Wagners „Ring“ in drei Opern

Spar-„Ring“

Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ als Trilogie am Theater an der Wien – ein interessanter Versuch, aber auch nicht mehr

Von Derek Weber

(Wien, November, Anfang Dezember 2017) Es klingt ja rekordverdächtig: Wo Gustav Kuhn sich vor Jahren noch abmühte, Wagners „Ring“ in vierundzwanzig Stunden zu absolvieren, kündigte das Theater an der Wien an, Wagners „Ring“ in netto zehn (inklusive der Pausen in etwas mehr als elf) Stunden aufführen zu wollen.

Dass dieses Theater als Stagione-Betrieb immer für Raritäten gut ist, hat es oft genug bewiesen. Nun aber greift es nach noch Höherem: Es kondensiert die Wagner‘sche „Ring“-Tetralogie zu einer Trilogie, welche die Geschichte nicht aus der Sicht der „Alten“, also nicht auf die Person Wotans zentriert, erzählen will, sondern aus der Perspektive der „Jüngeren“ – aus der Sicht Siegfrieds, Brünnhildes und Hagens.
Geopfert werden dabei etliche große orchestrale „Renner“ wie der Walkürenritt – also just jene Glanzstücke, die Leopold Stokowski und nach ihm Lorin Maazel zu einer Art von Best-of-Suite zusammenfügten. (Bei Maazel hieß das dann „Ring ohne Worte“ – siehe aktuelle CD-Kritik auf KlassikInfo.de.)

In Wien blieben die Worte intakt, so weit sie sich auf szenisch nicht Gestrichenes bezogen. Im übrigen wurde kräftig umgestellt und quasi durchgeschüttelt – nach ehrbaren dramaturgischen Gesichtspunkten, und das nicht nur innerhalb der einzelnen „Ring“-Teile. Die einzelnen Abende erhielten neue Namen: „Hagen“, „Siegfried“ und „Brünnhilde“. Eingeleitet wurde jeder Teil mit der Ermordung Siegfrieds durch Hagen. Dies rekurriert als Idee wohl auch auf Wagners erste „Ring“-Anläufe aus dem Jahr 1848 („Siegfrieds Tod“).
Für die Wiener Trilogie-Fassung zeichnen die Regisseurin Tatjana Gürbaca, die Dramaturgin Bettina Auer und der Dirigent der Aufführung, Constantin Trinks, gemeinsam verantwortlich.

Natürlich ist ein solches interpretatorisches Verfahren im Musiktheater mit größeren Risiken behaftet als im Prosabereich, zumal bei einem mit Leit- und Erinnerungsmotiven arbeitenden Komponisten wie Richard Wagner. Und was vorgeführt wird, ist nicht leicht gerecht zu beurteilen, weil man die erzählte Geschichte als alter Theaterhase natürlich von A bis Z – vom Raub des Rheingolds bis zum Ende Walhalls – gut kennt und sich nicht in einen naiven Betrachter zurückverwandeln kann, der vom Lauf der Dinge keine Ahnung hat.
Bis auf den zweiten Abend („Siegfried“) wird die Basis für den neuen Ablauf von der „Götterdämmerung“ gebildet, ergänzt durch Szenen und Fitzel aus „Rheingold“ und „Walküre“. Im „Siegfried“-Teil sind neben dem originalen „Siegfried“ auch zentrale Szenen aus der „Walküre“ verarbeitet.

