Balzac ja auch war) und widerlegt damit Denis Scheck, der im Programmheft schreibt: „Ihre Liebe gilt allein ihrem Vermögen.“ Waltershausens Musik geht einen anderen Weg als Balzacs bissige Erzählung.

Die Stärke von Roland Schwabs Inszenierung liegt darin, dass er alle Ambivalenzen offen hält und jede Figur zu ihrem eigenen Recht kommen lässt – das beschert der Bonner Oper einen überaus spannenden Abend. Mit dem Dirigenten Jacques Lacombe, der schon die Berliner Ausgrabung 2010 geleitet hatte, ist er sich darin einig, dass Waltershausens Figuren leuchten müssen, wenn seine die Oper ihre Wirkung entfalten soll. Indem Schwab die Pariser Lebewelt mehr und mehr in Chaberts Wüstenei hineinzieht, wo die Menschen buchstäblich den Halt verlieren, implodiert ihre Sicherheit. Jeder denkt nur noch an sich, vor allem die beiden Grafen, die Rosine mit ihren Ansprüchen überschütten und von ihr die Entscheidung verlangen, Sklaven der Ehre, die sie sind. Chabert hatte sie als 17-jähriges Ding an sich gebunden und war schon nach einem halben Jahr in den Krieg gezogen – wie hätte sie da anfangen können, ihn zu lieben? Dann kam Ferraud mit seiner glühenden Liebe – wie hätte sie ihm widerstehen können?

Franz Schuberts Oper „Der Graf von Gleichen“ behandelt einen ähnlichen Konflikt. Als der Graf auf dem Kreuzzug in türkische Gefangenschaft gerät, bewahrt seine Frau ihm die Treue. Die Tochter des Sultans verliebt sich in ihn, wird Christin und verhilft ihm zur Flucht. Nach seiner Rückkehr stellt die Gräfin die junge Türkin zur Rede – und schlägt eine Ehe zu dritt vor, zu der dann sogar der Papst seine Zustimmung gibt. Bei Waltershausen wird eine Lösung jedoch nicht einmal angesprochen, es muss zwangsläufig und absehbar zur Katastrophe kommen. Die Schuld wird in der bürgerlichen Gesellschaft notwendig der Frau aufgebürdet, die keine Chance hat, außerhalb der Ehe selbstständig zu überleben.

Waltershausen lässt Chabert zur Pistole greifen, um wieder aus einem Leben zu verschwinden, in dem er nur noch als Eindringling betrachtet wird. Angesichts seiner Leiche erkennt Rosine seine Größe und nimmt Gift. Wir würden diese seltsame Form eines Liebestodes klaglos akzeptieren, wenn sie musikalisch so grandios beglaubigt würde wie der von Wagners Isolde – oder wie in jedem Quintett im zweiten Akt. Doch hier folgen die beiden Tode musikalisch etwas zu beiläufig aufeinander. Der schale Nachgeschmack eines Frauenopfers in der Männerwelt bleibt. Hermann Wolfgang von Waltershausen war ein Konservativer, der in diesem Konflikt wohl keine andere Lösung sah. Dass seine Oper später dem Vergessen anheimfiel, hatte nicht nur mit dem Weltkrieg zu tun, der zwei Jahre nach der Uraufführung ausbrach und das ständige Beschwören Napoleons durch die Marseillaise auf deutschen Bühnen unmöglich machte, sondern auch mit einem geänderten Blick auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

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