wallenstein

Wallenstein im Führerbunker

Kindersoldaten an die Front Foto: Stephan Walzl

Das Theater Gera bringt als deutsche Erstaufführung die Oper "Wallenstein" von Jaromir Weinberger heraus – eine Entdeckung
(Gera, 23. Oktober 2009) "Das Gewisse hatte er spielen wollen, aber so viel Ungewisses sich offen halten, dass er der Allerungewisseste geworden war; verloren der sich selber Suchende. Ordnungsstifter, in selbstgeschaffener Wirrsal verloren." So fokussiert Golo Mann das innere Drama des Albrecht Wenzel Eusebius Wallenstein (1583 bis 1634), jenes böhmischen Adligen und Feldherrn, der ökonomisch klug, weitsichtig und modern dachte. Im Dreißigjährigen Krieg für die habsburgisch-kaiserlich-katholischen Truppen erfolgreich kämpfte und letztlich wegen (angeblicher) Verschwörungspläne mit den feindlichen, protestantischen Schweden von kaiserlichen Offizieren ermordet wurde.
Monumental ist Friedrich Schillers Dramen-Triologie über den gescheiterten Helden, voll komplexer philosophischer Reflexionen. Wie, so fragt man sich sogleich, kann aus diesem sperrigen Stoff eine Oper entstehen? Der tschechisch-jüdische Komponist Jaromír Weinberger stellte sich mit seinem Librettisten Milos Kares diese schwierige Aufgabe, Max Brod übertrug den Text ins Deutsche. Die im November 1937 in Wien uraufgeführte Oper hielt sich nicht lange auf dem Spielplan. Nur wenige Wochen später übernahmen die Nationalsozialisten in Österreich die Macht. Weinberger konnte emigrieren, sein "Wallenstein" ward vergessen, doch heute wird noch recht häufig sein weltweiter Erfolg "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" (1927) aufgeführt.
Die Bühnen der Stadt Gera waren schon zu DDR Zeiten dafür bekannt, Unbekanntes auszugraben. Eine Tugend, die sich bis heute fortsetzt. So kam im Frühjahr 2009 in Gera die Oper "Scharlatan" von Pavel Haas heraus, nun hatte Weinbergers "Wallenstein" – rechtzeitig noch im Schillerjahr – als Deutsche Erstaufführung Premiere.
Sein Anliegen, auch Böhmisch-Volkstümliches in seine Opern zu integrieren, verfolgt Weinberger auch im "Wallenstein". Die Pappenheimer schmettern so manches Lied. Schwärmt Wallensteins Tochter Thekla von ihrem Geliebten Max Piccolomini, kommen einem durchaus Franz Lehar oder Johann Strauß in den Sinn. Hört man Marschrhythmen samt Trompetensignal und Trommelwirbel, denkt man an Hanns Eislers musikalischen Realismus. Gerät Wallenstein ins Grübeln und teilt dies etwa seinem Vertrauten Illo mit, "weht" der Konversationsstil eines Richard Strauss vorbei. Der zum Teil opulente Orchestersatz erinnert an Franz Schreker oder Zemlinsky. Dann erreichen uns von weither Grüße aus Wagners "Tristan" oder dem "Ring". Weinberger kennt die Traditionen und weiß sie virtuos einzusetzen. Gleichwohl vermisst man eine einheitliche Linie. Es fällt schwer, Leharsche Operettenseligkeit mit Schillers komplexer Materie und dem Anspruch des Werkes an sich zusammenzubringen. Ganz verlässt Weinberger die Tonalität nie, doch wenn er an ihre Grenzen geht, wenn sie kaum noch wahrnehmbar ist, hat seine Musik eine farbig-schillernde Magie ganz eigener Prägung, da entstehen zauberhafte, rätselhafte Klänge, die stark berühren.
