Vortrag Alfred Brendel über Schubert

Brendel erklärt Schubert sprechenderweise

Alfred Brendel hielt in der Salzburger Universität einen Vortrag über Schuberts letzte Klaviersonaten
 
(Salzburg, 9. August 2012) Schuberts Klaviersonaten hatten lange Zeit keinen leichten Stand. Dies gilt insbesondere für die letzten drei: c-Moll (D 958), A-Dur (D 959) und B-Dur (D 960). Erst elf Jahre nach dem Tod des Komponisten gedruckt, fand selbst Robert Schumann, sonst ein glühender Bewunderer Schuberts, nur bescheidene Worte für das Spätwerk. Gar von "Einfalt der Erfindung" oder der "Ausspinnung von gewissen allgemeinen musikalischen Gedanken" ist die Rede.
 
Nach Alfred Brendels Vortrag in der Aula der Salzburger Universität (im Rahmen der Salzburger Festspiele) erscheinen solche Äußerungen doppelt unbegreiflich, obwohl Brendel auch erklärte, weshalb sich das Publikum diesen Stücken so lange verweigerte. Zunächst ist da die Länge; es bedurfte erst der Gewöhnung an die Dimensionen eines Gustav Mahlers und Anton Bruckners, um ausreichend "Geduld" für die letzten Sonaten Schuberts aufzubringen. So wurde auch die große C-Dur Symphonie – elf Jahre nach Schuberts Tod – von Felix Mendelssohn- Bartholdy nur verkürzt uraufgeführt. Dazu kam, dass Wien nicht gerade eine förderliche Stadt für Schubert war. Er selbst bezeichnete sie als "(…) ein wenig groß, dafür (…) aber leer an Herzlichkeit, Offenheit, an wirklichen Gedanken, an vernünftigen Worten, und besonders an geistreichen Taten."
Selbst der große pädagogische Einfluss des Pianisten und Lehrers Arthur Schnabel, dem, zusammen mit Eduard Erdmann, die Wiederbelebung der Schubert Sonaten im 20. Jahrhundert zu verdanken ist, ging an Wien vorüber. Alfred Brendel stellte klar, dass es so etwas wie eine "Wiener Schuberttradition" nie gegeben hat.
 
Neben Erläuterungen über die Rezeptionsgeschichte ging es in Brendels Vortrag um das musikalische Wesen der Stücke. Erfreulich dabei war, dass Brendel nicht musikwissenschaftlich-erbsenzählerisch, sondern aus der Sicht des Interpreten argumentiert. Motivische Zusammenhänge machte er dem Zuhörer ebenso bewusst, wie interpretatorische Vorgehensweisen. Anschaulich wurde das, weil Brendel seine Behauptungen stets am Flügel begründete. So zum Beispiel biete der Triller zu Beginn der B-Dur Sonate laut Brendel dem Interpreten zusammen mit der Fermate die Möglichkeit, den Klang im Unendlichen verhallen zu lassen. 
Alfred Brendel empfindet die drei zwischen Mai und September 1828 entstandenen Sonaten als zusammengehörig. Die zornige c-Moll Sonate – ein Jahr nach Beethovens Tod geschrieben – ist mit Sicherheit die virtuoseste und klassischste aller Schubertsonaten. Sie bildet ein Gegenbild zur  A-Dur Sonate. In ihr zeigt sich die "hellste Welt mit der dunkelsten Gegenwelt". Die große B-Dur-Sonate ist die harmonischste und sensibelste der Trias. In einer "Synthese resignierter Gefasstheit" kommt die musikalische Aussage hier zum Stillstand.
 
Brendels Vortrag erreicht das, was musikalische Analyse eigentlich immer erreichen sollte: eine Hilfestellung zu geben, die Stücke besser zu verstehen bzw. wahrzunehmen. Dabei nahm sich Brendel die Zeit, ganze Sätze anzuhören, um das Gesagte zu verinnerlichen (wenn auch nur eingespielt, und nicht selbst am Flügel vorgetragen). So zum Beispiel das traurig-schöne Andantino der A-Dur Sonate, an dessen Ende ein "völliges Verlöschen" steht. Den virtuoseren Stellen "geht jeweils die Stille voraus, die den Sturm als mögliche Folge in sich birgt." Solche wunderbaren Formulierungen machen den Nachmittag in Salzburg zu einem Genuss, auch wenn die große Aula vom allgemeinen Wunsch erfüllt ist, der Vortragende möge etwas länger am Flügel verweilen, als nur für kurze Ausschnitte. Mitunter wartet man förmlich darauf, dass jemand aufspringst und schreit: "So spielen Sie doch weiter!"

Alfred Brendels besondere Beziehung zu Schubert, wurde dem Zuhörer natürlich auch schon vor seiner Schlussbemerkung klar, sie ist aber ein zu schöner Beleg dafür, als dass man sie unerwähnt lassen könnte: "Dass Schubert auch noch in seiner letzten Lebenszeit manchmal imstande war, die Dinge leicht zunehmen, sollte uns freuen. Nichts vermag uns allerdings mit dem Zynismus eines Schicksals zu versöhnen, das Schubert im Alter von 31 Jahren sterben ließ."  
 
Philip Brückner

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