Die Musik zur Trilogie scheint auf den ersten Blick in Ordnung. „Kein Takt; der nicht nach Wagner klingt“, schraubt Constantin Trinks, der Dirigent, den Anspruch sicherheitshalber etwas herunter. Denn genau besehen bleiben doch etliche Fragen offen: Gespielt wird die für Wien adaptierte orchestrale Reduktionsfassung eines Bratschisten der Meininger Hofkapelle namens Alfons Abbass aus dem Jahr 1905 (beim Schott-Verlag erhältlich). Sie kommt mit rund 60 Musikern aus. Doch dabei kommen nicht nur die Streicherstellen etwas zu kurz. Die Umstellung des Handlungsablaufs hat auch weitere Eingriffe zur Folge, für die ein Komponist, Anton Safronov, verpflichtet wurde, der vor allem mit mehr oder minder großem Geschick Übergangstakte eingefügt hat. Statt einer Posaune erklingt an manchen Stellen eine Basstrompete. Auch Wagnertuben werden eingesetzt. Für ein kleines Theater wie das Theater an der Wien ist das gewiss eine ebenso probate Lösung wie die kleine Fassung des „Wozzeck“, die jüngst am selben Ort zu hören war.

Ob das zeitweilige „Zudecken“ der Sänger Absicht war oder als Dauererscheinung einfach nur „passiert“ ist), ist schwer zu entscheiden. Wie ja überhaupt die Beurteilung der Leistungen der Sänger an dieser Stelle ebenso wenig im Zentrum stehen soll wie die Umsetzungsvorschläge und -skizzen der Regisseurin. Dass die Peter Konwitschny-Schülerin Tatjana Gürbaca über ein großes Maß an unkonventioneller Phantasie verfügt, um übers Künstlerische hinaus die finanziellen Möglichkeiten eines Hauses wie des Theaters an der Wien, bei dem inzwischen nach den anfänglichen fetten Jahren Sparen angesagt ist, nicht zu überfordern, steht ja außer Frage. Sie kommt vor allem im Bühnenbild (Henrik Ahr) mit erstaunlich wenigen Ingredienzien aus. Umso erstaunter ist man über die schwarzmächtige Abundanz des Schlussbildes des „Siegfried“-Abends. Im übrigen wird die Szenerie klein- oder genauer: karg gehalten, verkürzt den Bühnenraum und macht ihn sängerfreundlich.

Bei den Requisiten ist vieles bewusst gegen den Strich gebürstet, wie der Taschenfeitl (österreichisch für Taschenmesser), der als Schwert Nothung herhalten muss und auch vom Regiekonzept her nur in der Phantasie der Protagonisten als glitzerndes Schwert existiert. Auch die Kostüme (Barbara Drosihn) sind im Durchschnitt dem Alltags-Trash entsprungen.
Der Schlussszene wirkt in ihrer weißen Unschuld etwas unschlüssig, unfertig und pseudoabstrakt. Vom Ende Walhalls ist dabei nichts zu spüren.

Und um ein paar Worte zu den Sängerdarstellern zu verlieren: Die glaubwürdigsten Figuren sind Siegmund und Sieglinde (Daniel Johansson und Liene Kinča) und der ungemein wortdeutliche Mime (Marcel Beekman), Kristján Jóhannesson als hin- und hergerissener Gunther und der wie immer überzeugende Martin Winkler als geprellter Alberich. Ingela Brimberg und Daniel Brenna werden als Brünnhilde und Siegfried durch die Umstellung der Szenen über Gebühr gefordert, und Samuel Youn hatte als Hagen für den letzten Akt noch Reserven aufgespart.

Constantin Trinks führte das ORF-Orchester mit straffen Tempi durch die drei Abende. Mit mehr Elastizität wäre da freilich interpretatorisches Terrain zu gewinnen gewesen. Buhs gab es, wie bei Wagner-Aufführungen üblich, nicht nur für die Regie, sondern auch für Daniel Brenner. Ingela Brimberg hingegen wurde einhellig mit Applaus bedacht.

Ob sich – um das Gesamtbild abzurunden – die Trilogie-Fassung des „Rings“ auch außerhalb Wiens einen Platz im Repertoire erobern wird, darf bezweifelt werden – nicht so sehr wegen der Trägheit des alltäglichen Theaterbetriebs, sondern vor allem deshalb, weil der alte Herr Wagner mit seiner Tetralogie die Messlatte doch sehr hoch gelegt hat.

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