Wagners Ring an der Augsburger Puppenkiste

Urmel und Fafner

Die Augsburger Puppenkiste präsentiert zu ihrem 70. Geburtstag Wagners „Ring“ an einem Abend – mit 30 geschnitzten Puppen

Von Robert Jungwirth

(Augsburg, 16. November 2018) Mit Drachen kennt man sich aus an der Augsburger Puppenkiste. Schließlich erfreut Urmel aus dem Eis bereits Generationen von Kindern. Jetzt hat Urmel mit dem Lindwurm aus Wagners „Walküre“ einen allerdings nicht ganz so freundlichen Artgenossen bekommen. Der hat rotglühende Augen, und aus seinem Maul faucht er jede Menge Dampf. Ein Ungeheuer wie es sich gehört. Und die Rheintöchter haben endlich mal richtige Flossen und Schuppen und sehen ein bisschen aus wie Seepferdchen. Sehr originell sind auch die beiden tumben Riesen Fasolt und Fafner mit den kleinen gelben Bauhelmen auf ihren großen Köpfen. Gerade kommen sie von der Großbaustelle Walhall – der Götterburg, die sie Wotan gebaut haben.

Gesungen wird in diesem „Ring“ nicht, sondern gesprochen – mit Musikuntermalung. Der „Ring“ als Melodram also. Auch wenn das meiste in dieser Ring-Adaption der Augsburger Puppenkiste recht märchenhaft daherkommt, wie man es von Deutschlands berühmtester Marionettenbühne auch nicht anders erwartet, will Regisseur Florian Moch mit diesem „Ring“ doch auch eine Aussage transportieren, die an Wagners revolutionäres Gedankengut zur Entstehungszeit des „Rings“ anknüpft.

Moch hat die 16 Stunden Opernspielzeit der vier Opern des „Rings des Nibelungen“ zu handlichen 2 Stunden eingedampft und dafür ein komplett neues Libretto geschrieben. Zudem stammen die Puppen und die Kostüme von ihm. Die Sprache ist durchaus heutig und mit humorvollen Zutaten versehen, etwa wenn Brecht zitiert wird. Aber auch original Wagner kommt vor.
Den Text haben dann Schauspieler als Quasi-Hörspiel auf Band eingesprochen und der Komponist Enjott Schneider hat das nun vertont. Ein richtiges Orchester konnte Schneider für seinen „Ring“ aus Kostengründen leider nicht verwenden, da mußte das heimische Tonstudio herhalten, das Schneider aber auch schon für etliche seiner Filmmusiken effektiv genutzt hat.

Der Beginn des Augsburger Puppenkisten-„Rings“ ist tatsächlich recht nah an Wagners Original „Rheingold“ – textlich und musikalisch, was damit zusammenhängen dürfte, dass diese erste „Ring“- Oper die handlungstärkste des gesamten „Rings“ ist. Im weiteren Verlauf hat sich Florian Moch dann auf die zentralen Handlungsmomente konzentriert und die mitunter recht weitschweifigen Monologe und Dialoge der Wagnerschen Vorlage komplett gestrichen oder extrem gekürzt. Er hat das mit dem geübten Blick des Theaterpraktikers getan, aber auch mit viel Gespür für Wagners Werk, mit dem sich der gelernte Theaterwissenschaftler intensiv beschäftigt hatte.
Herausgekommen ist ein durchaus gelungener spannungsreicher Handlungsbogen, der Wagner keineswegs verfälscht, sondern einfach nur komprimiert und den Gesang durch Sprache ersetzt. Ideal also für Opernfreunde, die keinen Gesang mögen, falls es solche gibt, oder für Einsteiger in Wagners Welt…

Was die Musik betrifft, so hat Enjott Schneider auch ein paar Extras zu Wagner hinzugefügt, wie etwa Anklänge an den Filmklassiker „Herr der Ringe“. Ansonsten verfuhr er mit der Musik so wie Moch mit dem Text: Er hat sie gerafft und auf ein kleineres Format heruntergebrochen – und er hat neue Übergänge und Untermalungen komponiert. Im Rheingold und der „Walküre“ ist noch viel von Wagners Musik zu hören, in den beiden folgenden Opern, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“, wird das dann leider immer weniger, und gerade in der „Götterdämmerung“ klingt die Musik ein wenig einfalls- und spannungslos. Es gibt keine große Liebesmusik zwischen Siegfried und Brünnhilde und auch keinen Trauermarsch für Siegfried. Schade, denn was man an Phantasie und Witz auf der kleinen Bühne optisch geboten bekommt, etwa den Drachenkampf Siegfrieds, die Verwandlungen Alberichs oder auch die Ermordung Siegfrieds durch Hagen – das ist allemal sehens- und staunenswert und nimmt dem „Ring“ auch nichts von seiner inhaltlichen Bedeutung.

Nicht weniger als 30 Figuren sind immerhin für das Mamutunterfangen geschnitzt und eingekleidet worden. Souverän werden sie in der Regie von Florian Moch von den insgesamt 7 Puppenspielern punktgenau durch die Bühnenbilder von Hans Kautzmann bewegt. Wobei nicht nur die jeweils sprechenden Personen agieren, sondern auch das übrige anwesende Personal. Kein Wunder, dass dieser „Ring“ das bislang größte Theaterprojekt der Puppenkiste darstellt.
Das letzte Wort des „Rings“ hat in Augsburg die Urmutter Erda, die raunend den Niedergang der Götter kundtut. Der Musik von Enjott Schneider fällt dazu allerdings leider nicht mehr viel ein.

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