Walküre Scala

Projektionen und sonst nicht viel

Foto: Credits: Brescia e Amisano, Teatro alla Scala

Guy Cassiers inszeniert, Daniel Barenboim dirigiert "Die Walküre" von Wagner zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala
 
(Mailand, 7. Dezember 2010) Ein schöner Abend. Musikalisch jedenfalls. Simon O’Neill war ein wunderbarer und gefühlvoller Siegmund und Waltraud Meier eine erfahrene und kraftvolle Sieglinde. John Tomlinson interpretierte aufs Beste den Hunding und Wotan wurde meisterlich von Titalij Kowaljow bestritten. Ekaterina Gubanova überzeugte als Fricka und der Star des Abends war sicherlich die stimmgewaltige Nina Stemme in der Rolle der Brünnhilde. 
Daniel Barenboim wuchs mit jeder Minute. Klang seine Interpretation der "Walküre" anfangs noch ein wenig zögerlich, noch nicht zu kraftvollem Schwung entschlossen, sollte sich dieser aber ab dem zweiten Aufzug einstellen. Mit so mitreissender musikalischer Gewalt, das wohl nur die schlimmsten Musikignoranten des mondänen Abends unberührt blieben. 

Doch am Besten genoss man Wagners Mailänder "Walküre" mit geschlossenen Augen, nur ab und an mal auf die Bühne schauend, um sich zu vergewissern, was Guy Cassiers sich hat einfallen lassen. Der belgische Regisseur wurde am Ende ausgebuht, sicherlich nicht zu unrecht. 
Im Vorfeld der Premiere war es Waltraud Meier, die Journalisten anvertraute, dass es um die Zusammenarbeit zwischen ihr, den übrigen Sängern und Cassiers gar nicht gut bestellt sei. Sie sprach vom Desinteresse des Regisseurs an der konkreten Regiearbeit. Er interessiere sich, so Meier, viel mehr für die Videos und Lichtinstallationen, die Cassiers zusammen mit Enrico Bagnoli bot. Nichts Spektakuläres wie beispielsweise Peter Sellers "Tristan und Isolde" vor einigen Jahren an der Bastille-Oper in Paris: eine Inszenierung ganz in schwarz, bei der die Farbe nur auf den gigantischen Videos des Künstlers Bill Viola vorkam.  
Das gefiel oder nicht, auf jeden Fall aber war es eine konsequente Lösung. Die Gefühle der Protagonisten wurden nicht durch diese selbst zum Ausdruck gebracht, sondern durch Violas Farben- und Formenspiele.
 
Bei der Mailänder "Walküre" hingegen wurde ein Mischmasch aus Regie- und Video- und Lichttheater geboten. Der Regisseur scheint nur wenig Interesse daran gehabt zu haben, sich mit den einzelnen Rollen und ihren Beziehungen untereinander zu beschäftigen. 
Eingehüllt in vage an historische Gewänder erinnernde Kostüme, die keine Beziehung zu den hochmodernen Regie- und Bühnenbildtechnologien ergaben, merkte man den Sängern an, dass sie sich nicht richtig wohl fühlten.  
Ein weiterer Kritikpunkt seitens der Sänger: Cassiers kümmerte sich nicht um die Wandlungen innerhalb einer Rolle. Wie zum Beispiel in der Rolle der Sieglinde, die von Waltraud Meier gesungen wurde. "Es ist eine Entwicklung in dieser Rolle, viele Entwicklungen sogar", meint Waltraud Meier, "denn am Anfang ist sie unter dieser Herrschaft ihres Ehemannes, dann blüht sie auf und entdeckt die Liebe und die Freiheit und am Schluss kann sie mit dieser ganzen Freiheit und mit all diesen Schuldgefühlen nicht umgehen und wird wirklich verrückt". 
Klar, dass eine Sängerin, die daran gewöhnt ist, Rolle lang und breit auszuarbeiten, bei Guy Cassiers zu kurz kommt.  
Schon im Mai sorgte Cassiers an der Scala mit einer Regie für zwiespältige Urteile. Seine Inszenierung von Wagners "Rheingold" war zwar umstritten, doch nahm er sich damals mehr Zeit für die Ausarbeitung der Rollen.
 
Das Regiekonzept von Cassiers basiert auf einer komplexen Idee der Mitarbeit des Publikums. Es wird keine eindeutige Interpretation vorgegeben. "Diese muss sich das Publikum selbst erarbeiten", meint Enrico Bagnoli, Bühnenbildner und Lichtdesigner von Cassiers. Das ist ein Regiekonzept, das viel, sehr viel dem Publikum abverlangt. Ein sicherlich interessantes Konzept, wenn es denn nur durchdachter wirken würde. So wie in dieser Inszenierung präsentiert es sich als ein Nebeneinander von Videos und Lichtspielen und Sängern, die wie für sich agieren, so als wären sie Teil einer anderen Aufführung.
 Die neue Mailänder „Walküre“ ist aber auf jeden Fall erinnerungswürdig: Barenboims musikalische Interpretation legt ganz besonderen Wert auf die psychologischen Untertöne und Entwicklungsstränge einzelner Rollen, wie zum Beispiel der von Sieglinde. 
Thomas Migge
 
"Die Walküre" von Richard Wagner
Teatro La Scala, Mailand
7. Dezember bis 2. Januar 2011

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