Weinbergers Partitur stellt gerade wegen des weiten stilistischen Spektrums hohe Anforderungen. Das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera empfiehlt sich hier unter der Leitung von Jens Troester einmal mehr als technisch sehr flexibler Klangkörper. Es gelingt auch der Spagat, einerseits mit einem homogenen, warmen Klang zu überzeugen, und andererseits diesen Klang stets durchsichtig zu halten. Man spürt sowohl dem musikantischen Gestus von Weinbergers Musik nach, wie auch der bizarren Mischung von expressionistischen und daneben auch impressionistischen Klangfeldern. Nur gelegentlich hätte Dirigent Jens Troester für ein stärkeres Piano sorgen können, nicht immer waren alle Sänger gut zu verstehen.
Tehuriko Komori spielt einen grüblerischen, gequält und zerrissen erscheinenden Wallenstein, er trägt ein weites Gewand und sieht mit seinem kahlen Kopf wie ein buddhistischer Mönch aus. Die Rolle des in sich nach Perfektion suchenden Wallenstein, und das ständige Bewusstsein, dass er scheitern wird, vermittelt sich eindrücklich. Stimmlich konnten allerdings Vincent Wolfsteiner (Max Piccolomini), Olaf Passa (Buttler) oder Kai Wefer (Illo) mehr überzeugen.
Die Regie von Intendant Matthias Oldag hat besonders in den kammerspielartigen, dialogischen Szenen Kraft. Intensität und Spannung nehmen vor allem im zweiten (auch dramaturgisch stärkeren) Teil zu. Doch auch im ersten Teil gibt es viele Details, die etwa die Absurdität des Krieges zeigen. Neu ankommende Soldaten sind schmalbrüstige Kinder.
Mathias Rümmler hat historisierende Kostüme entworfen, das Geschehen spielt in einem abstrakten, quadratischen Raum. Thomas Gruber ist mit seiner Bühne ein kleines Kunstwerk gelungen. Es ist eine Einheitsbühne, die mit wenigen Mitteln den einen großen Raum verändert. Der Boden ist eine Wasserlache, darüber sind Stege und Podeste, auf denen agiert wird. Man kann einen Keller, einen unterirdischen Bunker assoziieren, wo der einst so erfolgreiche "Führer" Wallenstein seine letzten Tage verbringt. Die Parallelen des Auf- und Abstiegs von Wallenstein und Hitler sind deutlich und erklären vielleicht auch, warum der jüdische Komponist Weinberger sich in den 1930er Jahren dem gescheiterten Helden Wallenstein zuwandte. Die Beleuchtung verändert dezent und klug die Atmosphäre. In grell weiß-silbernem Licht dinniert Familie Wallenstein, unter blauem Dunst finden Beratungen statt. Zuweilen bohrt sich aus dem Schürboden eine Phalanx von spitzen Stäben nach unten, die leicht die ständigen Stiche in das gemarterte Hirn des Titelhelden imaginieren lassen, die aber auch – nun mit blutrot gefärbten Spitzen – zu einer Art dichtem Wald werden, wo konspirative Treffen stattfinden. Das ist wirkungsvoll, ohne banal zu werden.
Jaromír Weinbergers "Wallenstein" wird sicher nicht zum Standard-Repertoire der Opernbühnen der Welt werden, zu inhomogen die dramaturgische Konzeption, zu inhomogen auch die Wahl der stilistischen Mittel. Dennoch ist dem Theater Gera im Ganzen ein kurzweiliger, niveauvoller Musiktheaterabend gelungen. Und es gebührt Lob für das Verdienst – nach Pavel Haas‘ "Scharlatan" – mit Weinbergers "Wallenstein" einen weiteren, mehr als interessanten Blick auf die vielfältigen Ausprägungen des Musiktheaters in den 1930er Jahren geworfen zu haben. Weinbergers Karriere als Komponist ist durch den Nationalsozialismus und den Krieg im zerstört worden, und da ist es nur Recht, dass ein sehr guter Komponist einmal ins Bewusstsein gehoben wird.
Elisabeth Richter
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