Klassikk(r)ampf

Berthold Seligers Buch „Klassikkampf“ versucht eine Analyse des gegenwärtigen Musikbetriebs mit altlinken Thesen – mit durchwachsenem Erfolg

Von Robert Jungwirth

Es dauert bis Seite 183 bis Berthold Seliger den Titel seines Buchs erklärt. „Klassikkampf“ bedeutet für ihn „die Auseinandersetzung zwischen traditionellen Hörern und den modernen Hörern, (…) zwischen denen, die im Konzert eine Aneinanderreihung von »schönen Stellen« erwarten, und denen, die eine Erweiterung des Darstellbaren, Kühnheit und Wildheit wünschen“. Warum stilisiert Seliger diese eher moderate Antinomie in der Rezeption klassischer Musik zum „Kampf“ empor, mag man sich fragen. Rasch wird klar, dass es für Seliger um mehr als nur um ästhetische Fragen geht. Es geht mehr noch um die gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Bedeutung von klassischer Musik bzw. der sogenannten „ernsten Musik“. Denn an diesem leicht verstaubten Terminus hält Seliger erstaunlicherweise mit Überzeugung fest, da er in ihm am ehesten das gespiegelt sieht, was diese Musik auszeichnet: „Es geht um Musik, die die zentralen Problem- und Fragestellungen der menschlichen Existenz zu berühren sucht.“

Der effekthascherisch auf Krawall gebürstete Titel seines Buchs „Klassikkampf“ verweist an sich schon auf Stärken wie Schwächen des Buchs gleichermaßen. Die Stärken bestehen darin, dass der Autor durchaus kenntnis- und faktenreich die vielen Untiefen und Oberflächlichkeiten des Musikbetriebs der klassischen Musik unserer Tage benennt und diese auch mit durchaus kämpferischer Inbrunst kritisiert. Etwa die immer stärkere Verengung des Konzertrepertoires auf wenige Mainstreamwerke oder die mehr und mehr aufs Äußerliche und Oberflächliche ausgerichteten Vermarktungsstrategien der Plattenfirmen und Konzertagenturen. „Die Marketingaktivitäten der Klassikindustrie haben alles
zum Produkt gemacht. Sie machen Interpreten zu Interpreten-Darstellern. Es kommt aufs Aussehen an, nicht auf die Musik. Warum muss die Sopranistin Danielle de Niese auf dem Promofoto ihrer Plattenfirma im kurzen Kleidchen auf dem Parkettboden eines Zimmers positioniert werden? Warum steht über dem Portrait der Sopranistin Christiane Karg (natürlich schulterfrei) auf ihrem Album nur groß »Parfüm«? Verkaufen die Sängerin oder ihre Plattenfirma Kosmetika?“

Die Antwort auf diese Fragen kennt Seliger natürlich: Sex sells – auch in der Klassik. Das zu kritisieren, ist nicht neu. Das haben schon etliche Autoren vor ihm getan. Geändert hat es (natürlich) nichts. Die Plattenfirmen verfahren nach ihren eigenen Gesetzen, und bei rückläufigen Umsätzen wird die Verpackung eben immer wichtiger. Das Problem dabei jedoch ist, dass diese Entwicklung Auswirkungen auf den gesamten Klassikmarkt hat. Die Kommerzialisierung und Kulinarisierung der klassischen Musik reduziert diese auf die Befriedigung eines oberflächlichen Unterhaltungsbedürfnisses. Und das sei eine Gefahr, so Seliger. Denn klassische Musik sei keine Häppchenkultur, sie erfordere die „Mitarbeit“ des Hörers. „Diese Musik ist unbestritten ein Geschenk – aber man bekommt sie, wie Holger Noltze bemerkt, eben »nicht geschenkt«. Man muss auch das Hören von Musik lernen (…). Um die Werke der ernsten Musik wirklich erfahren zu können, muss man sie verstehen, benötigt man Wissen, benötigt man: Bildung!“

Die Schwächen von Seligers Buch liegen in der argumentativen Fokussierung auf linke bzw. altlinke Gesellschaftstheorien und Denkmodelle, die er für seine Analyse des Klassikbetriebs nahezu ausschließlich verwendet. Das wirkt mitunter schon reichlich antiquiert und nimmt dem Buch einiges an Qualität und Originalität. Sätze wie dieser finden sich in dem Buch immer wieder: „Zur Kette von Befestigungswerken, die sich die bürgerliche Gesellschaft zur Absicherung ihrer kulturellen Hegemonie errichtet hat, muss der musikalische Werkkanon gezählt werden. Die herrschende Kultur ist immer die Kultur der Herrschenden.“

Ob die Klassik eine Erfindung der Bourgeoisie ist, wie Seliger postuliert, mag dahingestellt sein. Die Frage ist, ob man dem zweifelsohne stark kommerzialisierten Musikbetrieb der klassischen Musik argumentativ mit solch klassenkämpferischen Parolen beikommt. Da scheint ein anderer Ansatz, den Seliger erfreulicherweise auch in seinem Buch anführt, doch zielführender zu sein: die Forderung nach einer Verstärkung der musischen Bildung und Erziehung. Interessanterweise kritisiert er hierbei vor allem die (linke) 68er Generation, die kulturelle Bildung im vermeintlichen Kampf gegen den bürgerlichen Elitarismus geschliffen hat. „Erst im Lauf der folgenden Jahrzehnte, als die Alt-Achtundsechziger während ihres »Marsches durch die Institutionen« an den Schalthebeln kultur- und bildungspolitischer Institutionen angelangt waren, brachten die von ihnen häufig vertretenen kunstfeindlichen und den vermeintlichen Luxus der Opernhäuser und Symphonieorchester drastisch beschneidenden Entscheidungen einen nachhaltigen Backlash für die klassische Kultur, aber auch für die Allgemeinbildung – Partiturkenntnis oder Instrumentalspiel galten als »bürgerlich« und wurden zur Sache von Spezialisten.“

Berthold Seligers „Klassikkampf“ ist trotz seiner altlinken Stoßrichtung ein interessantes und lesenswertes Buch über den Klassikbetrieb, seine Probleme, Gefahren aber auch Chancen. Denn darum geht es dem begeisterten Musikfan Seliger letztlich vor allem: Für die Bedeutung des enormen geistig-kulturellen Schatzes der klassischen Musik und ihrer persönlichkeitsbildenden und bewußtseinserweiternden Kraft zu werben und ja zu kämpfen – jenseits ihrer oberflächlichen Vermarktung und Verharmlosung. Denn – und hier kommt ihm Adorno zu Hilfe – „die Musik, die Kunst bleibt uns mitunter als einzige Rettung aus einer von Grund auf falschen Welt, und zwar nicht, weil sie richtiger wäre, sondern weil sie um das universale Falsche weiß“.

Berthold Seliger: Klassikkampf – Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle. Matthes und Seitz Verlag, 496 Seiten, 24 Euro.

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